Zeitung Heute : Nicht um jeden Preis

Gründungsberaterin Christa Janßen macht aus Persönlichkeiten Unternehmer – und warnt Blauäugige vor voreiligen Entschlüssen

Regina-C. Henkel

Was brauchen Existenzgründer, um ihre Produkte oder Dienstleistungen erfolgreich vermarkten zu können? Eine gute Idee, unbürokratisch bereit gestellte Fördermittel, eine unkomplizierte Rechtsform und niedrige Steuern – sagen Ökonomen. Christa Janßen ist Volkswirtin und deshalb Fachfrau genug, um das nicht in Frage zu stellen. Gleichwohl widmet die 44-jährige den Einstieg ihrer Existenzgründungsberatungen einem ganz anderen Aspekt: der selbstbewussten unternehmerischen Kompetenz ihres Klienten. Wer sich von Fragen wie „Kommen auch in Zukunft Aufträge?“, „Zahlen alle Kunden die Rechnungen, die ich gestellt habe?“ oder „War meine Personalentscheidung die richtige?“ nachts um den Schlaf bringen lässt, hat laut Janßen „nicht das Zeug zum Unternehmer und sollte es besser sein lassen.“

Das sind harte Worte, insbesondere für eine Existengründungsberaterin. Es entspricht auch nicht unbedingt der allgemeinen Stimmung im Land, spontaner Begeisterung für eine Unternehmerkarriere Einhalt zu gebieten. Bundesarbeitsminister Clement etwa hat Anfang des Monats die Mai-Arbeitslosenzahlen zum Anlass genommen, erneut für die Gründung einer Unternehmerexistenz zu werben. Dass sich in diesem Jahr bereits mehr als 100 000 zuvor Arbeitslose mit Hilfe von Überbrückungsgeld oder als Ich-AG selbstständig gemacht haben, wertet Clement als „Silberstreif am Horizont“. Janßen dagegen verweist eher darauf, dass ein Drittel dieser Existenzgründer die ersten drei Jahre nicht überstehen werden und sich in die lange Reihe von insgesamt 40 000 insolventen Unternehmern einreihen müssen.

Ist Christa Janßen eine Miesmacherin? Sebastian Brandt versteht das nicht – und antwortet mit der Gegenfrage: „Wie kommen Sie denn darauf? Ohne die Unterstützung von Christa Janßen hätte ich jetzt ganz bestimmt kein eigenes Reisebüro." Der 39-Jährige ist seit diesem Monat Chef von TourEast, einem Spezialreiseveranstalter für Gruppen und Einzelreisende in osteuropäische Städte. An der Eröffnungsparty am morgigen Sonnabend in der Friedrichshainer Schreinerstraße wird selbstverständlich auch Christa Janßen teilnehmen – und ein Großteil seiner Kommilitonen aus einem Existenzgründer-Programm des Forums Berufsbildung in Kreuzberg.

Der Bildungsträger bietet sechswöchige Gründertrainings für Arbeitslose an, die sich über ihre persönliche Eignung und die Tragfähigkeit ihrer Gründungsidee erst einmal klar werden wollen. Wer diese Frage für sich positiv beantworten konnte, hatte die Chance, an einem Modellversuch teilzunehmen – wie Sebastian Brandt.

Seit September vergangenen Jahres trafen sich zunächst vierzehn Gruppen-Teilnehmer ein Mal im Monat, um sich das professionelle Rüstzeug für Business-Planung, Buchhaltung, Büro-Organisation oder Marketing anzueignen. Meist gab es auch noch Treffen zwischendurch, eine Art Stammtisch. Außerdem existiert beim Forum Berufsbildung für die insgesamt 40 Teilnehmer am Modellversuch eine durch Passwort geschützte Internet-Seite, auf der Texte hinterlegt und Problemstellungen diskutiert werden können.

Am besten gefallen hat Sebastian Bandt das Coaching durch Christa Janßen. Mit E-Mails, Telefonaten und persönlichen Treffen stand die Beraterin für alle Fragen zu Steuern, Versicherungen oder wichtigen unternehmerischen Weichenstellungen parat.

