Zeitung Heute : Nirgends mehr sicher

Kaum waren die Bomben auf der Ferieninsel Bali explodiert, fiel der Verdacht schon auf moslemische Terrorgruppen. Und auf die Al Qaida. Die USA vermuten schon lange, dass nicht nur Indonesien, sondern ganz Südostasien ein Rückzugsgebiet für radikale Terroristen ist.

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Von Moritz Kleine-Brockhoff und Armin Lehmann

Immer wieder war es in den vergangenen Monaten zu antiamerikanischen und antiwestlichen Protesten in der indonesischen Hauptstadt Jakarta gekommen, vor allem nach dem Militärschlag gegen Afghanistan im Oktober vorigen Jahres. Auch zogen mehrfach Mitglieder einer radikalen islamistischen Gruppe in ihrem selbst erklärten Kampf gegen westliche Dekadenz durch Kneipen, um Kunden zu verprügeln oder das Mobiliar kurz und klein zu schlagen. Im September schloss die US-Botschaft für eine Woche aus Angst, zum Anschlagsziel zu werden. In einer vor wenigen Tagen bekannt gewordenen Tonbandaufzeichnung hatte zudem ein mutmaßlicher Al-Kaida-Führer Anschläge ausdrücklich gegen Franzosen und Deutsche angedroht: Falls die bisherigen Warnungen nicht genügten, könne „die Mujahiddin-Jugend weitere Dosen injizieren“, hieß es darin.

Warum ausgerechnet Bali?

Richtig ist, dass die Anschläge auf der bekannten Ferieninsel ein Novum sind. Bisher hat es dort vor allem seit den schweren Unruhen Ende der 90er Jahre in Jakarta Ausschreitungen und Prügeleien sowie Angriffe auf Touristen gegeben, allerdings hat dies nichts mit Terror zu tun. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass die Anschläge gezielt ein beliebtes Urlaubsziel treffen sollten, wo viele westliche Urlauber anzutreffen sind.

Hätte man vor Anschlägen auch auf Bali nicht eindringlicher warnen müssen?

Hinterher lässt sich dies immer leicht fordern. Richtig ist, dass Indonesien, ja Südostasien insgesamt, als Rückzugsgebiet für Terroristen gilt. Vor allem die Amerikaner vermuten Verbindungen zwischen der Al Qaida und lokalen Terrorgruppen wie der Abu Sayyaf. Amerikanische Geheimdienste warnen seit längeren davor, und sie versuchen speziell nach dem 11. September auch in dieser Region den Kampf gegen die Al Qaida aufzunehmen. Das FBI argumentiert so: Mehrere Staaten der Region wie Malaysia und Indonesien haben muslimische Bevölkerungsmehrheiten, andere Länder, darunter die Philippinen und Thailand, hätten gewaltbereite muslimische Minderheiten. Angeblich sollen sich mehrere der Selbstmordattentäter des 11. Septembers während der Vorbereitung auch in einigen der aufgezählten Länder aufgehalten haben.

Welche Terrorgruppen sind in Südostasien aktiv?

Die bekannteste „Organisation" ist die Abu-Sayyaf-Gruppe, die im Süden der Philippinen operiert. Als solche hat die US-Regierung die Mischung aus Gangstern und Rebellen eingestuft. Trotz der Behauptungen der USA, die Abu Sayyaf unterhalte Beziehungen zu Osama bin Ladens Terrornetzwerk Al Qaida, gibt es seit Jahren keine öffentlich bekannten Informationen mehr über Kontakte der Abu Sayyaf zu internationalen Terrororganisationen. In den 90er Jahren war ein Schwager bin Ladens auf den Südphilippinen, er soll unter anderem die Abu Sayyaf unterstützt haben, die später mit brutalen Entführungen weltbekannt wurde. Die Gruppe war von einem von vielen respektierten islamischen Gelehrten gegründet worden, der politische Ziele hatte. Er wollte für die Rechte der Moslems auf den Südphilippinen kämpfen, die dort seit Jahrhunderten unterdrückt werden. Nach seinem Tod verkam ein großer Teil seiner Organisation zu einem Haufen Krimineller, die ihre Geiseln entweder gegen Lösegeld freilassen oder sie töten.

Die Abu Sayyaf terrorisiert heute vor allem die Menschen auf den beiden Inseln Basilan und Jolo, auf denen sie zu Hause ist. Die USA schickten in der ersten Jahreshälfte 1200 Soldaten auf die Philippinen, die halfen, die Abu Sayyaf zu bekämpfen. Es war nach Afghanistan der größte US-Militäreinsatz im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Spezialeinheiten agierten auf der Insel Basilan, dort ist die Abu Sayyaf jetzt fast ausgeschaltet. Auf der Nachbarinsel Jolo, wohin vor zwei Jahren auch die Familie Wallert aus Göttingen verschleppt wurde, gab es keine US-Hilfe. Dort ist die Abu Sayyaf immer noch stark.

Was ist bisher in der Region passiert?

Die wichtigste Terroraktivität auf den Philippinen liegt sieben Jahre zurück und ist wenig bekannt. Geplante Anschläge auf mehrere Passagierflugzeuge, die von Asien in die USA fliegen, wurden verhindert. An Bord sollte Sprengstoff explodieren, damit die Flugzeuge abstürzen. Die Terrorzelle, die in einer Wohnung in Manila die Anschläge vorbereitete, wurde entdeckt. Einer der Terroristen war 1993 an dem ersten Anschlag auf das World Trade Center beteiligt gewesen.

Wer könnte hinter den Anschlägen auf Bali stecken?

Heute wird eine Terrororganisation namens „Jemaah Islamiah" als größte Bedrohung in Südostasien angesehen. Die Gruppe, die Verbindungen zu Al Qaida haben soll, will in der Region einen fundamentalistischen, islamischen Staat schaffen. Malaysia, Singapur, Indonesien, Brunei und der Süden der Philippinen sollen dazugehören.

In Afghanistan war im Haus eines Al-Qaida -Mitgliedes ein Videoband gefunden worden, auf dem mögliche Ziele für Anschläge in Singapur zu sehen sind. Der spirituelle Anführer ist nach Meinung der USA, Malaysias und Singapur Abu Bakar Bashir, ein islamischer Gelehrter aus Indonesien. In Malaysia und Singapur wird er mit Haftbefehl gesucht, in Indonesien lebt er unbehelligt und führt ein islamisches Internat auf der Insel Java. Die USA bedrängen die indonesische Regierung seit Monaten, auch sie wollen, dass Abu Bakar Bashir verhaftet wird. In Jakarta wurde der Gelehrte einmal verhört. Australiens Außenminister Downer deutete nach dem Anschlag in Bali an, dass er die „Jemaah Islamiah" als Täter verdächtigt. Die Gruppe sei zu Sprengstoffanschlägen fähig. Über Abu Bakar Bashir hatte Downer schon vor Wochen gesagt: „Wir wissen, dass er ein Terrorist ist."

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