Zeitung Heute : Noch zögern die Investoren

Auf den politischen Gezeitenwechsel folgt am Kap jetzt eine wirtschaftliche Revolution – mit Hindernissen

Wolfgang Drechsler

Wer dieser Tage auf Besuch nach Südafrika kommt, ist bisweilen verblüfft darüber, wie sichtbar das Vermächtnis der Apartheid hier noch immer ist: Hunde sind oft auf Schwarze abgerichtet, die Townships liegen weit von den Arbeitsplätzen entfernt, und Millionen von Menschen können weder richtig lesen noch schreiben, weil der Staat das Bildungssystem in den schwarzen Schulen lange vernachlässigt hat. Die Liste ist lang.

Der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) versucht nach Kräften, die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Nachdem die Apartheid schwarze Südafrikaner 45 Jahre benachteiligt hat, ist für die frühere Widerstandsbewegung nun die Zeit der Wiedergutmachung angebrochen. Präsident Thabo Mbeki weiß, dass die Zukunft des neuen Südafrika zum Gutteil auf wirtschaftlichem Terrain entschieden wird. Aus diesem Grund wird den Schwarzen jetzt auch ökonomisch der Rücken gestärkt. Das Schlagwort heißt „Black Empowerment“.

Immer öfter wird heute am Kap bei einer Anstellung und Beförderung, aber auch bei der Vergabe staatlicher Kontrakte zugunsten Schwarzer diskriminiert. Anno 2003 ist die Apartheid im Wirtschaftsleben nicht abgeschafft worden. Sie wird nur mit umgekehrtem Vorzeichen praktiziert.

Sicherlich gibt es angesichts der Ungerechtigkeiten in der Vergangenheit gute Gründe für gewisse Korrekturen durch den Staat. Würde man sich allein auf die Marktkräfte verlassen, käme dies dem zynischen Versuch gleich, weiße Privilegien festzuschreiben. Dennoch sind viele Wirtschaftsexperten der Ansicht, dass sich die Diskussion weniger um die Frage drehen sollte, ob solche staatlichen Eingriffe gerechtfertigt sind, sondern vielmehr darum, ob sie den langfristigen Interessen des Landes dienen.

Vertrauen der Finanzmärkte

Optimisten umgehen die Frage zumeist und verweisen statt dessen auf die vielfältigen Vorzüge Südafrikas gegenüber anderen Schwellenländern – die unvergleichlich bessere Infrastruktur, das solide Bankwesen, die strikte Finanzpolitik der Regierung oder das Rechtssystem, das Geschäftsverträgen Nachdruck verleiht. Auch der starke Rand, der seit einer schweren Währungskrise Ende 2001 fast 60 Prozent gegenüber dem Dollar zulegen konnte, scheint das Vertrauen der Finanzmärkte in das Land zu bestätigen. Auch sind die Arbeitskosten am Kap trotz der festeren Währung insgesamt immer noch günstig – zumindest im Vergleich mit den Industriestaaten.

Umso mehr überrascht auf den ersten Blick, wie viele Investoren Südafrika mit Vorbehalten begegnen, was sich nicht zuletzt in den niedrigen Investitionen in Sachwerte wie Fabriken ausdrückt. Zur Begründung wird dabei keineswegs nur auf die hohe Kriminalität oder die Aids-Epidemie verwiesen. Viele Skeptiker argumentieren vielmehr, dass in erster Linie „sanfte“ Faktoren die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes bestimmen – Familienwerte, Disziplin, Erziehung, kurz: das gute alte Arbeitsethos. Und in diesem Punkt schneidet Südafrika in der Tat weniger gut ab. Selbst Ali Mazrui, der Doyen der afrikanischen Politologen, stimmt in diesem Punkt in den Chor der Afropessimisten ein: „Wir haben vom Westen das Profitdenken übernommen, aber nicht den Unternehmergeist“, klagt er.

Genau in diesem Punkt bündelt sich auch die Kritik an der „Black Empowerment“-Politik des ANC. Skeptiker beklagen, dass es durch den Transfer großer Aktienpakete von weißen in schwarze Hände noch lange nicht zu einer neuen Wertschöpfung kommt, wie sie das Land braucht. Dies erklärt auch, weshalb es bislang nicht gelungen ist, das Los der breiten schwarzen Masse nachhaltig zu bessern. Natürlich haben einige von den Transaktionen profitiert: Eine Reihe cleverer Schwarzer mit guten Kontakten in die Politik und in die weiße Geschäftswelt ist in Rekordzeit märchenhaft reich geworden. Gleichwohl handelt es sich dabei fast ausschließlich um Mitglieder der gut ausgebildeten schwarzen Mittelklasse, also jener Gruppe, die bereits am Ende der Apartheid gut positioniert war und nun daraus im wahrsten Sinne Kapital schlägt.

