Zeitung Heute : Nichts als Verlierer

SUSANNA NIEDER

Türkisches Kino in Berlin: "Und es werde Licht", ein Film gegen das Morden zwischen Türken und Kurden VON SUSANNA NIEDER Ein Mann quält sich durchs verschneite Gebirge, Eiszapfen in Bart und Brauen.Auf dem Rücken schleppt er eine Frau, die nicht mehr selbst gehen kann.Die Kräfte schwinden, der Marsch wird immer mehr zu einem Kampf gegen die erbarmungslose Natur. Wer Yilmaz Güneys "Yol" gesehen hat, wird sich auch 15 Jahre später noch an dieses Bild erinnern.Reis Celik greift es in "Isiklar Sönmesin" (Und es werde Licht) mit ähnlicher Eindringlichkeit wieder auf.Bei ihm sind der Mann und die Frau allerdings kein Ehepaar, dem die Gesellschaft bestimmte Verhaltensweisen aufzwingt, sondern kurdische Terroristen.Hinter ihnen, die Waffe im Anschlag, geht der Kommandant einer Militäreinheit.Die drei sind die einzigen Überlebenden einer Schießerei in den Bergen, bei der über ein Dutzend Menschen umgekommen sind. "Isiklar Sönmesin" ist ein Film über und gegen das Morden zwischen Türken und Kurden.Im Gegensatz zum dem russischen Anti-Kriegsfilm "Gefangen im Kaukasus", hinter dessen scheinbar einfacher Fassade sich ein höchst differenzierter Aufbau verbirgt, wirkt er plakativ und streckenweise geradezu unbeholfen.Stummfilmhaft expressive Blicke und politische Diskussionen in weißer Landschaft zeugen davon, daß sich der Journalist Celik zum ersten Mal an einem Spielfilm versucht hat.Und trotzdem: Seine Wirkung verfehlt er nicht.Bei einem Budget von umgerechnet 200 000 DM - "Isiklar Sönmesin" ist ohne staatliche Förderung und ohne Sponsoren finanziert - mußte sich Celik auf das Allernötigste beschränken.Statt Action und Hochglanz bietet er einen Film, der seine Zuschauer mit überraschender Direktheit mitten ins Geschehen zieht.Celik ist so nah am Leben, daß er minutenlang das mühsame Stapfen durch den Schnee zeigen kann, ohne dabei die Spannung zu verlieren.Und nichts könnte den Jammer, den das fortgesetzte Töten auslöst, deutlicher zeigen als dieser Weg durch die eisige Natur, der alle gleichermaßen ausgeliefert sind.Der Tod der verletzten Terroristin löst stellvertretend für alle sinnlos Umgekommenen eine Trauer aus, die den Haß zwischen den Kontrahenten noch übersteigt.Wenn man die Menschen einzeln betrachtet, gibt es nichts als Verlierer. In der Türkei hat "Isiklar Sönmesin" immerhin 400 000 Zuschauer angezogen.Es ist der zweite Film, den das "Eiszeit" in seinem zusätzlichen, ausschließlich türkischsprachigen Programm zeigt.Der türkische Regisseur und Autor Ismet Elci, der die Filme für das Kreuzberger Kino auswählt, ist mit dem bundesweit bislang einmaligen Projekt zufrieden.Der erste Film, den er gezeigt hat, "Istanbul unter meinen Flügeln", sei fünf Wochen lang vor einem zu 95 Prozent türkischen Publikum gelaufen.Aus insgesamt zehn deutschen Städten, so Elci, sei außerdem Interesse an Filmen für türkischsprachige Kinos angemeldet worden. Eiszeit, OF mit englischen Untertiteln

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