Zeitung Heute : Nichts für verwöhnte Hifi-Ohren

SABINE QUENOT

Immer mehr Radiosender im Internet, doch: "Was bringt ein Hörer in Timbuktu?"VON SABINE QUENOT

Neulich flatterte Brandenburgs Jugendradio Fritz von einem begeisterten Hörer Post ins Haus.Auf dem Absender stand nicht etwa Angermünde, sondern Australien.Im Zeitalter der Globalvernetzung nichts Ungewöhnliches, denn Brandenburger können schließlich auch "Hong Kong Commercial Radio" hören und Bewohner des Nordpols die Country-Welle "Virtual Nashville" aus Tennessee.Alles ohne Antenne und an der Gebühreneinzugszentrale vorbei.Nur eines setzt das exotische Radioerlebnis voraus: Zugang zum Internet.

Der Cyberspace ist längst kein stiller Datenozean mehr.Dringt man nur weit genug vor, offenbaren die virtuellen Tiefen neben Texten und Bildern auch Klänge.In Schallarchiven lagern Musikstücke und neueste CDs kann man zur Probe anhören.Was der Radiosurfer im Netz findet, nennt sich "Audio on demand": Musik und Wortbeiträge nach Wunsch zum Herunterladen.

Die neue Form des Radios hat aber noch mit ernsthaften Problemen zu kämpfen und wird den herkömmlichen Hörfunk wohl so schnell nicht ablösen.Schmalbandige, langsame Telefonleitungen und die üblichen Minilautsprecher im Computer geben nur einen kümmerlichen Sound von sich.Während Wortbeiträge gerade noch akzeptabel ankommen, klingt Musik so, wie man sich den tönenden Cyberspace vorstellt: blechern, unsauber und künstlich.Nichts für verwöhnte Hifi-Ohren.

Zudem muß sich der Nutzer mit einem begrenzten Angebot an abrufbaren Features und Musik begnügen.Schnell stößt er an die Grenzen der Speicherkapazität: Zwei Minuten virtueller Funk belegen schon ein Megabyte auf der Festplatte.Das WWW wird dann zum World Wide Wait, wenn der eigene Computer nicht gewappnet ist.Neben Soundkarte und Lautsprecher benötigt der Net-Hörer die richtige Software, damit der PC als Audio-Player funktioniert.Während bei Verfahren wie MPEG, das Fritz verwendet, der Ladevorgang erst abgeschlossen sein muß, bevor die Datei Töne abgibt, kann man mit dem Programm RealAudio schon während des Ladens Radio hören.Die Software, die man kostenlos bei Progressive Networks unter http://www.realaudio.com/ abrufen kann, zeigt an, wie lange ein Beitrag läuft und wieviel man schon gehört hat.Er läßt sich auch unterbrechen und an einer beliebigen Stelle weiterhören.

Der große technische Aufwand, Realaudio zu installieren, hält Sender jedoch davon ab, überhaupt Hörbares im Web anzubieten.Das Berliner Radio 104.6 RTL verzichtet aus Kostengründen darauf."Was nützt es uns, einen Hörer in Timbuktu zu haben", sagte Simon Boe von 104.6.Es gehe weniger um die Verbreitung des Programms.Die Internet-Präsentation solle vielmehr das Image verbessern."Kein Medienunternehmen kann es sich mehr leisten, nicht im Internet zu sein." Den Anschluß wollte auch Fritz nicht verpassen.Lutz Schramm, verantwortlicher Redakteur: "Wir wollen das Medium Radio erweitern." Die Fritz-Homepage sei im März 14.000 mal angeklickt worden.In Surfers Gunst liegen vor allem spezielle Angebote wie die Seite der Basketball-Helden von Alba Berlin.

Gerade die Jugendsender präsentieren sich mit ihrem Auftritt im Netz auf der Höhe der Zeit, engagiert und weltoffen.Alles optisch trendy verpackt.Das Audio-Angebot dagegen ist nicht überragend, in der Regel bieten sie eine Auswahl von akustischen Highlights einzelner Sendungen und Musikarchive.Ansonsten wird tonloser Zeitgeist in den Cyberspace geschickt: Comics oder Bestellservice für T-Shirts und Mützen mit Senderlogo.Obendrein erfährt der Net-Hörer Dinge, die er vielleicht nie wissen wollte - welchen Wein beispielsweise Radio-DJ Andi bevorzugt.Bei SWF3 kann man sehen, was man sonst nur hört: das Gesicht zur Stimme.Die Studiokamera "Spycam" bringt alle 5 Minuten ein aktuelles Foto vom Moderator ins Netz.Die Zugriffsrate ist ziemlich hoch, die Zahl der Enttäuschungen konnte allerdings nicht ermittelt werden.Der virtuelle Funk ist weit davon entfernt, eine ernsthafte Konkurrenz zum realen Radio zu sein.Ist erst einmal die Neugier befriedigt, was am anderen Ende der Welt über den Äther geht, merkt man doch: Radio im Internet ist noch nicht zum Hören da.

Öffentlich-Rechtliche (Auswahl):
http://www.fritz.de (Fritz)http://www.inforadio.de (InfoRadio)http://swf3.de (SWF3)http://www.zuendfunk.de (Zündfunk, BR)http://www.sdr.de (SDR)http://www.wdr.de (WDR)http://www.dwelle.de/ (Deutsche Welle)

Privatradios (Auswahl) :
http://ffh.germany.net (Radio FFH)http://www.inx.de/104.6rtl (104.6 RTL)http://www.ibb.de/rs2 (94 3 r.s.2)http://www.newstalk.de (Newstalk 93,6)http://www.spring.de/salu.html (Radio Salü)

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