Zeitung Heute : Nichts wie ran an die Hausaufgaben

Der Tagesspiegel

Von Susanne Vieth-Entus

Die Pisa-Studie wird für Berlin schon bald mehr sein als ein bundesdeutsches Bildungsdesaster. Alle 101 hiesigen Schulen, die an der internationalen Untersuchung teilgenommen hatten, können jetzt entscheiden, ob sie sich mit ihren eigenen Ergebnissen auseinandersetzen wollen. Falls sie die Resultate wünschen, werden ihnen die komplizierten schulbezogenene Datensätze erläutert.


In den kommenden Wochen werden die Kollegien durch die Senatsschulverwaltung und das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung angeschrieben und um Stellungnahme gebeten. „Viele Schulleiter haben bereits Interesse bekundet“, berichtet Christian-Magnus Ernst, Pisa-Beauftragter im Hause von Schulsenator Klaus Böger (SPD). Allerdings entscheiden nicht die Schulleiter allein, sondern mit dem ganzen Kollegium, ob sie ihre Resultate kennenlernen wollen. Dabei wird den Kollegien zugesichert, dass nur sie allein die Datensätze erhalten. Und sie wiederum müssen sich verpflichten, ihre Daten nicht nach außen zu tragen.

So will man verhindern, dass die Pisa-Ergebnisse als Grundlage für eine Ranking-Liste der Berliner Schulen verwandt werden. Groß ist offenbar die Furcht, dass bei der Aufarbeitung der Pisa-Studie etwas schief laufen könnte. Um wenigstens zu garantieren, dass die Ergebnisse in den Schulen selbst richtig verstanden und eingeordnet werden, lässt das Max-Planck-Institut speziell Lehrer schulen, die als sogenannte Moderatoren den Kollegen beim Analysieren der Datensätze helfen können. Nach den Sommerferien soll es soweit sein.

Bevor die Schulen allerdings ihre Ergebnisse erfahren, werden zunächst im Juni die Bildungsminister und -senatoren im Rahmen einer Kultusministerkonferenz über das Abschneiden der einzelnen Bundesländer informiert. Bisher ist ja nur bekannt, dass Deutschland als Ganzes im internationalen Vergleich beschämende Plätze im letzten Drittel einnimmt. Noch wissen nur wenige, wie groß die Leistungsunterschiede zwischen den Bundesländern sind, ob also etwa die Hessen, Hamburger oder Sachsen den Berlinern in den untersuchten Bereichen „Leseverständnis“, „Mathematik“ und „Naturwissenschaft“ voraus sind oder nicht.

Wie berichtet, macht sich Berlin allerdings nur wenig Hoffnungen auf einen bundesdeutschen Spitzenplatz. Viele Lehrer verweisen schon jetzt vorsorglich darauf, dass in Berlin prozentual mehr Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse zur Schule kommen oder aus bildungsfernen Schichten stammen, wo sie keinerlei Förderung erfahren. Hinzu kommt, dass die Berliner Hauptschulen in der Konkurrenz zu den Gesamtschulen zu „Restschulen“ verkamen, denen jegliche Schülermischung fehlt. Dennoch wird niemand bestreiten wollen, dass es den Schulen unterschiedlich gut gelingt, aus ihrer schwierigen Schülerschaft das Beste herauszuholen.

Wie gut oder schlecht – das kann dann immerhin rund jede vierte Berliner Oberschule an ihren Pisa-Daten ablesen, falls sie es will. „Wir hoffen, dass die schulbezogenen Datensätze den Kollegien viel Gesprächsstoff bieten“, sagt Berlins Pisa-Beauftragter Ernst. Und dass die Schulen aus den Daten etwas lernen. Dass sie es eben nicht dabei bewenden lassen, über knappe Gelder oder die schwierige Schülerklientel „zu wehklagen“, sondern dass sie diagnostizieren, was bei ihnen in den Klassenräumen abläuft.

Als Ergebnis dieser Diagnose wünscht sich die Schulverwaltung, dass die Kollegien beispielsweise neu nachdenken, wie sie in allen Fächern eine aktive Leseförderung betreiben können, welche Lernstrategien es gibt, welche Rolle die Geschlechterunterschiede beim Lernen spielen und vieles mehr. Wenn man Antworten auf diese Fragen fände, dann käme so etwas wie eine „pädagogische Schulentwicklung“ in Gang. Das jedenfalls wünscht sich der Bildungssenator.

Weitere Informationen zur Pisa-Studie unter www.mpib-berlin.mpg.de/pisa/

Im Jahr 2003 wird emsig gerechnet

Bei der ersten Pisa-Untersuchung wird es nicht bleiben. Wie berichtet, laufen bereits die Vorbereitungen für „Pisa 2003“, wo nicht das Leseverständnis, sondern die Mathematik im Vordergrund stehen wird. Noch streiten die Bundesländer darüber, ob sie es diesmal beim internationalen Vergleich belassen, oder ob sie, wie bei „Pisa 2000“ zusätzlich einen internen deutschen Ländervergleich wollen. Das ist eine Kostenfrage, denn um die Ergebnisse auf die einzelnen Länder herunterbrechen zu können, müssen wesentlich mehr Schulen teilnehmen.

So hat Berlin für den internationalen Teil von „Pisa 2000“ nur acht Schulen ins Rennen schicken müssen, für den Ländervergleich aber die genannten 101 Schulen. Im Jahr 2006 geht es bei Pisa in erster Linie um die Naturwissenschaften, im 2009 wird „Pisa 2000“ quasi wiederholt, indem nochmals das Leseverständnis im Vordergrund steht.

