Zeitung Heute : Noch fehlt ein Meßsystem

CHRISTIAN BÖHME

Werbebranche drängt auf neutrale Erfolgskontrolle im InternetVON CHRISTIAN BÖHME

Ein bißchen erinnert das ganze an die babylonische Sprachverwirrung: Hits, Clicks, abgerufene Seiten, Kontakte, Zugriffe...Jeder Anbieter im Internet nutzt andere Begriffe, um nach außen zu zeigen, wie beliebt seine Homepage bei den Nutzern ist.Und dann prasseln zumeist fünf- und sechstellige Zahlen hernieder, die vor allem eines sollen: beeindrucken.Doch wird dann im einzelnen nachgefragt - und das tun vor allem die potentiellen Werbekunden -, welche objektiven und nachvollziehbaren Kriterien dem Zählverfahren zugrunde liegen, zeigt sich: Es gibt derzeit noch kein einheitliches Meßsystem im Netz der Netze.Und das ist einer der Hauptgründe, warum sich die Werbestrategen gegenüber dem neuen Medium mit Anzeigen noch zurückhalten.

Denn bislang gibt jeder Anbieter selbst über die Zugriffzahlen Auskunft.Einzige Sicherheit ist seine Glaubwürdigkeit.Der Werbebranche reicht das natürlich nicht aus.Eine neutrale Erfolgskontrolle wie es im Printmedium etwa die Auflagenhöhe und die Reichweite ist, gibt es online derzeit nicht.Doch das soll sich nun ändern.

"Visits" und "Page Views" könnten die neuen Standards in Zukunft heißen.Auf diese Einheiten haben sich zumindest die großen online-Zeitschriften wie "Stern", "Spiegel" und "Focus" auf Vorschlag des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) verständigt.Bei den "Visits" wird jeder "Besuch" des digitalen Angebotes gezählt, bei der wenigstens eine Seite übertragen wurde.Sollte längere Zeit kein Datenfluß stattfinden, gilt der "Visit" als abgeschlossen.

Bei "Page View" werden die Besucher einer konkreten Seite gezählt.Auf speziellen Wunsch der Werbekunden könnten diese beiden Einheiten zudem durch "AdClicks" ergänzt werden.AdClicks zählen, wie oft von dem Angebot des Werbeträgers (beispielsweise Tagesspiegel-online) direkt per "Hyperlink" zu einer vom Werkunden angegebenen Adresse im World Wide Web weitergeschaltet wurde.

Alle Benutzerdaten (Logfiles) könnte dann, so der Vorschlag des VDZ, die "Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträger" (IVW) überprüfen, monatlich publizieren und somit den Anzeigenkunden zugänglich machen.Diese Institution, in der verschiedene Werbetreibende, Agenturen und Medien vertreten sind, kontrolliert bereits die Auflagenzahlen bei den Printmedien.

Wie aber kann gesichert werden, daß die Anzahl der Page Views und Visits nicht verfälscht wird, lautet die wichtige Frage für die Werbekunden."Dafür soll eine zentrale Prüfstelle eingerichtet werden", sagt Holger Busch, Geschäftsführer Marketing beim VDZ.Als Überwachungsinstanz würde dieses Testcenter Verfahrensregeln und Anforderungskriterien definieren, die auch in der jeweiligen Auswertungssoftware der online-Anbieter berücksichtigt werden müßte.So könne man den Werbekunden gesicherte Zahlen bieten.

Auch der Bund Deutscher Zeitungsverlage (BDZV) macht sich schon seit einiger Zeit Gedanken über einheitliche online-Standards.Eine Zusammenarbeit mit dem VDZ hält man dort durchaus für sinnvoll."Page View" zum Beispiel sei ihm durchaus sympathisch, sagt Thomas Breyer, der die Projektgruppe "Zählmethoden online" betreut.Doch komme es in erster Linie darauf an, einfache und schnell umsetzbare Lösungen zu finden."Eigens dafür komplizierte Softwareprogramme zu entwickeln, ist nicht sinnvoll.Denn ehe die fertig sind, könnten sie schon wieder veraltet sein."

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