Zeitung Heute : Nicht-Ort auf dem Riß

THOMAS LACKMANN

Im Berliner Marstall: die vorläufig letzte Mahnmal-DiskussionTHOMAS LACKMANNLea Rosh ist, vielleicht, nicht unzufrieden.Nach diesem Abend sei sie optimistischer, "daß das Denkmal angenommen wird".Auf dem Podium der Galerie im Marstall, wo zum sechsten, letzten Mal in diesem Monat Entwürfe für das Holocaust-Mahnmal debattiert werden, sitzt die Journalistin anfangs - das fällt ihr schwer - als Moderatorin, später als Vertreterin des auslobenden Förderkreises.Auf keinen Fall sei in Vorwegnahme des für März angekündigten Schlußvotums eine Vorentscheidung gefallen.Sagt sie.Der Kanzler habe lediglich erklärt: 1.werde das Denkmal gebaut, 2.jetzt, 3.am geplanten Standort, 4.nach einem der vier favorisierten Entwürfe.Mehr als ein "reines Kunstwerk", müsse das Mahnmal in Deutschland an den europäischen Völkermord erinnern, hiesige KZ-Gedenkstätten seien kein Ersatz: hierzulande seien rund 100 000 Juden umgebracht worden, 5,9 Millionen jedoch in sechs Vernichtungszentren auf polnischem Boden, wo indes (von Auschwitz abgesehen) kaum ein Besucher hinfahre.An ihre eigene Mahnmal-Niederlage, das Kanzler-Veto von 1995, erinnert Lea Rosh auf deplazierte Weise, indem sie die seinerzeit verworfene "Namensplatte" mit dem namentlich beschrifteten Washingtoner Vietnam-Memorial vergleicht - ein Opfer-Mal mit einem Krieger-Denkmal.Am anrührendsten erzählt sie - "Ein Mahnmal beendet nicht die Diskussion!" - von Hannover, wo sie am Deportations-Denkmal ein Punker-Pärchen belauscht habe: "Mein Gott, waren das viele." - "Ja.Und niemand in dieser Stadt hat sie beschützt." Die Journalisten auf dem Podium zeigen Flagge.Eduard Beaucamp (FAZ) und Klaus Hartung (Die Zeit) plädieren für das Feld der Betonstelen von Eisenman / Serra; jener lobt die undidaktische Offenheit, letzterer die unaufdringliche, auf die Stadt bezogene, den Standplatz als Nicht-Ort definierende Idee: "Wenn von dieser Stadt der Zivilisationsbruch ausgegangen ist, wird das an diesem Ort mit diesem Entwurf am ehesten ausgedrückt." Beaucamp: Für ein Berlin der historisierenden Bauten und der "fröhlichen Postmoderne, das tut, als sei nichts gewesen", sei dieses Bauwerk, das man auch aus dem Flugzeug sehen werde, einzigartig.Bernhard Schulz (Tagesspiegel) ist mit keinem der Entwürfe "glücklich", er wird im Laufe des Abends noch skeptischer: Das Denkmal solle keine Dokumentation und keine Mitmachanlage bieten.Nicht der Gegenstand, die Errichtung brauche den Konsens; in ästhetischen Fragen sei am Ende dieses Jahrhunderts keine Mehrheitsentscheidung mehr möglich.Das Vertrauen in die "kommentarbedürftige" zeitgenössische Kunst sei eben gering.Einwände gegen die anderen Entwürfe, gegen die Beliebigkeit Weinmillers, die Didaktik von Gerz, gegen Libeskinds Design wiederholen sich.Als Moderator sitzt auch Ernst Elitz auf dem Podium; er glättet das Pingpong der Statements verbindlichst ab.Senatsvertreter Bernhard Schneider vertritt den zweiten Auslober Berlin mit oft gehörten, offiziösen Floskeln, die von manchen Besuchern gleichwohl als Entscheidungssignal gedeutet werden.Um subjektivierte "collected memories" gehe es Eisenman / Serra, sagt Schneider, um "collective memory" gehe es Libeskind.Aber: "Das Denkmal wird nie eindeutig sein." Aus dem Publikum melden sich, wie bei jeder dieser Diskussionen, die den Riß durch das Volk der Opfer und Täter nicht wegzureden vermögen, Profilneurotiker der Betroffenheit, aber auch glaubwürdig bewegte Für- und Gegensprecher.Eingeklagt wird mehr Emotionalität.Eindrucksvoll bekennt Exsenator Wolfgang Nagel, mitverantwortlich für den ersten Wettbewerb, seine neu entstandenen Zweifel an der zum Staatsakt erhobenen Trauer: Man solle eher keinen Entwurf bauen, "nicht um jeden Preis".Ein Mann: "Wir sollten die Kraft haben, diese Diskussion alle paar Jahre zu wiederholen." Der Konsens komme, wie bei Christo, erst hinterher, sagt der Kunsthistoriker Buddensieg.Nicht die Politik, besser eine dafür beauftragte Stiftung sollte über Kunst entscheiden, sagt SPD-MdB Conradi.Die Luft ist dick, das Niveau der Debatte könnte schlechter sein.Nur - wer in Deutschland (abgesehen von ein paar Bonnern) hat außerhalb Berlins daran teilgenommen? 

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