Nicolas Sarkozy : Spott in Frankreich

Protestierende Milchbauern, entlassene Arbeiter, Haushaltsdefizit – links und rechts des Rheins sind die Nöte ähnlich. Doch zweierlei ist anders: Die Wut der Franzosen ist größer, und sie wissen, wer schuld ist. Es ist der Mann, den sie vor zwei Jahren zum Präsidenten gewählt haben

Martina Meister[Paris]

Im Restaurant „Le Diane“, wo Nicolas Sarkozys größte Abenteuer begannen, ist nicht viel los, obwohl Spargel und Tauben köstlich und die Weine erlesen sind. Die wenigen Gäste wirken wie für eine Vorabendserie gecastet, die zu Zeiten spielt, als die Aktienmärkte noch florierten und die Bordeaux-Flaschen das Monatsgehalt eines Arbeiters, aber den Gast des „Diane“ nur ein müdes Lächeln kosteten. Genau hier, im Mai vor zwei Jahren, hat Nicolas Sarkozy seinen Wahlsieg gefeiert, unter einer kleinen, goldenen Restaurantkuppel, in geschlossener Gesellschaft, in der ersten Etage des Hotel „Fouquet’s“, Avenue George V.

Es regiert neureiche Plüschigkeit, mit Gold an den Wänden, Troddeln an den Stühlen, Samt auf den Polstern. In diesem Dekor fand statt, was als Urszene des Sarkozismus in Frankreich in die Annalen eingegangen ist: die Vermählung von Politik, Geld und Showbusiness, kaum dass die Wahllokale geschlossen waren.

Zwei Jahre danach ist im „Diane“ nur noch eine müde Nachhut unterwegs: Die Ehefrau eines tunesischen Diplomaten hält Hof, an den Handgelenken Armreifen groß und schwer wie Handschellen, alles glitzert, auch die Entourage; zwei Spesenritter essen sich durch das Menü, sie trinken Cola zum Kalbsbries; gleich wird ein leuchtend blondiertes Paar in „Russia“-Trainingsjacken eintreffen und den Rosé-Champagner flaschenweise ordern. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, als wäre dies Dubai, alles wirkt wie im Film, aber es ist, als säße man im falschen.

Kann es sein, dass Sarkozys Siegesfeier dem Restaurant am Ende geschadet hat? Der Oberkellner ist Diplomat. Man sei zweifellos enttäuscht, sagt er. Man habe sich mehr erwartet.

Man hat sich mehr erwartet, zweifellos, und dieses „man“ ist ein großes, größer auch als die Zahl der 12 000 Milchbauern, die an diesem Montag in Frankreich protestierten – ebenso wie ihre deutschen Kollegen, die dies in Berlin taten –, zum zweiten Mal innerhalb einer Woche. Sie blockierten Molkereien im ganzen Land. Dabei hat die französische Regierung sogar staatliche Vermittler eingesetzt, um Verhandlungen der Bauern mit ihren Großkunden über höhere Milchpreise in Gang zu setzen.

Und dennoch: Sarkozy, der Mann, der so furios seinen Wahlkampf absolvierte, der danach sagte: „Ich werde der Präsident aller Franzosen sein“, Sarkozy ist in der Gunst seines Volkes tief gestürzt. Er ist heute ein unbeliebter, ja ungeliebter Präsident.

Welches Meinungsforschungsinstitut man auch bemüht, die Ergebnisse gleichen sich: Zwei von drei Franzosen ziehen nach zwei Jahren eine negative Bilanz. Die Zahlen drücken Ernüchterung aus, Enttäuschung, Wut. Von kommenden Unruhen ist die Rede.

Zwei Drittel der Franzosen, behaupten die Statistiker, rechnen mit einer „sozialen Explosion“, und ihre Vorboten sind längst da. Manager wurden von streikenden Arbeitern als Geiseln genommen, viele Universitäten werden teils seit Monaten bestreikt, in Paris wurde eben erstmals mit einer Kriegswaffe, einer Kalaschnikow, auf Polizisten geschossen, und zwar ausgerechnet in jenem Viertel der nahe Paris gelegenen Stadt Courneuve, das Sarkozy in seiner Zeit als Innenminister „mit dem Kärcher“ zu reinigen versprochen hatte.