Genauso war die Beraterin ansprechbar, wenn bei den angehenden Gründern Zweifel auftauchten. Sebastian Brandt beispielsweise, der nach seinem Geschichts- und Politologiestudium nach St. Petersburg ging und dort als Lehrer und im deutschen Generalkonsulat arbeitete, hatte hin und wieder ein Problem mit der zeitaufwändigen Kleinarbeit bei der Gründung. Genervt war er, als er auf Mitarbeitersuche ging: „Es ist schwierig Leute zu finden, die auf einer Jetzt-probieren-wir´s-einfach-mal-Basis mitarbeiten. Viele haben Honorar- und Gehalts-Vorstellungen , die außerhalb der Möglichkeiten eines Unternehmensgründers liegen.“

Janßen half Brandt, aus eigenen Erfahrungen zu lernen und immer wieder neue Wege zu suchen. Für die Beraterin kommt es nicht zu allererst darauf an, „ob ein Firmengründer die doppelte Buchführung beherrscht. Das ist eine Fertigkeit, die man sich jederzeit aneignen kann.“ Ganz anders ist es ihrer Überzeugung nach mit der Fähigkeit, „Unsicherheiten aushalten zu können.“ Der unerschütterliche Wille, sich immer wieder mit neuen Situationen auseinanderzusetzen sei es, „der bei einer Existenzgründung über Erfolg oder Misserfolg entscheidet“ – und das lerne man nicht aus Büchern, sondern nur im Leben.

Vier der ursprünglich 14 Mitglieder der Gruppe, die gemeinsam mit Sebastian Brandt am Existenzgründer-Programm beim Forum Berufsbildung teilgenommen haben, erkannten im Lehrgangsverlauf ihre Grenzen. „Je früher die Ernüchterung kommt, desto besser ist es“, sagt die Beraterin. Nicht nur aus ihren Aufträgen beim Forum Berufsbildung, sondern auch aus anderen Beratungen weiß sie: „Als Unternehmer zu scheitern ist schmerzhafter, als durch Selbstreflektion frühzeitig zu erkennen, dass man einfach nicht der Typ für eine Unternehmerkarriere ist.“

Sebastian Brandt ist nach einem knappen Jahr Training im geförderten Modellprojekt davon überzeugt, dass er das Zeug zum Unternehmer hat. Mit seiner Geschäftsidee, Einzelreisenden und Gruppen Städte in Osteuropa vorzustellen, habe er eine Marktlücke mit Zukunft entdeckt. Brandt vertraut darauf, dass Tourismus abseits vom üblichen Strandurlaub immer stärker nachgefragt wird und Osteuropa „sowieso die interessantere Hälfte unseres Kontinents ist.“ So viel Begeisterung über das eigene Produkt und so viel Selbstvertrauen in die eigene Leistung zahlt sich aus. Schon wenige Tage nach der Eröffnung seines Reisebüros in Friedrichshain freut sich Brandt: „Die ersten Kunden habe ich schon.“

Sorgen um ihre Zukunft als selbstständige Beraterin macht sich auch Christa Janßen nicht. Mit ihrer „Shift Betriebsberatung“ im Berliner Vorort Hönow ist sie gut im Geschäft. Ihr Verständnis von Professionalität besteht darin, sich auf die Bedingungen und auch die individuellen Bedürfnisse ihrer Kunden einzulassen. „Geschäftsbeziehungen“, sagt Janßen, „sind Beziehungen zwischen Menschen.“

Das war schon Janßens Erfolgsrezept, als die nach ihrem VWL-Studium erst als Assistentin an der TU arbeitete, dann ein Aufbaustudium in Weiterbildungsmanagement draufsetzte und parallel dazu in der Weiterbildungsabteilung eines Industrieunternehmens jobbte. Für die Ökonomin mit dem Faible für informelle Netzwerke war es deshalb nur konsequent, ihre berufliche Zukunft im Bereich Training und Qualifizierung zu suchen – und zu finden. Seit sich Janßen Anfang der 90er Jahre selbstständig gemacht hat, ist sie nach eigener Aussage „rundum zufrieden“. Nicht zuletzt liegt das allerdings auch daran, dass sie sich als Unternehmerin ihre Arbeit relativ frei einteilen und auf diese Weise Familie und Beruf miteinander vereinbaren kann.

Christa Janßen, cm.janssen@t-online.de , Telefon: 0179 / 956 29 11.

Forum Berufsbildung. www.forum-berufsbildung.de , Telefon: 25 90 08 - 0

Sebastian Brandt, E-Mail: info@toureast.de , Telefon: 42 02 71 71.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar