NOISEROCKMutter : Die letzten Aufrechten

Alexandra Distler

Berühmt sein geht anders. Geheimtipp sein – und das über fast 25 Jahre zu bleiben – genau so. Die Berliner Band Mutter hat letztes Jahr, nach sechs Jahren, ihr neues, mittlerweile zehntes Album veröffentlicht. Die Finanzierung von „Trinken, Singen, Schießen“ lief in guter, alter Do-it-yourself-Manier und ohne Plattenfirma im Rücken: Max Müller, Gründungsmitglied, Sänger und Aushängeschild der Band, gab eine auf 99 Stück limitierte Druckauflage einer Kaltnadelradierung als Schuldverschreibung über jeweils 100 Euro aus. Die waren innerhalb einer Woche weg, Mastering und Pressung somit gesichert. Heraus kam, zumindest laut dem Ex-Chefredakteur der „Spex“, Max Dax, „das wahrscheinlich wichtigste deutschsprachige Album“.

Tatsächlich sind es vor allem Sprache und Text, die dieses Album ausmachen, ein Zuhöralbum über den Neid der Alten auf die Jungen, über Menschen, die immer nur reden, aber nie in die Pötte kommen, die sich nach Sicherheit sehnen und diese fälschlicherweise für Freiheit halten. Müller verzichtet auf Metaphern, ist frei von Ironie. Alles, was er sagt oder singt, meint er auch so, und irgendwie nimmt man ihm das ab. Musikalisch bleibt es beim schleppenden, rohen, sich an Sonic Youth abarbeitenden Noiserock, der aber diesmal durch stille, folkige und sehr melodische Momente gebrochen wird. Gelungen ist dieses Album allemal. Ob damit der Durchbruch gelingt, bleibt fraglich. Denn auch wenn man der Band Berühmtheit gönnen würde als Vertreter eines radikalen Kunstverständnisses und einer Glaubwürdigkeit, die schon längst verloren zu sein schien – wahrscheinlich möchte man sie lieber noch mal 25 Jahre als Geheimtipp mit wenigen Eingeweihten teilen. Alexandra Distler

HAU 2, Fr 14.1., 20 Uhr, 16,50/11 €

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