Zeitung Heute : „Nicht ohne Reformeifer“

Hochschulforscher Minks über das moderne Pädagogen-Profil

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KARLHEINZ MINKS

leitet den Bereich

Absolventenforschung beim Hochschulinformations-

System (HIS) in Hannover.

Foto: pr

Was müssen Lehrer künftig können?

Pädagogen des alten Stils können wir in Zukunft nicht mehr gebrauchen, wie die Schuluntersuchung Pisa gezeigt hat. Mehr Fremdsprachenkompetenzen, stärker über den nationalen Tellerrand hinausblicken und Vermittlungsgeschick sind gefragt, jedenfalls keinen Frontalunterricht alter Art mehr.

Wie sind dann bundesweit gesehen die Beschäftigungschancen an den Schulen?

Mittelfristig sind die Aussichten für Lehramtsstudenten relativ gut. Die große Pensionierungswelle an den Schulen – Ergebnis der umfangreichen Einstellungen in den 70er Jahren – schafft einen großen Ersatzbedarf trotz sinkender Schülerzahlen. Nach Pisa ist aber absehbar: In den nächsten Jahren sollte nur Lehrer werden, wer auch Spaß daran hat, sich an den Schulreformen engagiert zu beteiligen.

Würden Sie einem Abiturienten heute ein Lehramtsstudium empfehlen?

Prognosen über wenige Jahre hinaus sind unsicher. Durch die Geschichte unseres Bildungswesens haben wir einen wellenartiges Auf und Ab beim Bedarf an Lehrern. Je mehr junge Lehrer in den nächsten Jahren eingestellt werden, desto weniger Stellen bleiben für die Zeit, nachdem die Pensionierungslücke geschlossen ist, übrig.

Immer wieder kommen ausgebildete Lehrer beispielsweise wegen ihrer Unterrichtsfächer nicht im Schuldienst unter. Wohin weichen sie erfahrungsgemäß aus?

Mit den umfangreichen Einstellungen in den letzten Jahren sind immer weniger gezwungen, alternative Wege einzuschlagen. Grundsätzlich ist es die ganze Berufspalette: Man findet sie in der Politik, im Journalismus. Wer einen Abschluss als Mathematiklehrer hat, kann in der Statistik einen Platz finden, Fremdsprachenstudenten als Übersetzer. Früher begründeten arbeitslose Lehrer die Alternativwirtschaft, etwa mit Fahrrad- und Weinläden. Das ist aber praktisch zu Ende.

Schon seit Jahren finden die Länder nicht so viele Berufsschullehrer wie sie einstellen wollen. Ist das für ältere Arbeitnehmer, die Berufserfahrung haben und sich verändern wollen, eine Chance auf einen guten Arbeitsplatz?

Wer das vorhat, sollte sorgfältig prüfen, ob seine Kenntnisse noch auf dem neuesten Stand sind. Denn viele der aussichtsreichen Berufe, auch klassische Handwerksberufe wie etwa der Tischler, erfordern heute High-Tech-Niveau. Und die Arbeit als Berufsschullehrer ist pädagogisch gesehen nicht gerade die leichteste. Vor einem Wechsel sollte man sich also überlegen, ob man so belastbar ist. Außerdem kann es sein, dass dieser Bereich vor großen Umwälzungen steht: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass manche der betrieblichen Ausbildungen an Fachhochschulen verlagert werden, beziehungsweise dass Bachelor-Absolventen etwa in der Chemie den Laboranten ersetzen.

Welche Absolventen sind zur Zeit generell auf dem Arbeitsmarkt die Shootingstars?

Den Wirtschaftsingenieuren geht es sehr gut – unabhängig davon, ob sie an der Fachhochschule oder an der Universität studiert haben. Diese Qualifikation an den Schnittstellen von Technik und kaufmännischem Bereich hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen.

Betrachtet man die Arbeitsmarktchancen generell: Empfehlen Sie ein Studium?

Die Chancen sind für Hochschulabsolventen deutlich besser, ihr Anteil an den Arbeitslosen ist relativ gering. Doch eine Garantie auf Karriere gibt es auch für sie nicht. Sie müssen etwas aus ihrer Qualifikation machen.

Das Gespräch führte Bärbel Schubert

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