Zeitung Heute : Nichts wie raus

01.11.2006 00:00 UhrVon Dagmar Rosenfeld

Langzeitarbeitslose profitieren kaum von der guten Konjunktur – auch weil es an Arbeitsanreizen fehlt

Die Chancen für Langzeitarbeitslose, eine reguläre Beschäftigung zu finden, werden immer geringer. Gleichzeitig wird die Vermittlung von Arbeitslosengeld-I-Empfängern immer besser. Gibt es unter den Arbeitslosen eine Zweiklassengesellschaft?


Es sind die Zahlen über die Dauer der Arbeitslosigkeit, die verraten, dass es auch unter den Arbeitssuchenden eine Art Unterschicht gibt. Das sind diejenigen, die schon so lange drin sind in der Arbeitslosigkeit, dass sie im jetzigen System kaum eine Chance haben, da herauszukommen – trotz der anhaltend guten Konjunktur, die laut Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) dazu führen wird, dass die Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr auf unter vier Millionen sinkt.

Was Glos dabei nicht gesagt hat, ist, dass von der anziehenden Konjunktur nur eine bestimmte Gruppe der Arbeitslosen profitiert, nämlich diejenigen, die erst kurze Zeit Kunden der Bundesarbeitsagentur sind. Wies die Nürnberger Statistik im vergangenen Jahr durchschnittlich 1,8 Millionen Menschen auf, die weniger als sechs Monate arbeitslos gemeldet waren, so waren es im September dieses Jahres nur noch 1,3 Millionen Menschen. Der Grund: Durch die gute Konjunkturlage werden weniger Menschen arbeitslos und gleichzeitig finden mehr Menschen, die erst kurze Zeit arbeitslos sind, wieder eine Beschäftigung.

Anders ist es bei den Langzeitarbeitslosen. So ist die Zahl derjenigen, die länger als zwei Jahre ohne Job sind, kaum gesunken (im Jahresdurchschnitt 2005 waren es rund 810 000 Menschen, im September 2006 immer noch rund 774 000). Die Statistik belegt, was eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung prophezeit: Die Konjunktur entwickelt sich zwar besser, doch reicht der Aufschwung nicht, um auch die Langzeitarbeitslosen zu erreichen. Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), spricht daher auch von einer Zweiklassengesellschaft auf dem Arbeitsmarkt. „Während die Bestandszahl der Arbeitslosengeld-I-Empfänger seit längerer Zeit rückläufig ist, geht sie beim Arbeitslosengeld II nach oben“, sagt er.

Wie Langzeitarbeitslosen der Weg zurück auf den Arbeitsmarkt geebnet werden kann, darüber wird die große Koalition in den kommenden Wochen beraten. Bis November will sie ein Reformpaket vorlegen. Bei der Diskussion wünscht sich IZA-Direktor Schneider vor allem „Ehrlichkeit“. „Menschen, die seit Jahren arbeitslos sind, haben sehr viel an Vermittlungsfähigkeit eingebüßt. Wir müssen daher aufhören, so zu tun, als ob sie beruflich dahin zurück könnten, wo sie einmal hergekommen sind“, sagt er.

Einig sind sich Union und SPD in dem Ziel, mehr Niedriglohnjobs für Langzeitarbeitslose zu schaffen. Die Union will das über Kombilöhne erreichen, die SPD ist nur bedingt dafür. Stattdessen will sie Mindestlöhne einführen, wogegen wiederum die Union ist. Kombilöhne sehen vor, dass Arbeitgeber, die einen Arbeitslosen einstellen, dafür vom Staat bezuschusst werden. Ein Problem ist aber, dass Arbeitgeber, um an die Zuschüsse zu kommen, reguläre Jobs durch subventionierte ersetzen könnten.

IZA-Direktor Schneider fürchtet sogar, Kombilöhne könnten endgültig verhindern, dass Arbeitslose den Weg zurück in reguläre Beschäftigung finden. Nämlich dann, wenn das Lohnniveau der subventionierten Beschäftigung höher ist als die Grundsicherung, also das Arbeitslosengeld II. Daher schlägt er vor, die Grundsicherung an eine Gegenleistung zu koppeln. Das heißt, wer Arbeitslosengeld II (ALG II) erhält, muss im Gegenzug soziale Arbeiten verrichten. Eine Logik, die bereits den Ein-Euro-Jobs zugrunde liegt. Durch das Modell von Leistung und Gegenleistung würde der Anreiz für die Betroffenen steigen, auf dem freien Markt auch eine reguläre, niedrig entlohnte Arbeit anzunehmen. „Das Problem der jetzigen Grundsicherung ist, dass sie nicht unverschuldet in Not geratene Menschen absichert, sondern Nichterwerbstätigkeit subventioniert“, sagt Schneider. Letztlich gebe der Staat jährlich Milliardensummen dafür aus, um Menschen daran zu hindern zu arbeiten.

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