Kein Wunder, dass dem Präsidenten zu Beginn seines dritten Amtsjahrs nicht zum Feiern zumute war. Zwei Jahre schon? Es sei noch nicht die Zeit für Bilanzen, ließ er wissen. So richtig hört ihm ohnehin niemand mehr zu. Denn Sarkozy hat sie, unter Mithilfe seiner „Mitarbeiter“, wie er die Minister seiner Regierung schon genannt hat, alle gegen sich aufgebracht: Hebammen und Gefängniswärter, Bahnbeamte und Richter, Mediziner und Fischer, Wissenschaftler, Lehrer und Studenten, Medienmenschen, die Milchbauern also und die Fabrikarbeiter. Kaum ein Berufsstand, der in den vergangenen zwei Jahren nicht gestreikt oder protestiert hätte. Selbst die Prostituierten sind auf die Straße gegangen. Zum Demonstrieren.

Als Ende Januar 2,5 Millionen Menschen auf den Straßen waren und Frankreich wirklich lahm lag, wurde Sarkozy auf Transparenten mit Worten zitiert, die er wenige Wochen zuvor kühn und kokett formuliert hatte: „In Zukunft wird es niemand merken, wenn in Frankreich gestreikt wird.“ Es war ein Kommentar zum „service minimum“, dem Gesetz zur öffentlichen Mindestversorgung an Streiktagen – die Prophezeiung erwies sich als leer. Und Sarkozy wird mit der Zeit zum Meister der leeren Versprechen.

Am Tag nach seiner Hochzeit mit Carla Bruni im Februar 2008 war der Präsident nach Gandrange, Lothringen, gereist, um den Arbeitern von Arcelor Mittal die Rettung ihrer Arbeitsplätze zu versprechen. Er machte noch Witze, dass er sich eine schönere Hochzeitsreise als nach Gandrange nicht hätte vorstellen können. „Ich werde persönlich wiederkommen, um die Lösung, die wir gefunden haben, zu verkünden“, sagte er. Jetzt, ein Jahr später, sind die Stahlöfen von Arcelor kalt. Und Sarkozy ist nie wieder nach Gandrange gekommen. Entlassene Arbeiter haben vor dem Gebäude eine Stele errichtet. Darauf war zu lesen: „Hier ruhen die Versprechen von Nicolas Sarkozy“.

Hat er, im Wahlkampf, schlicht gelogen, als er versprach, „der Präsident der höheren Kaufkraft“ zu sein? Wer heutzutage wochentags im Pariser Norden spazieren geht, durch Belleville, über den Boulevard de la Villette, der findet Menschen mit Plastiktüten, alten Rollkoffern und Einkaufs-Trolleys, die auf Pappen und Plastikplanen vor sich ausbreiten, was sie aus Mülltonnen gefischt haben: eine zerbeulte Pfanne, einen Duschschlauch, einen Anorak, Kinderspielzeug, Musiknoten, Schuhe. Ein Damenrock kostet einen Euro, für fünf bekommt man einen Herrenanzug. Auch Essen ist im Angebot. Was abends in den Containern der Supermärkte landet, weil das Verfallsdatum erreicht ist, wird hier für ein paar Cents verkauft.

Um die 400 bis 1500 Verkäufer versammeln sich je nach Tag und Bezirk auf diesen Märkten. An Kundschaft fehlt es nicht. Die Polizei hat große Mühe, den illegalen Handel zu unterbieten. Von „Armenmärkten“ ist die Rede. Dass in Frankreich irgendwo die Kaufkraft gestiegen sei, wurde noch nicht gemeldet.

Stattdessen machen wieder Statistiken die Runde. Die Hälfte der französischen Angestellten, die Vollzeit arbeiten, verdienen im Monat weniger als 1495 Euro. Anders gesagt: Die Hälfte der Arbeitnehmer verfügt über nur unwesentlich mehr Geld als das Mindesteinkommen, das bei 1308 Euro liegt.

„Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen“, war Sarkozys Wahlkampfdevise. Schon ein Dreivierteljahr nach Amtsübernahme jedoch antwortete Sarkozy auf die Frage eines Journalisten, was er für die Kaufkraft zu tun gedenke, schnippisch: „Was erwarten Sie von mir? Dass ich Kassen leere, die sowieso schon leer sind?“

Und dann kam die Weltwirtschaftskrise. Und sie kam Sarkozy zupass. Lehman Brothers in New York ging pleite ziemlich genau in dem Augenblick, in dem Sarkozy in Paris einen politischen Offenbarungseid hätte leisten müssen. Die großen Versprechen – gebrochen. Die schönen Visionen – zerplatzt.

Dafür war er jetzt schnell mit kritischen Reden über den Kapitalismus zur Stelle. Er klang plötzlich nicht mehr wie ein Neoliberaler, sondern wie Oskar Lafontaine. Er schnürte Rettungspakete – das Defizit des Staatshaushaltes für dieses Jahr soll nach offiziellen Schätzungen 5,6 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung des Landes betragen –, er rief Gipfel zusammen, er machte dabei eine ziemlich gute Figur.

