Zeitung Heute : Noch mal reinhauen

Monate wird er schuften. Für einen einzigen Abend? Die Rückkehr des Henry Maske

Hartmut Scherzer

Henry Maske schien nie der Typ zu sein, der Entscheidungen anzweifelt. „Man soll nie nie sagen, aber im Moment fühle ich nicht, dass ich etwas umkehren sollte“, hat der Boxer am 23. November 1996 gesagt. Es war sein letzter öffentlicher Satz als Profisportler.

Jetzt will Henry Maske alles umkehren – nach zehn Jahren Pause. Er kehrt zurück in den Ring. 43 wird er sein, wenn er im Januar 2007 zur geplanten Revanche gegen Virgil Hill antritt, den WBA-Champion im Cruisergewicht. Gegen den hatte er am 23. November 1996 in München seinen letzten Kampf verloren. „Time to say goodbye“ tönte damals der Abgesang durch die Halle und danach als Hit durchs ganze Land. Aber nun befindet sich Maske schon seit Mitte März wieder im Aufbautraining. „Derzeit mache ich zwei Einheiten am Tag“, sagt er. Spätestens im September möchte er dann mit dem Trainingslager beginnen. Nur die Trainerfrage sei noch ungeklärt. Man stünde aber bereits in „letzten Verhandlungen“.

Es ist der Fernsehsender RTL, der mit Henry Maske und auch Axel Schulz, heute 37 Jahre alt, die Väter des deutschen Boxbooms in den Ring zurückholt. Angesichts der wenig aufregenden Boxsamstage bei ARD und ZDF setzt der Privatsender auf den Nostalgie-Effekt. Schulz hatte in den 90er Jahren immerhin 18,03 Millionen Fernsehzuschauern beim Kampf gegen Botha, Maske 17,59 bei der Revanche gegen Graciano Rocchigiani. Sie sind die Rekordhalter. Und so sind auch die Gagen. Schulz bekommt zehn Millionen Euro für drei Kämpfe, Maske drei Millionen für einen. Da kann wohl kein Ex-Boxer im besten Mannesalter Nein sagen, selbst wenn er als Lizenznehmer von vier McDonald’s-Restaurants ein erfolgreicher Unternehmer geworden ist.

Der Auslöser für die Comeback-Entscheidung war allerdings ein anderer. Ende Januar habe er die Nachricht gehört, dass Virgil Hill wieder Weltmeister geworden ist. „Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein. Der ist doch im selben Monat geboren wie du“, sagt Maske. Da habe das Grübeln begonnen.

Im Ring hat Henry Maske immer den Ästheten herausgekehrt. Boxen ist für ihn zuallererst eine Sache von Strategie und Stil, Motto: „Ich bin ein sauberer Boxer. Ich mache keinen Gegner fertig.“ Es brachte ihm auch den Ruf des Langweilers ein. Das Faxenmachen nur für die Show war ihm ebenfalls zuwider. „Soll ich mich zum Affen machen?“, hat er mal gefragt.

Ist diese Gefahr nicht jetzt da, mit einem Comeback jenseits der Altersgrenze im Profiboxen? Wilfried Sauerland zumindest, Maskes Ex-Promoter, ist fassungslos. Er habe ja zuerst gedacht, das sei ein Scherz, aber nun mache der Henry „leider ernst“. Mit dem Comeback könne Maske sich seinen Ruf zerstören, fürchtet er. Es wäre jedoch nicht die erste erfolgreiche Rückkehr eines Boxers, und sei es nur für einen Abend. George Foreman wurde von der Welt bewundert, als er nach zehnjähriger Pause mit 39 in den Ring zurückkehrte und gegen Muhammad Ali gewann.

Im Chalet des Boxpromoters Wilfried Sauerland in Gstaad hatten Henry Maske und sein Trainer Manfred Wolke – damals noch Soldaten der Nationalen Volksarmee – Anfang 1990 einen Profivertrag für fünf Jahre unterschrieben. Die Ostdeutschen waren empört. „Wie Schläge unter die Gürtellinie“ empfand Maske damals „den Schmutz, der ausgekippt wurde“ über ihm, dem einstigen Vorzeigeathleten der DDR, Olympiasieger, Welt- und dreimal Europameister der Amateure. „Ich bin kein Schmarotzer, der mit der in der DDR erworbenen Klasse im Westen nun schnell Kasse machen will“, sagte er.

Drei Jahre später, nach dem Punktsieg über den amerikanischen IBF-Champion Charles Williams in Düsseldorf, war Henry Maske im vereinigten Deutschland „der Ossi, der in Sachen Wiedervereinigung mehr erreicht als Politiker“. Maske wurde zum Vorzeigeostdeutschen. Talkshows und Illustrierte rissen sich um den gut aussehenden Saubermann der Branche; sogar der „Playboy“ jubelte: „Ein halbes Jahrhundert nach Max Schmeling hat Deutschland wieder einen Boxer ohne Igitt-Image.“ Auf den teuersten Plätzen rund um den Ring mischten sich Prominente aus Film, Fernsehen und Politik unter die Rotlichtbarone.

Nur ein Herausforderer hat Maske je zu einer Kampfart gezwungen, die er verabscheut: zur Keilerei. Gegen Ernesto Magdaleno, einen blindwütigen Haudrauf, musste sich der Sicherheitsästhet wehren wie nie zuvor. Er habe „ums Überleben“ kämpfen müssen. Maske überzeugte in der brutalen Ringschlacht dann aber die letzten Zweifler. „Jetzt konnte ich beweisen, dass ich ein Boxerherz habe“, sagte er stolz und kühlte die Blessuren im Gesicht.

30 von 31 Kämpfen hat Henry Maske so gewonnen, darunter zwölf um die Weltmeisterschaft. Nur der letzte Sieg blieb ihm verwehrt, im Kampf gegen Virgil Hill. Das habe ihn, sagt er jetzt, „zehn Jahre lang beschäftigt“. Nun will er seine letzte Niederlage wiedergutmachen.

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