Zeitung Heute : Nicht ohne den Zoo-Palast

MATTHIAS OLOEW

Beschlossene Sache: Die Berlinale wird zum Jubiläum im Jahr 2000 an den Potsdamer Platz ziehen und die Stars zur Premiere am Marlene-Dietrich-Platz begrüßen.Allein, es bleibt die Frage: Lassen debis und Sony genügend Kinos bauen - oder werden die angestammten Säle am Zoo doch noch gebraucht?VON MATTHIAS OLOEWVorn drängeln Autogrammjäger, Fotografen schubsen.Weiter hinten ist es ruhiger.Da stehen die Zuschauer auf Treppenstufen und haben das Halbrund ganz im Blick.Dunkle Limousinen kommen im engen Takt an und bringen ihre teure Fracht direkt vors Portal.Der Festivalchef begrüßt die Stars, die sich zum runden Jubiläum die Klinke in die Hand geben.Auftakt zur Berlinale 2000.Ein rauschendes Fest beginnt auf dem Marlene-Dietrich-Platz, im Schatten der neuen debis-Türme. Aber noch dröhnen die Bagger.Die Kräne hieven Material in die oberen Stockwerke.Zwischen den Absperrungen rangieren Lastwagen, Bauarbeiter ziehen grüppchenweise über die Baustelle.Der Marlene-Dietrich-Platz, oder das, was sich heute davon erahnen läßt, ist von Betongräben durchzogen.Gegen den Baulärm setzt sie sich nur mit Anstrengung durch: "Hier werden die Filmfestspiele in zwei Jahren eröffnet", sagt debis-Sprecherin Ute Wüest von Vellberg und deutet auf das Portal des neuen Musical-Theaters, das sich zum neuen Platz öffnet. An der Tatsache wird nicht mehr gerüttelt.Der Umzug der Filmfestspiele an den Potsdamer Platz ist beschlossene Sache.Die Filme aller Sektionen werden hier gezeigt, allen voran die großen Premieren des Wettbewerbs, die im 1800-Sitzplätze fassenden Musical-Theater über die Bühne gehen sollen.Zufall oder nicht: Es wird die 50.Berlinale sein, die in den neuen Kinos beginnt.Noch ist jedoch nicht klar, ob auch genügend Platz für alle Premieren ist.Denn mit dem Baubeginn auf dem Gelände von debis war keinesfalls entschieden, daß hier einmal das wichtigste Kulturereignis der Stadt stattfinden sollte.Büros und Filmlager sind zwar untergebracht, aber die Kinosäle sind insgesamt nicht groß genug, um alle Vorstellungen in gewohnter Weise ablaufen zu lassen.Forum-Chef Ulrich Gregor geht deshalb davon aus, daß wesentlich mehr Wiederholungen im Programmablauf eingeplant werden müssen.Ohne die angestammten Kinos, sagt Gregor, gehe es nicht.Das Forum werde am "Delphi" festhalten.Aber der Potsdamer Platz hat eine starke Lobby, sehr zum Verdruß von Festival-Leiter Moritz de Hadeln, der lieber in den angestammten Spielorten um den Bahnhof Zoo geblieben wäre. Zur Lobby gehört neben Daimler Benz auch Sony - in dessen Center neben dem Filmhaus mit zwei Kinos für die Freunde der Deutschen Kinemathek noch acht weitereKinosäle in Bau sind - sowie Hans-Joachim Flebbe, marktführender Multiplex-Betreiber in Deutschland, der sein Riesen-Kino an der Neuen Potsdamer Straße bereits im Juni dieses Jahres eröffnen will.Mit dem Umzug holt er sich den Wettbewerb wieder in seine Kinos zurück, nachdem der Zoo-Palast in die Hände des Flebbe-Konkurrenten UCI kam und der Hamburger damit zähneknirschend ein wichtiges Aushängeschild abgeben mußte.Am Innenausbau des neuen Kinos läßt sich am ehesten ablesen, daß hier die Filmfestspiele vorgesehen sind.Denn neun der insgesamt 19 Säle sind für Multiplexkinos ungewöhnlich klein: Sie haben nicht mehr als 50 Sitzplätze. Hier sollen in zwei Jahren sämtliche Aufführungen im Rahmen des Europäischen Filmmarktes stattfinden.Zu dieser Messe, die traditionell das Berlinale-Programm ergänzt, gehören auch kaum zählbare Vorstellungen brandneuer Filme, die noch keinen Verleiher haben und in Berlin aussichtsreich an den Start gebracht werden.Die Marktstände der Messe selbst sind für das Atrium des debis-Gebäudes vorgesehen. Allein: Was macht ein Multiplex mit kleinen Kinos das ganze Jahr über? "Es ist für mich eine Rückkkehr zu meinen Programmkinozeiten", sagt Hans-Joachim Flebbe.In den kleinen Sälen sollen im Rest des Jahres special-interest-Programme laufen: Thematische Filmreihen, fremdsprachige Filme.Denkbar wäre auch, sagt Flebbe, daß die Kinos ständig einer Filmnation gewidmet werden.So könnten in Kino 17 ausschließlich französischsprachige Filme laufen, während nebenan das britische Kino hochgehalten wird.

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