Zeitung Heute : Noch rollt der Rubel offline

LUDWIG SIEGELE

Selbst in Amerika ist Einkaufen mit dem PC vom Massengeschäft noch weit entferntVON LUDWIG SIEGELE

Von Deutschland aus amerikanische Bücher zu bestellen - für Normalverbraucher war das bisher oft eine Geduldsprobe.Die Werke kamen, wenn überhaupt, erst nach Wochen an.Jetzt geht es schneller - über das Internet: Beim Online-Dienst Amazon kann sich jedermann viele amerikanische Bücher in Tagen besorgen. Das Bestellen dauert nur Minuten: Käufer geben Titel, Autor oder Stichwort ein - und der Webdienst sucht das gewünschte Werk heraus.Dann fragt der Netzcomputer nach Versandadresse sowie Kreditkartennummern, gibt die Order an das Warenhaus weiter und schickt gleich per elektronischer Post eine Bestätigung.Viele Bücher sind dann schon nach einer Woche da. Amazon - zu erreichen im Internet unter http:/www.amazon.com - ist nur eines von einem Dutzend Beispielen dafür, daß Online-Shopping auf dem Internet langsam konkrete Formen annimmt: da bietet CD Now Tausende von Videos und Compact Disks zum Kauf an.Da lassen sich bei Virtual Vineyards gute kalifornische Weine bestellen.Und da können sich Computerfreaks bei On-Sale.Com Hardware ersteigern. Aber Online-Euphoriker seien gewarnt.Zwar nimmt der Umsatz der elektronischen Läden beständig zu: 518 Millionen Dollar werden sie 1996 in den Vereinten Staaten einnehmen, schätzt der Branchenbeobachater Forrester Research.Aber es wird wohl noch Jahre dauern, bis es das Online-Shopping mit dem klassischen Versand- und Einzelhandel aufnehmen kann. "Zu erwarten, daß Online-Shopping in den nächsten fünf Jahren ein Massengeschäft wird, ist unrealistisch", erklärt William Bluestein, Direktor für neue Medien bei Forrester Research, "es gibt einfach noch zu viele offene Fragen, vor allem hinsichtlich der erhältlichen Technologie, der Demographie der Nutzer und das Verhalten des Verbrauchers." Die Technologie-Probleme dürften am schnellsten vergehen: Die Softwareschmieden Netscape und Microsoft arbeiten fieberhaft daran, die nötigen Programme auf den Markt zu bringen.Die Kreditkartenorganisationen Visa und MasterCard sind dabei, einen Standard für sichere Online-Transaktionen zu entwickeln.Und das Internet gewinnt an Übertragungskapazität. Die Zusammensetzung der Internet-Nutzer ist eine größere Hemmschwelle.Denn das Internet ist immer noch ein Gruppenbild mit Dame: Nach einer Studie des Informtionsdienstes Find/SVP sind nur ein Drittel der User Frauen.Und deswegen entfällt auch mehr als die Hälfte des Online-Umsatzes auf typische Männerspielzeuge: Computer, Pornographie und Compact Disks. Aber selbst wenn der Männerüberhang abnimmt, wird sich wohl an dem einseitigen Warenkorb wenig ändern, meint Bluestein: Bei vielen Produkten, die vor allem Frauen kaufen, würde sich der Versand nicht lohnen, weil sie wie etwa viele Kosmetika zu billig sind.Andere, wie Kleidung, kämen in dem neuen Medium einfach nicht gut an.Verbraucherverhalten dürfte freilich die hartnäckigste Barriere für das Online-Shopping sein: "Konsumenten werden sich erst dann massenhaft mit dem elektronischen Einkaufen anfreunden, wenn es ihnen einen Mehrwert bietet", erklärt Asim Abdullah, Geschäftsführer des Branchenverbandes CommerceNet, der demnächst auch in Deutschland aktiv werden will. Die wenigen Erfolgsgeschichten zeigen, was beim Online-Shopping Kunden lockt.Bei den Versand-Diensten CD Now (http://www.cdnow.com) und vor allem Amazon sind es die Suchfunktionen. Beim elektronischen Weinhändler Virtual Vineyards (http://www.virtual-vin.com) beruht das Erfolgsrezept dagegen auf Kundenberatung und -information.Käufer können am Bildschirm die Ergebnisse von Weinproben abrufen, per E-Mail den Kellermeister Peter Granoff befragen oder nach edlen Tropfen ihres Geschmacks suchen lassen.Das Verkaufsargument von OnSale (http://www.onsale.com) ist schließlich der Nervenkitzel bei Versteigerungen.Nach komplizierten Regeln bieten die Kunden sich gegenseitig hoch - und zeigen dennoch oft Suchtverhalten."Vor dem Schlafengehen schau ich nochmal rein, um zu sehen, ob mein Angebot noch vorne liegt", berichtet ein Stammgast in einer E-Mail.

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