Tatsächlich trifft die Krise Frankreich erst einmal weniger hart als zum Beispiel die Exportnation Deutschland. Zwei der Gründe dafür: Das Wohlstandsniveau ist ohnehin niedriger. Und: 20 Prozent der französischen Arbeitnehmer sind im Staatsdienst beschäftigt.

Dort hatten sie die längste Zeit ausreichend Muße, die Eskapaden des neuen Herrn im Elysée-Palast zu verfolgen. Nun wird jeder zweite Beamte, der ausscheidet, nicht mehr durch einen Nachfolger ersetzt, aber auch die Eskapaden sind weniger amüsant, als sie es einmal waren. Anfangs, in den ersten Monaten, waren noch Herzschmerz und Herzklopfen, Scheidung und Hochzeit die Höhepunkte in Sarkozys Spiel. Der Chefredakteur der französischen „Gala“ frohlockt noch im Nachhinein: „In unseren kühnsten Träumen hatten wir uns das nicht vorstellen können!“

Aber so sehr Franzosen das Emotionstheater mögen, Sarkozy ist zu weit gegangen. Sarkozys Tyrannei der Intimität ist gar nichts mehr tabu. In Interviews plaudert Julie Imperiali, Sport-Trainerin der Sarkozys, freizügig über ihre Methode, bei der es vor allem darum geht, den Beckenboden zu stärken, was auch das Sexualleben verbessere: „Probleme zu frühen Ejakulierens rühren bei Männern oft vom Beckenboden her“, sagt die Trainerin. Und Sarkozy sei ein „vorbildlicher Schüler“, fügt sie noch hinzu.

Der Präsident, der angetreten war, um ein ganzes Land zu entstauben, dessen Energie und Tatkraft auch politische Gegner zu faszinieren vermochte, hat in Wahrheit nichts dergleichen fertiggebracht. Der Hyperpräsident, der ständig zu einem anderen Gipfel fliegt, jede Woche in die Provinz reist, täglich Reden hält, unermüdlich, den Nahen Osten zu befrieden meint, in Georgien interveniert, der die Finanzkrise bekämpft und sich, in persona, um die Abwasserversorgung am Cap Nègre kümmert, weil seine Frau dort eine Villa besitzt, dieser Mann, dem zwischen Kapitalismus und Kloake kaum ein Problem fremd ist, hat sich im Amt offensichtlich nicht verändert, obwohl er es versprach. Er ist derselbe geblieben, nur die Koordinaten sind neu.

Es ging ihm lange um den Aufstieg. Jetzt, oben angekommen, scheint er nicht mehr zu wissen, in welche Richtung es weitergeht. Und so scheint er nur noch um sich herum zu schauen – und bedient in hohem Ausmaß die Interessen seiner Freunde. Er hat Wahlkampf gemacht genau mit diesem Thema: Er werde die Cliquenwirtschaft in Frankreich beenden, die alten Seilschaften zerschlagen. Das Gegenteil ist eingetreten. Es geht der Witz und die Sorge um, Sarkozy verwandele Frankreich in eine Bananenrepublik.

Wenn das stimmt, dann organisierte Cécilia Sarkozy deren Gründungsfest.

Sie war es, die Ex-Frau, die das Restaurant „Le Diane“ für die Wahlsiegesparty auswählte und die Gästeliste zusammenstellte. Auf ihr standen am Ende 56 Persönlichkeiten, aber viele enge Freunde, alte Weggefährten, fehlten. Die Liste liest sich heute wie eine Art Regierungserklärung: Frankreichs Reichste und Erfolgreichste hatten sich versammelt, Konzernchefs, Medienbosse, Großinvestoren, garniert mit Schauspielern und Schlagersängern. Sie feierten einen Freund an der Macht. Sie stießen an auf ihren Präsidenten.

Zwei Jahre später ist ein Drittel dieser Gäste in die Ehrenlegion aufgenommen oder im Rang erhöht worden. Groß ist die Zahl der Freunde Sarkozys, die mittlerweile schöne Posten erhalten haben, in Justiz, Verwaltung, Regierung, Wirtschaft. Sarkozy hatte am Wahlabend gesagt: „Wir werden gemeinsam eine neue Seite der Geschichte schreiben.“

Dass darin die meisten Franzosen nicht vorkommen, gilt zwei Jahre nach Sarkozys Amtsübernahme als ausgemacht. Diskutiert wird jetzt, wie groß der Schaden ist, den der Präsident im Land anrichtet. Die Frage ist Frankreichs Dauerthema, auch im Restaurant „Diane“, wo das Abenteuer der Macht einst begann, und dort gilt die Antwort des Oberkellners. Man ist enttäuscht. Man hatte sich mehr erwartet, viel mehr.

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