Zusätzlich gibt es in den Jahren 2003 und 2004 eine Untersuchung im Fremdsprachenbereich. sve

Alle Berliner Pisa-Schulen
Wer hat bei der Studie mitgemacht? Jetzt ist es endlich raus

Am nationalen Durchgang der Pisa-Studie haben in Berlin rund 3500 15-Jährige aus 101 Schulen teilgenommen – und zwar jeweils knapp 40 Schüler aus je 25 Gymnasien, Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie aus einer Sonderschule. Die Ergebnisse wurden aber unterschiedlich stark berücksichtigt, da sich Berlins Schülerschaft nicht gleichmäßig auf alle Schultypen verteilt: Von den rund 200 000 Oberschülern besuchen nur 16 000 eine Hauptschule, 31 500 eine Realschule, 55 600 eine Gesamtschule und 87 000 ein Gymnasium. Dem wurde mittels eines „Gewichtungsfaktors“ Rechnung getragen, damit die wenigen Hauptschüler nicht genau so viel Einfluss auf das Gesamtergebnis haben wie die vielen Gymnasiasten. Schulen in freier Trägerschaft wurden bei Pisa nicht gefragt. Dies wurde in den anderen Bundesländern vergleichbar gehandhabt.

Dies ist die Liste der Oberschulen (OS), die an Pisa 2002 teilgenommen haben: Gesamtschulen: Erasmus-v.-Rotterdam-OS, Haeckel-OS (Hellersdorf), Gutenberg-OS, Werner-Seelenbinder-OS (Hohenschönhausen), Merian-OS, Salvador-Allende-OS (Köpenick), Niels-Bohr-OS, Olof-Palme-OS (Lichtenberg), Wöhler-OS (Marzahn), OS am Köllnischen Park, OS im Scheunenviertel (Mitte), Otto-Hahn-OS (Neukölln), Kurt-Tucholsky-OS (Pankow), Kurt-Schwitters-OS, Martin-L.-King-OS, Skandinavia-OS (Prenzlauer Berg), Bertolt-Brecht-OS, Heinrich-Böll-OS (Spandau), Bröndby-OS, Kopernikus-OS (Steglitz), Carl-Zeiss-OS, Gustav-Heinemann-OS (Tempelhof), Ernst-Reuter-OS (Wedding), 2. OS (Zehlendorf). Realschulen: Robert-Bosch-OS (Charlottenburg), Heartfield-OS, Konrad-Wachsmann-OS (Hellersdorf), Langhans-OS (Hohenschönhausen), Isaac-Newton-OS, Levi-Strauss-OS (Köpenick), George-Orwell-OS (Lichtenberg), Carl-Spitzweg-OS, Geschwister-Scholl-OS, Hobrecht-OS (Marzahn), Jüdische Realschule (Mitte), Heinrich-Heine-OS, Röntgen-OS (Neukölln), Janusz-Korczak-OS (Pankow), Karl-Friedrich-Schinkel-OS (Prenzlauer Berg), Gustav-Freytag-OS (Reinickendorf), Georg-v.-Giesche-OS (Schöneberg), 1. OS, Hans-Grade-OS, Linden-OS (Treptow), Max-v.-Laue-OS (Steglitz), Hedwig-Dohm-OS (Tiergarten), 2. OS (Weißensee), Marienburg-OS (Wilmersdorf), Beucke-OS (Zehlendorf). Hauptschulen: Schlesien-OS (Charlottenburg), 3. OS, Jean-Piaget-OS (Hellersdorf), Ferdinand-Freiligrath-OS, Friedrich-L.-Jahn-OS (Kreuzberg), August-H.-Francke-OS, Karl-F.-Braun-OS (Marzahn), Kepler-OS, Kurt-Löwenstein-OS, Rütli-OS, Thomas-Morus-OS, Wildmeister-OS (Neukölln), Reinhold-Burger-OS (Pankow), 1. OS (Prenzlauer Berg), Albrecht-Haushofer-OS, Johannes-Lindhorst-OS, Paul-Löbe-OS (Reinickendorf), Riesengebirgs-OS, Waldenburg-OS (Schöneberg), Johann-Thienemann-OS, Nikolaus-A.-Otto-OS (Steglitz), Theodor-Haubach-OS, Werner-Stephan-OS (Tempelhof), Hans-Bredow-OS, Theodor-Plievier-OS (Wedding). Gymnasien: Heinrich-Hertz-OS (Friedrichshain), Leonard-Bernstein-OS, Sartre-OS (Hellersdorf), Oranke-OS (Hohenschönhausen), Alexander-v.-Humboldt-OS (Köpenick), Hermann-Hesse-OS, Leibniz-OS (Kreuzberg), Einstein-OS (Marzahn), Albert-Einstein-OS, Albrecht-Dürer-OS, Leonardo-da-Vinci-OS (Neukölln), Carl-v.-Ossietzky-Gymnasium, Gauß-OS (Pankow), Käthe-Kollwitz-OS, Pasteur-OS (Prenzlauer Berg), Gabriele-v.-Bülow-OS, Humboldt-OS (Reinickendorf), Paul-Natorp-OS (Schöneberg), Hans-Carossa-OS (Spandau), Gymnasium Steglitz, Luise-Henriette-OS (Tempelhof), Philippe-Cousteau-OS (Treptow), Goethe-Gymnasium, Marie-Curie-OS (Wilmersdorf), Droste-Hülshoff-OS (Zehlendorf).

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