Zeitung Heute : Nicht ohne Heimwehbrot

GERT D.WOLFF

Nicht ohne HeimwehbrotIgelfett fürs Immunsystem und Talisman statt ReiseversicherungVON GERT D.WOLFF

Wer heute eine Reise antritt, muß in aller Regel nicht um sein Leben fürchten.Moderne Verkehrsmittel und -wege machen das Reisen - von Ausnahmesituationen einmal abgesehen - eher zu einem Vergnügen.Sorge bereitet manchen höchstens die Frage: Habe ich auch nichts vergessen? Für die Menschen früherer Zeiten war oftmals schon der bloße Gedanke, verreisen zu müssen, ein Alptraum. Tatsächlich erwarteten unsere Vorväter unterwegs unzählige Gefahren, und der Glaube an überall lauernde Hexen und Dämonen steigerte noch die Furcht.Es galt daher, sich mit Hilfe altüberlieferter Schutz- und Abwehrmittel auf das "Wagnis der Fremde" vorzubereiten.Dem Reisenden von einst stand dafür ein reichhaltiges Angebot an magischen Ritualen, Glücksbringern, Amuletten, Schutzbriefen und Reisesegen zur Verfügung. Bis vor wenigen Jahrhunderten waren Land- und Seereisen noch wirkliche Abenteuer.Und schon eine für heutige Begriffe kurze Reise in der Postkutsche konnte lebensgefährlich sein.Denn auf den früher weitgehend unbefestigten Straßen waren Unfälle durch Rad- oder Achsenbrüche und das Umkippen von Wagen an der Tagesordnung.Hinzu kamen häufige Raubüberfälle durch Wegelagerer und oftmals schlimme hygienische Bedingungen in den Herbergen.Nach dem Niedergang des römischen Weltreichs mit seinem hervorragenden Verkehrsnetz - in der Kaiserzeit hatte es bereits 90.000 Kilometer gepflasterter Fernstraßen gegeben - verkamen die alten Verbindungswege in Mitteleuropa nach und nach zu holperigen Pisten. Je nach Jahreszeit machten Schlamm und Staub jede Reise zu einer extremen Strapaze.Vom schlechten Zustand der Straßen profitierten andererseits die Bewohner der am Wegrand liegenden Gemeinden und ihre Grundherren, indem sie steckengebliebenen Wagen Vorspann und Pannenhilfe leisteten.Ein aus dem Spätmittelalter stammendes Recht sah sogar vor, daß Waren, die beim Umkippen eines Wagens auf den Boden fielen, in das Eigentum des jeweiligen Grundherrn übergingen.Der konnte deshalb an einer Aufbesserung seiner Straße nicht sonderlich interessiert sein. Die Furcht vor den zu erwartenden Gefahren einer Reise - durch haarsträubende Berichte und Schauergeschichten noch verstärkt - hatte im Laufe der Jahrhunderte eine Vielzahl an Abwehrmitteln hervorgebracht, von denen reger Gebrauch gemacht wurde.Schon der Tag der Abreise mußte sorgsam gewählt werden.So galt im christlichen Kulturkreis vor allem der Karfreitag und später jeder Freitag als unglückbringend.Für ähnlich ungünstig hielt man Neujahr und den Dreifaltigkeitssonntag.Die Zurückbleibenden sollten dem Abreisenden nach altem Aberglauben das Geleit geben und ihm nachwinken, damit er gesund wiederkam.In Oldenburg pflegte man ihm einen Holzschuh hinterherzuwerfen, das sollte auf der Reise Glück bringen. Auf keinen Fall durfte der Fortziehende vergessen, einige der altbewährten zauberkräftigen Dinge mit auf die Reise zu nehmen, denen man heilbringende und schadenabwehrende Wirkung nachsagte, wie beispielsweise: Wacholder, Igelfett oder Eisen.Auch vierblättriger Klee, Knoblauch oder Farnkraut, das am Johannistag gepflückt worden sein mußte, gehörten dazu. Vor Heimweh und Bezauberung unterwegs schützten nach alter Überlieferung ein wenig Erde von daheim, Salz und das an Festtagen gebackene schwarze "Heimwehbrot" im Reisegepäck.Als gutes Omen galt das Niesen der Pferde.Um gegen Behexung während der Reise gefeit zu sein, malte man sich in Süddeutschland ein Kreidekreuz auf die linke Schuhsohle und sprach: "Ich gebeutte dir das du mir underthenig seyest, und mich füerest ohne schaden meines Leibes ...", wie eine Handschrift aus dem 16./17.Jahrhundert erwähnt. Überhaupt versprach das Kreuzzeichen den besten Schutz gegen Hexen und Dämonen.Schon bei der Abfahrt knallte der Kutscher dreimal kreuzweise mit der Peitsche, bekreuzigte die Pferde dreimal auf der Stirn und zeichnete vor ihnen ein Kreuz in den Sand.Außerdem stellte man sich unter den Schutz mächtiger himmlischer Fürbitter.Allen voran die Heiligen Drei Könige, die als Schutzpatrone der Reisenden, Pilger und Kaufleute in ganz Europa verehrt wurden.Sogenannte "Dreikönigszettel" mit einem Segensspruch und den magischen Initialen C+M+B gehörten im Mittelalter in jedes Reisegepäck.Andere Reisepatrone waren die Heiligen Raphael, Christophorus, Nikolaus, Leonhard und Gertrud von Nivelles, zu deren Ehren die "Gertrudenminne", ein segensreicher Abschiedstrunk vor der Abreise, üblich war.Diese Stärkung verabreichte man auch Sterbenden, um sie auf die Reise ins Jenseits vorzubereiten. Auch im ausgehenden 20.Jahrhundert mit seinen Hochgeschwindigkeitszügen, PS-starken Autos, Düsen-Jets und immer perfekteren Verkehrssystemen scheint der reisende Mensch - aller Technikgläubigkeit und allen Reiseversicherungen zum Trotz - noch immer auf die magische Kraft von Amuletten und Talismanen zu setzen.Die Maskottchen in unseren Autos, Hufeisen an Kühlergrill und Aufkleber mit Glückssymbolen beweisen es.Sie sind Überbleibsel aus jener Zeit, als Reisen lebensgefährlich war.

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