Zeitung Heute : Niemand kann den Wind besiegen

Wenn es eine Explosion gibt, sollen sie sich auf die Erde werfen. Wenn es ein Angriff mit Kampfgas ist, sollen sie sich Mund und Nase zuhalten. Bagdads Kinder lernen in der Schule, wie man im Krieg davonkommt. Die Erwachsenen vernageln die Fenster – die Angst kommt trotzdem herein.

Asne Seierstad[Bagdad]

Ihre Uniform liegt frisch gebügelt zu Hause im Schrank, grünes Hemd, grüne Hose, schwarzes Kopftuch. Sie hat einen Militärlehrgang gemacht. „Wir sind auf einem Platz herumgesprungen“, sagt sie, „dann sind wir marschiert und über den Boden gerobbt.“ Sie heißt Rania und ist 26.

Rania kann jetzt mit Waffen umgehen. „Wenn der Krieg anfängt, teilen sie Gewehre an uns aus“, sagt sie. Außerdem haben sie ihr einen Beinamen gegeben, „Fedain“ – die, die bereit ist, sich selbst zu opfern. „Ich werde wohl Erste Hilfe machen, das habe ich auch gelernt. Alles andere bestimmt Allah.“

Die meisten Iraker machen einen Kurs in Selbstverteidigung oder in Waffenkunde, entweder auf Geheiß ihres Arbeitgebers, der Gewerkschaften oder der Lokalverwaltung. Auf einer von Bagdads Brücken waren in den letzten Tagen Busse geparkt, sie sollen dort auf Studenten gewartet haben, um sie jetzt in den Semesterferien in die Trainingslager zu bringen.

Saddam Hussein bereitet die Einwohner von Bagdad auf Bomben und auf Straßenkämpfe vor, er hat Widerstand angekündigt: Wenn die Amerikaner Bagdad einnehmen wollten, würden sie an den Toren der Stadt gleichsam Selbstmord begehen, sagte er vor ein paar Wochen in einer Rede. Es ist nicht klar, wie sehr die Menschen hinter ihm stehen. Besonders die Loyalität der Schiiten wird in Zweifel gezogen, und gerüchteweise heißt es, dass deshalb schon Schützengräben um ihre Wohnviertel ausgehoben werden.

Den Mitgliedern der Baath-Partei, der Partei Saddams, sind für einen Krieg genaue Aufgaben zugeteilt worden. Sie sollen Straßen, Häuser, Plätze bewachen, angeblich sind schon Waffen an sie ausgeteilt worden. Vor den Moscheen und den lokalen Baath-Büros werden Brunnen gegraben.

Bei der Anwaltsfamilie Dhafer sind die Vorbereitungen bereits beendet. Vor dem Haus liegen Holzbretter bereit. „Wir nageln sie vor die Fenster, wenn der Krieg ausbricht“, sagt Ahmad, der älteste Sohn. Er studiert an der Universität. „So gehen wenigstens die Scheiben nicht kaputt“, sagt er. Überall im Zuhause von Ahmad und seinen kleinen Brüdern Ali, 18, und Amar, elf Jahre alt, ist zu sehen: Hier bereitet sich eine Familie auf eine Katastrophe vor. „Den Luftschutzraum zum Beispiel haben wir schon im Krieg gegen den Iran gebaut“, erzählt Ahmad. „Da haben wir dann auch 1991, 1993 und 1998 gesessen, immer wenn Bagdad bombardiert wurde.“

Ahmad und seine Brüder gehen hinter das Haus, durch den Küchengarten, an den festgebundenen Schafen und dem Brunnen vorbei zu einer steilen Treppe. Sie führt hinab zu einem kleinen, stinkenden Raum. Wasserflaschen, Decken und Matratzen liegen hier aufgestapelt. „Hier sind wir sicher, hier treffen uns keine Bomben“, sagt er, und dass die Amerikaner gegen das Recht verstießen, wenn sie einen Krieg begännen. „Wir sind ein friedliebendes Volk“, sagt er. „Trotzdem wird es Krieg geben“, sagt Ali.

