Zeitung Heute : Nietzsche im Sturm

"Fußball ist ein einfacher Sport", ließ sich - in Anlehnung an den englischen Fußballprofi Gary Lineker - Frankreichs Literaturpapst Bernard Pivot vernehmen."Ein Ball, 22 Spieler, ein Schiedsrichter, und Deutschland gewinnt." Falsch geraten! Aber Deutschland ist nicht der einzige Verlierer.Auch die Pariser Hoteliers und Gastwirte gehören zu den Leidtragenden.Eine halbe Million weniger Touristen als sonst, schätzt das Fremdenverkehrsamt, seien im Juni nach Paris gekommen.Der Augenschein bestätigt, daß der Fußball mehr Besucher vertrieben als angezogen hat: Auch ohne Vorbestellung findet man in den beliebtesten Restaurants einen Tisch - und nicht nur, wenn gerade irgendwo gespielt wird.Hotels klagen über leerstehende Zimmer, Taxifahrer über schlechte Geschäfte.All das ist nicht gerade geeignet, die Popularität des Fußballs bei den Parisern zu steigern.Sie wissen zwar, daß ihre Stadt im Sommer, wenn sie selbst das Weite suchen, von kurzbehosten, sandalentragenden Exoten bevölkert wird.Aber was sich in diesen Wochen auf den Champs Elysées mit buntbemalten Gesichtern und sonderbaren Mützen herumtreibt, kannten sie bisher nur aus dem Naturkundemuseum.Das Nachrichtenmagazin "Le Point" stöhnte über den Sternmarsch aufblasbarer Wechselbalge, mit denen eine von allen Geistern des guten Geschmacks verlassene Stadtverwaltung die Fremden willkommen hieß."Le Monde" gab professoralen Spielverderbern Gelegenheit, gegen die Verschwendung öffentlicher Gelder und das neue "Stadion der Schande" zu polemisieren.Natürlich fehlt es auch in Frankreich nicht an Fußballfans.Doch sind sie eine von der Mehrheit nur geduldete, von nicht wenigen Intellektuellen offen verachtete Minderheit und treten dementsprechend bescheiden auf.Die Fabrikanten, die mit T-Shirts und Kappen in den Nationalfarben glänzende Geschäfte zu machen hofften, sind bisher auf dem größten Teil ihrer Ware sitzen geblieben."Interessieren Sie sich wirklich für Fußball?" fragte eine fassungslose Fernsehjournalistin den mit Gattin und Neffen zur WM angereisten Henry Kissinger, was der große Mann, sich mit seiner deutschen Herkunft entschuldigend, verschämt bestätigte.Ein paar Gutwillige suchen sich dem Volkssport philosophisch zu nähern: Eines der vielen Bücher, die aus Anlaß der WM auf den Markt kamen, malt sich aus, was eine Fußballmannschaft mit Nietzsche, Wittgenstein und anderen Herren der denkenden Zunft wohl zustandebrächte.Wie tröstlich, daß uns wenigstens die Kellnerin unseres Stammlokals nicht im Stich läßt.In einem unbeobachteten Augenblick vertraut sie uns an, Bierhoffs Beine seien die schönsten.JvU

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