Zeitung Heute : Nippen und schweigen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Wirklich, ich versuche das bis zur Wahl klarzubekommen. Es soll kein kleines bisschen Frust meine Willensbildung beeinflussen! Übles Gedankengut, in welchem Himmelsrichtungen eine Rolle spielen, darf keine Rolle spielen!

Vergangenen Freitag saßen wir zu dritt (allesamt Bundesbürger seit 15 Jahren) vor einem Café in Prenzlauer Berg, die Sonne schien, vor uns klaffte eine seltene, lange Parklücke. Eine für zwei große Autos allemal. Ein kleines Auto mit Münchner Kennzeichen stieß vorwärts in die Lücke, die Reifen rieben laut quietschend am Bordstein, das Auto fuhr ein kurzes Stück zurück, wieder Quietschen, und ein Stück nach vorn, es quietschte, dann stand es, mitten in der langen Lücke, so dass davor und dahinter viel Platz blieb, aber nicht genug für ein weiteres Auto.

Wir nippten nachdenklich am Kaffee und fragten uns, ob man reagieren müsse. Gebot es die Zivilcourage, aufzustehen und den Fahrer freundlich darauf hinzuweisen, dass der Parkraum hier ein knappes Gut ist und er nicht mehr davon verstellen solle als notwendig? Gut vorstellbar, dass so ein Hinweis als kleinlich und mentalitätsmäßig an Blockwartszeiten erinnernd aufgefasst werden könnte.

Wir unternahmen nichts. Wir guckten nur. Und sahen, wie zwei sehr dünne, sehr junge Frauen mit freien Bauchnabeln und Frisuren, die man nicht nebenbei richtet, aus dem Auto stiegen, jede am Handy nestelnd, wie sie sich auf dem Trottoir aufstellten, ihre engen Jeans glattzogen und das gegenüber liegende Gebäude taxierten. Daran hängt ein Schild, auf dem die frisch sanierten Wohnungen feilgeboten werden. Wir haben so unsere Ahnung, zu welchen Preisen. Eine der Münchner Nabelfrauen tippte die Maklernummer ins Telefon, dann verschwanden die beiden.

Wir wussten, dass unsere Gedanken verwerflich waren. Möglicherweise haben die jungen Frauen schon Außergewöhnliches geleistet. Vielleicht suchten sie im Auftrag einer Hungerhilfsorganisation Büroräume. Wir schwiegen, nippten am Kaffee und waren uns sicher, dass ausschließlich Edmund Stoiber an unserer Frustration Schuld war.

Café „Die Drei“, Sredzkistraße 43. Wenn die Münchnerinnen nicht alle weggekauft haben, sind gegenüber noch Wohnungen zu haben.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben