Zeitung Heute : Nicht nur zur Weihnachtszeit ...

GERD APPENZELLER

In traditionellen Überlieferungen zur Weihnachtszeit wird oft die alles überstrahlende Liebe hervorgehoben.Doch die Realität sieht anders aus.Unübersehbar ist die Bewegung hin zu einem neuen EgoismusVON GERD APPENZELLERIm Volksmärchen und in der Literatur gibt es schöne Beispiele dafür, wie zum Weihnachtsfest gerade die Geizigen und die Hochmütigen vom Geschehen um Christi Geburt so angerührt werden, daß sich ihre Herzen öffnen und sie sich zu neuen und vor allem besseren Menschen wandeln.Die Hoffnung auf Umkehr und auf die alles Leid überwölbende Liebe ist die schöne Botschaft dieser Geschichten, die uns alle als Kinder so gefangen genommen haben.Der weniger erfreuliche Teil der traditionellen Überlieferungen zur Weihnachtszeit ist, daß sie mehrheitlich dem Reich der Phantasie zuzurechnende, verklärende Erfindungen sind.Zwar wird nie so viel gespendet wie unter dem Einfluß der Erzählung, die uns in ihrer reinsten Form die Apostel Matthäus und Lukas übermittelt haben.Aber daß insgesamt die Liebe unter den Menschen, gerade in den sogenannten zivilisierten Staaten, zugenommen habe, wird niemand ernsthaft behaupten wollen. Ganz im Gegenteil - unübersehbar ist die Bewegung hin zu einem neuen Egoismus einzelner und bestimmter Gruppen.Wieso es ausgerechnet jetzt und daß es überhaupt dazu kam, liegt auf der Hand.Mit dem Scheitern des Kommunismus ist der Systemkonflikt entfallen.Das westliche Verständnis von Demokratie und Marktwirtschaft hat sich als das weit überlegene Organisationsmodell durchgesetzt.Die Notwendigkeit zur Rücksichtnahme, so eine beliebte These, besonders eindringlich gerade von der Französin Viviane Forrester vorgetragen, ist entfallen; der Sieger des Machtkampfes mache sich nun in aller Hemmungslosigkeit breit. Diejenigen, die das Prinzip der weitgehenden Individualität im öffentlichen und privaten Bereich schon immer als janusköpfig empfunden haben, sehen nun das Gespenst des Raubtierkapitalismus wieder auferstehen, das die Sozialgesetzgebung und starke Gewerkschaften gebannt hatten.Wer sich hingegen in der Vergangenheit eher in seinen Entfaltungsmöglichkeiten durch einen übermächtigen Staat behindert und gegängelt fühlte, hofft nun den Moment gekommen, die Leitlinien von Leistung und Selbstverantwortung mit neuem Leben zu erfüllen. Da die Welt nicht so einseitig und die Lebensentwürfe nicht so homogen sind, wie es uns die Anhänger der einen wie die Protagonisten der anderen Vorstellung vom Lauf der Dinge glauben machen wollen, läßt sich beides belegen - die Notwendigkeit, das Raubtier zu domestizieren, wie die Pflicht, den Menschen wieder mehr in den Mittelpunkt seiner eigenen Entscheidungen zu stellen.Sicher ist aber, daß wir den Staat als Leviathan, der allen und allem die Luft zum Atmen abschnürt, nicht mehr haben wollen.Wir können ihn uns auch nicht mehr leisten, weder finanziell noch im Hinblick auf eine von bürokratischen Fesseln weitgehend befreite Welt, deren lebens- und entwicklungsbegierige Bewohner uns die Saturiertheit ganz schnell austreiben werden, wenn wir nicht selbst für einen Adrenalinstoß sorgen.Nur, was folgt daraus? Es wird auch in Zukunft ohne ein Netzwerk von allgemein anerkannten Verhaltensregeln nicht gehen.In dem Maße, in dem staatlicher Zwang deren Einhaltung immer weniger überwachen kann, werden wieder Bürgertugenden in den Mittelpunkt rücken müssen, die durch die Ausuferung des Staates, auch des Sozialstaates, ins Vergessen gerieten.Elternhäuser und Schulen werden daran erinnern müssen, daß man nicht immer fragen darf, was für uns getan wird, sondern eher, was wir selber beitragen können.In dieses Bild gehört eine so altertümliche Vorstellung wie die, daß man seine Nachbarn auch im übertragenen Sinne nicht aus den Augen verlieren sollte, weil sie vielleicht einmal Hilfe brauchen.Im Vertrauen bemerkt: Es könnte einem auch selbst einmal nützen... Es ist eigentlich ganz einfach: Wer weniger Staat will, muß sich selbst mehr einbringen.Egomanes Ausklinken aus der Gemeinschaft wie die Steuerflucht und Verantwortungsverweigerung allgemein, werden künftig noch schwerer erträglich sein.Wir werden uns bewußter einbringen müssen.Auch das wollen uns die Geschichten um die Weihnacht sagen.Man sollte sich an sie eben nicht nur am 24.Dezember erinnern.

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