Niederländische Start-up-Szene : „Appsterdam“ baut auf Freiheit

Die kreative Industrie entwickelt sich zu einer der wichtigsten Säulen der Wirtschaft.

Peter Teffer
Hafen für Kreative. Im ehemaligen Holzhafen rund um das Kornsilo siedelt sich Amsterdams kreative ICT-Szene an.
Hafen für Kreative. Im ehemaligen Holzhafen rund um das Kornsilo siedelt sich Amsterdams kreative ICT-Szene an.Foto: amsterdam marketing

Der Gründer des Amsterdamer Unternehmens Rockstart hat gerade angefangen zu erzählen, als einige Jungs eine große schwarze Tischplatte hereinbringen. „Wir sind gerade zum fünften Mal in diesem Jahr umgezogen“, erklärt Oscar Kneppers. Rockstart, das anderen Unternehmen in ihrer Startphase hilft, begann in einem Büro von 24 Quadratmetern. Inzwischen nutzt der Betrieb 800 Quadratmeter in der zentral gelegenen Vijzelstraat und Kneppers ist schon wieder auf der Suche nach einer größeren Örtlichkeit. In der Innenstadt natürlich – darunter tut er es nicht. Das Herz Amsterdams rauscht vor lauter Internetbetrieben, aber auch gerade außerhalb des Zentrums, im aufstrebenden Amsterdam-Nord auf der anderen Seite des Ij und im Houthaven (Holzhafen) sind verschiedene Unternehmen zu finden, die digitale Dienste anbieten.

Der Mangel an Arbeitsplätzen im Angestelltenbereich für Akademiker bewirkt, dass die Gründung eines eigenen Unternehmens in den letzten Jahren attraktiver geworden ist. Und dank der digitalen Revolution ist das auch noch nie so einfach gewesen.

Aber weil ein Erfolg für ein Start-up nicht garantiert ist, können Unternehmer mit einer guten Idee Hilfe bekommen. Die Teilnehmer des Programms Rockstart Accelerator, ein Ableger des Unternehmens Rockstart, werden während ihrer Anfangsphase intensiv begleitet. Bei der Entwicklung ihrer Internetdienste bekommen sie Büroräume und einen Mentor zugewiesen. Nach einem halben Jahr schließen sie ihre „Klasse“ mit einer Reise nach Silicon Valley in Kalifornien ab.

Silicon Valley ist immer noch bekannt als das Hollywood der digitalen Dienste, aber auch in Amsterdam können Erfolgsgeschichten entstehen. So hat Booking.com, Marktführer für Hotelbuchungen, 1996 in Amsterdam angefangen, wo noch immer die Firmenzentrale steht. Nach Unterlagen des städtischen Büros für Forschung und Statistik haben im vergangenen Jahr 46 819 Menschen im gesamten ICT-Sektor in Amsterdam gearbeitet. Vier Jahre zuvor waren es nur 40 221.

Auch die Zahl der Software-Betriebe, die pro Jahr startet, wächst. 2008 schrieben sich bei der Handelskammer 195 Betriebe ein, im vergangenen Jahr waren es schon 287. Ungefähr 60 Prozent der rund 4300 niederländischen Betriebe, die Software entwickeln und produzieren, haben ihren Sitz in Amsterdam. Vor allem die Entwicklung von Anwendungen für Smartphones – Apps – nimmt deutlich zu. Manche betrachten die niederländische Hauptstadt als „den besten Flecken auf der Welt“, um Apps zu entwickeln und nennen sie „Appsterdam“.

Die Verkörperung dieses Enthusiasmus ist der ehemalige Apple-Mitarbeiter Mike Lee, Gründer einer gleichnamigen Stiftung. Vor eineinhalb Wochen feierte er mit ungefähr 100 Gästen den zweiten Geburtstag seiner Stiftung Appsterdam in der Zuiderkerk aus dem 17. Jahrhundert. „Ich verließ Apple für eine Reise um die Welt mit dem Plan, den besten Platz der Welt zu finden, um als App-Entwickler zu arbeiten. Den fand ich in Amsterdam“, erzählt der Amerikaner Lee.

Was macht Amsterdam so attraktiv für App-Entwickler und Internet-Unternehmer? In einem Gespräch einige Tage vor der Appsterdam-Party nennt Mike Lee einige Faktoren. „Es ist keine große Stadt. Wenn ich jemanden sprechen will, gehe ich zu Fuß oder nehme das Rad und bin in einer halbe Stunde dort“, sagt Lee. „Es ist eine angenehme Stadt. Die Lebenshaltungskosten sind in Begriffen des Preis-Qualitätsverhältnisses sehr preiswert. Und jeder spricht hier Englisch!“

Berlin fiel unter anderem wegen der Sprache zurück. „Wenn man in Deutschland arbeiten will, muss man allerlei Formulare auf Deutsch ausfüllen. Hier ging das auf Englisch, der Sprache des Technologiesektors.“ Die Umgangssprache im Büro an der Vijzelstraat ist Englisch, sagt Gründer Oscar Kneppers. „An manchen Tagen laufen hier 17 Nationalitäten herum. Die Menschen wohnen gerne in Amsterdam wegen des humanen Maßstabs der Stadt. Und kreative Menschen im Besonderen, die sind sehr sensibel was den Wohnort betrifft.“ Mehr als andere Arbeitnehmer brauchen Kreative eine inspirierende Umgebung.

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