Er hat in der Schule gelernt, wie er sich schützen soll. „Wenn es eine Explosion gibt, soll man sich auf die Erde werfen. Falls es chemische Waffen sind, soll man sich Nase und Mund zuhalten.“ – „Und dann muss man gegen den Wind gehen“, sagt der kleine Amar, „nicht mit dem Wind, sondern gegen den Wind. Oder war es mit dem Wind?“ Er denkt nach. „Mit oder gegen?“

„Das kommt darauf an, wo die Rakete explodiert ist“, belehrt ihn Ali. „Ja, und aus welcher Richtung der Wind weht“, entgegnet Amar. „Niemand kann den Wind besiegen“, sagt Ali. „Das ist ein irakisches Sprichwort, denk daran“, erklärt Ahmad, der Große, und verlässt den stinkenden Luftschutzraum.

Ein paar Kilometer weiter, in der Al-Mutenebi-Straße, Bagdads Büchermeile, ist die Luft besser. Links und rechts, hinter jedem Bücherstapel sitzen oder stehen Männer, meist zusammen mit ein paar Freunden und mit einem Glas Tee in der Hand. Die Teeverkäufer gehen mit dampfenden Kannen herum und schenken für ein paar Dinare nach.

In einem kleinen Verschlag, im Souterrain, sitzt Mohammad. Er hat sich auf westliche Literatur spezialisiert. Auf dem Verkaufstisch liegt Dantes „Göttliche Komödie“ neben Mohammads Lesebrille. „Fantastisches Buch“, sagt er. „Ich beschäftigte mich gerade sehr mit der Hölle.“

In einem anderen staubigen Laden sitzt ein älterer Mann hinter einem Schreibtisch. Die wenigen Haare auf seinem Kopf hat er nach hinten gekämmt. Er hat lange braune Zähne und schwere Tränensäcke unter den Augen. Einer Kundin hat er gerade das Buch „Die langen Tage“ empfohlen, eine Biografie von Saddam. Er will, dass sie weiß, wer schuld an allem ist.

„Wir leben in einem Albtraum“, sagt er. „Haben Angst vor unserem eigenen Schatten. Nicht einmal auf unsere Freunde verlassen wir uns mehr.“ Dann fängt er an zu wettern: „Wir brauchen ein Erdbeben. Alles muss mit der Wurzel ausgerissen werden. Ich bin Araber und irakischer Nationalist, und ich hasse die USA. Aber für den Irak gibt es keinen anderen Ausweg. Lass die amerikanischen Teufel kommen und es hinter uns bringen. Aber es könnte einen fürchterlichen Bürgerkrieg geben, Araber gegen Kurden, Moslems gegen Christen, Sunniten gegen Schiiten.“ Die beiden anderen Kunden nicken. Es sind zwei Studenten. „In den 70er Jahren war das hier ein schönes Land. Wir hatten die besten Schulen und die besten Krankenhäuser der arabischen Welt. Das Öl machte uns reich. Stellen Sie sich mal vor, 1990 hatte ich einen Mercedes“, sagt der Buchhändler.

Die Iraker gelten als das wissbegierigste Volk im Mittleren Osten. „Ägypten schreibt, der Libanon druckt, der Irak liest“, lautet ein Sprichwort. Bevor in den 80er Jahren die Kriege begannen, hatte das Land die am besten ausgebildete Bevölkerung der arabischen Welt.

Der Kurde Jalal nebenan hat sich auf Geschichte spezialisiert. Im Regal stehen Bücher über das alte Zweistromland, über Babylons hängende Gärten und Babels Turm. „Ich kaufe billig bei alten Leuten und verkaufe dann teuer weiter“, sagt er und lacht und wird wieder ernst. „Eigentlich ist das ganz schön traurig.“

Die Leute verkaufen, was sie während eines ganzen Lebens gesammelt haben, um ein paar Mahlzeiten zu bezahlen oder die Medizin für das kranke Enkelkind kaufen zu können. „Das System“, sagt Jalal leise, „macht uns fertig. Kennen Sie unsere Geschichte? Wissen Sie, was in diesem Land passiert ist? Das ist schlimmer als eine Diktatur, viel schlimmer.“

Bei seinem Nachbarn, dem Mann mit dem Mercedes, steht ein englisches Buch unten im Regal. Es ist eine Stadtbeschreibung aus dem 8.Jahrhundert. „Bagdad war die reichste Stadt der Welt“, steht darin. „Am Flussufer drängten sich die Boote. Sie brachten Porzellan aus China, Gewürze aus Indien, Sklaven aus der Türkei, Goldstaub aus Ostafrika und Waffen aus Arabien.“ Auch das Buch wird es vielleicht bald nicht mehr geben.

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