Zeitung Heute : Nobelimbiß

FRANK DIETSCHREIT

Mißglückte Zeitreise: Marlowes "Jude von Malta" im Theater am Ufer Neudeutsche Gemütlichkeit im gleißenden Licht.Auf den Tischen perlt Schampus in kelchigen Gläsern.Die Kellner tragen modische Zöpfchen und gelangweilte Gesichter.Hier, wo sich die Schönen und Reichen gegenseitig belauern, hält Barabas, "Der Jude von Malta", im feinen Business-Anzug Hof.Er studiert den Wirtschaftsteil der Zeitung und dirigiert seine Handelsflotte mit dem Handy.Natürlich ist Christopher Marlowe und seine Tragödie über den Rachefeldzug eines von christlicher Unmoral drangsalierten Juden ein bißchen vordergründig an den Haaren des Zeitgeistes herbeigezogen.Und fast hofft man schon, es könnte einer dieser launigen und frechen Klassiker-Adaptionen à la Stefan Bachmann werden. Dann aber - es sind gerade ein paar Minuten vorbei - haben die Christen den Barabas auch schon für seine Wucherei bluten lassen, haben sein Hab und Gut konfisziert, um den fälligen Tribut an die Türken entrichten zu können.Und schon stürzt die so hoffnungsvoll gestartete, von Christian Achmed Gad Elkarim im Theater am Ufer arrangierte Zeitreise in die inszenatorische Katastrophe ab.Fortan, und das noch gute zwei Stunden, bleibt der aus den Selbstinszenierungsgefilden der Berliner Schickeria entliehene Nobelimbiß pures Blendwerk.Eine potemkinisches Dorf, ohne jede dramaturgische Funktion.Denn alles, was die wie unter Mehltau agierenden Figuren im knarzenden Erich-Fried-Deutsch von sich geben, wie sie ihre Textmassen mal elegischen zerkauen, mal aus sich herausstoßen, all das hat mit der metaphorischen Bar-Insel, wo sich die Menschen auf der gierigen Suche nach Geld und Sex treffen, nichts mehr zu tun.Könnte genauso gut oder schlecht auf irgendeiner Castorfschen Bühnenschräge oder in einem Zadekschen Zauberwald spielen. Aber gespielt wird ja ohnehin nur wenig.Wie auf Stellproben werden Posen erdacht, muß Barabas (Dietmar Burkhard) seine tödlichen Intrigen und Modegelüste zwischen Barhockren und Caféhaus-Tischchen einfädeln, die mal zu Kloster- oder Kirchen-, mal zu Villen- oder Palast-Mobiliar erklärt werden.Ob türkische Sultane oder devote Sklaven, christliche Erpresser oder jüdische Händler, sie alle benutzen die Berliner Bar allenfalls als Umsteigebahnhof für ihren nächsten Auftritt.Nicht aber als existentielle Grundsituation einer in ihrer Bereitschaft zur Inhumanität egalitären Gesellschaft.Und Klara Höfels? Sie muß, wie die anderen Kollegen auch, gleich mehrere Rollen stemmen.Warum sie ihre Figuren aber so sehr ins Schmierig-Klamaukige zieht, warum ihr Sultan ein dickbäuchiger Quengelbruder und ihre Maltesische Schönheit eine Bordschwalbe mit Kölschem Mundwerk sein muß, bleibt ein Rätsel.Aber vielleicht sollte die Inszenierung ja auch nur ein kabarettistischer Scherz sein.FRANK DIETSCHREITTheater am Ufer, Tempelhofer Ufer 10, bis 19.Juni, Dienstag bis Sonntag, 20 Uhr.

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