Statt auf eine allmähliche Besserung der Verhältnisse hinzuarbeiten und sich in Geduld zu üben, hat der ANC auf dem Weg zur wirtschaftlichen Emanzipation der Schwarzen gefährliche Abkürzungen eingeschlagen und damit begonnen, angesichts des eher gemischten Leistungsnachweises die Privatwirtschaft für seine Zwecke einzuspannen. Nachdem die Regierung beim Umbau der Wirtschaft anfangs behutsam vorgegangen war, hat der ANC das Tempo nun drastisch forciert. Ein spezielles Gesetz zum „Black Empowerment“ soll den Unternehmen klare Zielvorgaben geben und der staatlichen Interventionspolitik im Wirtschaftsleben eine Rechtsgrundlage verleihen.

Als Trendsetter gilt dabei die Bergbau-Charta. Sie soll gewährleisten, dass von Schwarzen geführte Unternehmen in zehn Jahren zu 26 Prozent an allen Minen des Landes beteiligt sind. In leicht abgewandelter Form hat der ANC dieses Modell inzwischen auch auf den Banksektor übertragen. Die Mitte Oktober von Branchenverbänden zusammen mit der Regierung für den Sektor verabschiedete Charta sieht vor, dass bis zum Jahr 2010 ein Viertel der südafrikanischen Bank- und Versicherungsaktien in den Besitz schwarzer Investoren übergeht. Zudem sollen bis 2008 ein Viertel der oberen und bis zu 50 Prozent der unteren Führungspositionen von Schwarzen bekleidet werden. Im Prinzip ist die Erfüllung der Quoten freiwillig, doch müssen die Unternehmen, die sich nicht daran halten, damit rechnen, bei der Vergabe staatlicher Aufträge übergangen zu werden.

Welche Gefahren mit solch massiven Eingriffen verbunden sind, hat ein erster radikaler Entwurf der später abgemilderten Bergbaucharta gezeigt, die viele Anleger zunächst in Panik versetzte. Aus Angst vor einer schleichenden Verstaatlichung hatten die Minenwerte letztes Jahr binnen weniger Tage rund 50 Milliarden Rand (6,5 Milliarden Euro) an Börsenkapital verloren – und haben sich bis heute nicht ganz davon erholt.

Für Unruhe sorgt vielerorts vor allem die Frage, wie die Beteiligung Schwarzer an Minen oder Banken finanziert werden soll. Schließlich handelt es sich bei den dafür ins Visier genommenen Unternehmen um riesige Konzerne – und der Erwerb eines Anteils von 20 oder 25 Prozent würde bei einem fairen Marktpreis, wie ihn die Aktionäre erwarten, entsprechend kostspielig sein. Chefökonom Azar Jammine von der Beratungsfirma Econometrix hat gerade erst davor gewarnt, dass die dafür benötigten Gelder die Inflationsrate am Kap stark schüren könnten. Sollte die Regierung zum Beispiel beschließen, über die nächsten zehn Jahre 25 Prozent aller am Kap notierten Unternehmen in schwarze Hände zu überführen, würde der damit verbundene Vermögenstransfer viele Sektoren vollkommen überfordern.

Vergeudete Energien

Kein Wunder, dass ausländische Anleger die von der Regierung in Aussicht gestellten Gesetze mit großer Sorge beobachten. „Wer an einer langfristig erfolgreichen Entwicklung der Kaprepublik interessiert ist, kann nur hoffen, dass die Regierung den Bogen nicht überspannt und mit dem Privatsektor genau das Huhn schlachtet, dass am Kap die goldenen Eier legt“, sinniert John Kane-Berman vom Johannesburger Institute of Race Relations. Immer neue Vorschriften und Auflagen würden die Konzerne am Ende nur dazu verleiten, kostbare Energien zu ihrer Vermeidung zu verschwenden statt das Sozialprodukt des Landes zu steigern.

Aus Angst, des Rassismus bezichtigt zu werden, hält sich die weiße Geschäftswelt mit öffentlicher Kritik an den neuen Gesetzen dennoch stark zurück. Einige haben jedoch wie Graham Mackay, Chef der South African Breweries, die Befürchtung geäußert, der Aktionismus der Regierung könne von Investoren als eine versteckte Steuer auf die Geschäftswelt empfunden werden. Auf lange Sicht wird Südafrika nur dann wirtschaftlich prosperieren, wenn das Land günstiger als seine ausländischen Konkurrenten produziert. Denn niemand wird am Kap allein deshalb investieren oder die Produkte des Landes kaufen, um damit den Umbau der Gesellschaft zu finanzieren.

Die Lösung muss für Südafrika darin liegen, die Situation der schwarzen Bevölkerung zu verbessern, ohne dabei der Gesellschaft am Kap das Kapital und die Fachkräfte zu rauben, die sie zum Aufbau seiner Wirtschaft braucht. Südafrika rüstet sich in jedem Fall für eine Phase des Black Empowerments, die Kommentatoren als eine „echte wirtschaftliche Revolution“ bezeichnet haben. Dies und die damit verbundene Unsicherheit könnte Regierung und Geschäftswelt in den nächsten Jahren zunehmend aufKollisionskurs bringen.

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