Zeitung Heute : No sex, no drugs

SILVIA HALLENSLEBEN

Böse Jungs und böse Filme: Wes Cravens "Scream"VON SILVIA HALLENSLEBENLetzte Woche hat Quentin Tarantino in einem besseren Restaurant von Los Angeles seinen Produzenten zusammengeschlagen.Der Grund: eher nichtig.Die Öffentlichkeit: eher freudig erregt.Tat doch der Pulp-Regisseur endlich das, was man von einem solchen erwartet: vom Horrorvideo-Fan zum Gewaltfilm-Macher und dann selbst zum Akteur.Der Kreis schließt sich.Böse Jungs machen böse Filme, die andere Jungs (und Mädels) zu bösem Tun anstiften. Seit John Carpenters mit "Halloween" 1984 den Startschuß setzte für einen Boom, kauerte das Subgenre des Splatter- oder Slasherfilms tapfer in der Kino-Schmuddelecke.Kaum eine andere Form außer dem Porno hatte so viele explizite Feinde, kaum eine allerdings auch so eingeschworene Fans.Kaum sonstwo brauchte es so wenig gute Argumente, um glaubwürdig Abscheu zu konstatieren.Nirgendwo konnte die Zensurschere so bequem zuschnippen.Und nirgendwo sonst wurden filmische Zeichen dermaßen direkt mit ihrer befürchteten Wirkung kurzgeschlossen. Das mag daran liegen, daß der Slasher-Film genau in dem Milieu spielt, das sein Publikum selbst bevölkert.Es ist ja das vermeintlich lustige Teenagerleben, in das die gräßlich deformierten Serienkiller mit ihren Messern und Kettensägen hereinbrechen.Es liegt aber auch daran, daß die Filme eine Serialität vorstellen, die in seltener formaler und thematischer Geschlossenheit jeden Film nur wie eine Variante des letzten aussehen läßt.Für Außenstehende scheint in diesem Mangel an "Geschichten" die Gewalt zum Selbstzweck zu verkommen.Für Eingeweihte macht gerade die Wiederholung einen Großteil der Lust aus.Und es ist gerade die Klaustrophobie der Filme, ihre Zwanghaftigkeit, die durch die Ausbrüche an unterdrückter Körperlichkeit, an Blut und Schleim zur Befreiung führt.Zum Greifen nah liegen pubertäre Sexualängste unter der Oberfläche.Wenn es im Kino noch Katharsis gibt, dann hier. Auch Wes Cravens neuester Film "Scream" befolgt die Gesetze des Subgenres pedantisch.Auch hier das Highschoolmilieu, auch hier die Kleinstadtidylle.Auch Drew Barrymore, schnuckelig im weißen Pullover, will sich nur einen netten Abend machen - mit Popcorn und Horrorvideo.Denn hier ist der Kurzschluß perfekt.Die Protagonisten sind Horrorfilmbuffs, die sich in dem Genre auskennen, das sie bevölkern - und auch in den Debatten, die darüber geführt werden.Gewandt plaudern sie über den Film, der ihr Leben sein sollte - und wissen, daß das nicht gelingt.Ausgebufft äußern sie sich über die Genreregeln, denen ihr Spiel unterliegt: No sex, no drugs, und du darfst nie rausgehen und sagen, ich komme gleich zurück. Natürlich hilft das nichts.Genüßlich läßt Craven sie in die Fallen tappen, die sie eben noch wissend beschworen haben.Allzu genüßlich vielleicht.Denn dieser Film unterhält, aber er läßt kalt. Wes Craven, der Altmeister des Genres, hat mit diesem Film den Schmuddel abgeworfen.Auch der Slasher-Film ist nun sauber, im Mainstream angekommen.Politisch ist dieser Film sympathisch: Das dubios Repressive ist einer aufgeklärten gesellschaftskritischen Attitüde gewichen.Nicht im Psycho-Außenseiter, sondern in der Normalität der patriarchalen Gesellschaft liegt die Bedrohung.Von Schleim keine Spur mehr, selbst die "Adult"-Fassung (es gibt auch eine "jugendbereinigte") ist durchaus gesellschaftsfähig."Scream" kam in den USA letztes Jahr zu Weihnachten auf den Markt - und hat mittlerweile über 100 Millionen Dollar eingespielt.Es ist schon paradox: Die Hollywoodsche Selbstreflexionswut hat mit Kennermiene ausgerechnet jenem Subgenre den Garaus bereitet, das sich immer schon aufs Selbstzitat gründete. In 23 Berliner Kinos; Original mit Untertiteln im Eiszeit und in der Kurbel

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