Zeitung Heute : Noch immer Berührungsängste

KURT SAGATZ

Die Bereitschaft der mittelständischen Wirtschaft in Berlin, sich über eine Internet-Präsenz einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, ist offensichtlich noch nicht allzusehr ausgeprägt.Noch immer existieren offenbar diverse Berührungsängste, wie die Berliner Internet-Agentur "Im Netz" im letzten halben Jahr erfahren mußte.Unter Schirmherrschaft des Wirtschaftssenators hatte die Agentur um Geschäftsführer Walter Schönenbröcher per Wettbewerb 60 Firmen eine Web-Präsenz angeboten - kostenfrei und ohne weitere Verpflichtungen.Jeden Monat wurden zehn Sieger des Wettbewerbs ermittelt, die dann Stück für Stück ihre Erstpräsenz erhalten sollten.Eine gute Sache also, wie nicht nur der Medienpartner Tagesspiegel, sondern auch die übrige Berliner Medienlandschaft meinte.

Während sich die im Wedding angesiedelte Agentur in den ersten beiden Monaten kaum der Anfragen erwehren konnte, ließ das Interesse allerdings bald merklich nach."In den letzten Monaten hatten wir schon Sorge, nicht mehr auf die zehn Kandidaten für die Ziehung zu kommen", sagte Schönenbröcher in einer ersten Bilanz der Aktion.So weit ist es zum Glück dann doch nicht gekommen: Sechs Monate lang wurden zehn Firmen gezogen, die nun von der Agentur "Im Netz" betreut werden.Für Schönenbröcher nicht immer nachzuvollziehen, läuft jedoch auch die Arbeit mit den Siegern zum Teil recht schleppend.Einmal gezogen, legten einige Gewinner kaum noch Interesse am eigenen Web-Angebot an den Tag.Insgesamt konnten die Webleute von "Im Netz" bislang gerade 14 Angebote fertigstellen, zehn davon stehen nun weltweit erreichbar im Netz.

Zu den besonders aktiven Netznovizen aus dem "Im Netz"-Wettbewerb gehört das Spandauer Restaurant Kolk ( www.kolk.im-netz.de ).Die Gastronomen nutzen den Internet-Auftritt nicht nur zur Selbstdarstellung, sondern zur direkten Ansprache ihrer Gäste.Zweisprachig gestaltet werden beispielsweise regelmäßig die jeweiligen "Aktionswochen" über das Internet publiziert.Überhaupt hat die Restaurant-Familie Richter erkannt, worauf es im Netz ankommt, freut sich Schönenbröcher, denn das Restaurant hat auf seinen Internet-Seiten im Rahmen des Cross-Promotings auch zahlreiche Links zu anderen Spandauer und Berliner Seiten geschaltet.

Ebenfalls zu den Aktiven des Wettbewerbs zählt die Versicherungs- und Immobilienmaklergesellschaft Scherer & Partner ().Auf den selbst betriebenen Seiten finden sich stets aktuelle Angebote und Informationen zu relevanten Themen.

Nicht allein als zusätzlichen Vertriebskanal versteht auch das Schuhfachgeschäft "Von Truschinsky" ( www.von-truschinsky.im-netz.de ) den Erstauftritt im World Wide Web.Geben und nehmen, so lautet die Philosophie des Netzes, und auf den Seiten von Klemens von Truschinsky wird dies auch gelebt.Ausführlich wird hier das "ABC der Herrenschuhe" erläutert, erfährt der Internet-Nutzer, was hinter Bezeichnungen wie "Full Brogue" oder "Longwing" steckt.Einige der Gewinner bereiteten der Weddinger Netzagentur durchaus Kopfzerbrechen.Der Berliner Anlagenexporteuer Famako legte zum Beispiel großen Wert darauf, daß die Seiten unter www.famako.im-netz.de in russicher Sprache zu erscheinen haben.Doch die kyrillischen Schriftzeichen lassen sich nicht so ohne weiteres darstellen.Gelöst wurde das Problem, in dem die gesamten Texte als Grafiken in die Seiten eingebunden wurden."Mit der optischen Gestaltung bin ich ganz zufrieden, verstehen kann ich den Inhalt jedoch nicht", räumt Schönenbröcher unumwunden ein.

Kein Angebot von der Stange wollte auch die Galerie Raab, die sich von der Internet-Agentur den Gewinn für die Erstellung einer Datenbankanwendung anrechnen ließ.Nach verschiedensten Begriffen werden nach der endgültigen Fertigstellung der Seite bald die Kunstwerke der Galerie sortiert sein.Als Angebot für Online-Shoping kommt die Galerie gleichwohl kaum in Frage, dafür sind die Preise etwas hoch.

Obwohl diese Bespiele zeigen, was alles mit einem kostenlosen Internet-Auftritt erreicht werden kann, sind die Erfahrungen mit dem Wettbewerb für Walter Schönenbröcher insgesamt doch ernüchternd.Eine Fortsetzung der Aktion ist darum auch nicht geplant.

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