Zeitung Heute : Niemand sagt es sehr laut, aber alle reden von Rot-Grün

TISSY BRUNS

BONN .Der Parteivorsitzende ist unerschütterlich.Man habe in den letzten beiden Jahren gelernt, "mit ruhiger Hand, nicht aus der Hüfte geschossen" zu handeln."Wir sehen uns das in Ruhe an", antwortet Oskar Lafontaine auf alle Fragen zur künftigen Koalition.Kein Wort zu Rot-Grün, das ist auch die Devise des künftigen Kanzlers.Gerhard Schröder wartet an diesem Abend konsequent ab.Die Hochrechnungen geben einer möglichen rot-grünen Koalition erst eine, dann drei, schließlich fünf oder mehr Stimmen über der notwendigen Kanzlermehrheit.Offiziell wird indes eisern geschwiegen.

Aber die vielen, vielen maßgeblichen und unmaßgeblichen Sozialdemokraten, die am Wahlabend in der Parteizentrale versuchen, ihren Sensationssieg zu fassen, die reden und reden.Was der Wähler will, hat eine eigene Dynamik - im Ollenhauer-Haus heißt sie eindeutig Rot-Grün.

Rot-Grün, sagen ganz markig die jungen SPD-Mitglieder, die zum Feiern angereist sind.Rot-Grün, sagt etwas bedächtiger auch einer aus der Kampa, der aus Lafontaines Haus kommt.Und sicher, warum nicht, sagt auch Uwe-Karsten Heye.Und der ist immerhin einer der Berater hinter Gerhard Schröder, sein Sprecher in Niedersachsen.Fischer als Außenminister, naja, sagt ein anderer aus seinem Kreis.Man kann ihn einmauern.Mit Parteisprecher Jürgen Trittin ist Schröder schon in Niedersachsen klargekommen.

Den entscheidenden Grund für die eindeutige Stimmungslage hat Oskar Lafontaine - natürlich, ohne über Koalitionen zu reden - auf den Punkt gebracht: "Daß es so dicke kommt, haben wir alle nicht erwartet." Mit dem unerwartet großen Abstand der siegreichen Volkspartei vor der Verliererin Union sind zwei Fragen wie von selbst geklärt: Der Wähler hat keinen Zwang zur Großen Koalition ausgeübt - warum sollte man sie suchen.

Zumal, wenn auch die Befürworter einer Elefantenhochzeit (die man an diesem Abend im Ollenhauer-Haus gar nicht mehr aufspüren kann) sehen müssen, daß man mit den Grünen aus einer sehr komfortablen Situation verhandeln kann.

Schröder hat in Niedersachsen eine rot-grüne Koalition mit starker Hand geführt.Er wird sich nach diesem Wahlergebnis zutrauen, Verhandlungen mit den Grünen zu führen, sagt einer, zumal es einfach kein Argument für eine andere Konstellation gibt, daß seiner Partei einleuchten würde.Schröder wird diese Woche in Bonn verbringen - mit dem Ziel, bis zur konstituierenden Sitzung des Bundestags klar zu haben, wie die neue Regierung aussieht.

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