Zeitung Heute : Nolle

Blasse Buletten mit matschigen Bratkartoffeln

Elisabeth Binder

Leider! Leider! Leider! Da hatten wir doch keine Mühe gescheut, um uns zu Fuß auf die Suche nach geeigneten Lokalitäten für kommende Großereignisse zu machen. Sicher, die Fußball-WM wird in der Mehrzahl hoch gebildete Connaisseure in die Stadt ziehen, die diese geniale Mischung aus Schach und Ballett beim Brunello mit Bonmots ohne Ende bedenken. Aber Realisten wissen, dass sich von Massenereignissen jeglicher Art immer auch schlicht gestrickte Gemüter angezogen fühlen, die in größeren Gruppen auftreten und zwischendurch was ordentlich Berlinisches mampfen wollen.

Die „Nolle“ im S-Bahnbogen an der Friedrichstraße wirkt auf den ersten Blick ideal: riesig groß und trotzdem schön wuselig voll von Leuten, die überwiegend so aussehen, als wüssten sie ein zünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis zu schätzen. Trotzdem ist die Luft dort erstaunlich gut. Die Möbel sehen zwar ein bisschen so aus, als kämen sie vom Flohmarkt, aber das unterstreicht eher den typischen Berlin-Touch, wie ihn vor allem Touristen erwarten, die vorher im Klischee-Bilderbuch geblättert haben.

Optisch ist es also ziemlich perfekt bolleberlinisch, und dann scheitern sie ausgerechnet an so was Urdeutschem wie den Kartoffeln! Das ist wirklich eine Schande, wo die Kartoffel doch so eine Art Patengewächs für die Stadt ist, da sie dank des großen Friedrich von einem Acker unmittelbar vor den Toren der Stadt aus einst den Siegeszug durchs ganze Land angetreten hat.

„Ich esse hier auch nie Kartoffeln“, flötete die hübsche Kellnerin fröhlich, als sie unsere Teller wieder abräumte, auf denen sowohl die ausnehmend matschigen Bratkartoffeln liegen geblieben waren, wie auch die bleichen Salzkartoffeln, die so unterirdisch schmeckten, dass man sie am liebsten dorthin zurückgewünscht hätte, wo sie ursprünglich hergekommen sind.

Dabei war der Auftakt ganz viel versprechend. Eine Orangen-Karottensuppe mit Sesam ist ja fast schon ein bisschen zu hip für das nur leicht modernisierte Zille-Milieu, und sie schmeckte, lauwarm wie sie war, sogar ganz ordentlich (3,20 Euro). Der Feldsalat knirschte nur ein bisschen, war umgeben von lustigen Cherrytomaten und übersät mit Streifen vom gekochten Ei (4,70 Euro). Auch das erschien uns einleuchtend. Junge Burschen, wie sie von einschlägigen Massenereignissen eben auch angezogen werden, brauchen ja nicht so auf ihren Cholesterin-Spiegel zu achten, weshalb hier viele Gerichte mit derartigen Sättigungsbeilagen angereichert sind. Das Schnitzel „Metropole“ etwa trägt den brausenden Herausforderungen, die das Leben in einer solchen bereit hält, Rechnung, indem es nicht nur gebratenen Bacon-Speck auf sich nimmt, sondern auch noch ein veritables Spiegelei (9,20 Euro).

Der Service ist in solchen Lokalen immer ausgesprochen freundlich bis kess und schnell. Das ist wichtig fürs Deutschland-Bild im Ausland und freute uns auch. Natürlich ist das korrekteste Getränk in einem solchen Restaurant ein frisch gezapftes Bier. Man kann aber auch den nur leicht süßlichen Prosecco, sogar den vergleichsweise süffigen offenen Chianti (0,2 l für 4,15 Euro) ohne Spätfolgen trinken. Es gibt auch eine richtige Weinkarte mit einigen ganz vernünftigen Flaschen.

Die hausgemachte Berliner Bulette hätten wir auch mit Zigeunersauce inklusive ihrer Speckstreifen haben können, aber mit Spiegelei war sie definitiv uriger. Dazu wird auf Wunsch ein Töpfchen serviert, in dem sich verschiedene, sauber abgepackte Portionen mit Senf befinden. Die Bulette ist ganz appetitlich, sehr hell, sehr brothaltig, und das Spiegelei da drauf ist dafür brutzelig braun gebraten (7,50 Euro). Wären die Bratkartoffeln nicht so beklagenswert matschig, könnte man nicht wirklich meckern. Das gebratene Zanderfilet ist sogar ziemlich gut, wobei man sich den Panade-Mantel auch hätte schenken können, aber der Fisch schmeckt wie frisch aus der Spree geangelt. Dazu gibt es einen kleinen Salat mit solidem Dressing. Es hilft wirklich nichts, aber die Köche dort müssen vor der WM noch mal in die Kartoffel-Schule zum Nachsitzen geschickt werden, um zur Massenabfütterung auf diesem Sektor das übliche Kantinenniveau wenigstens ein bisschen zu toppen (9,80 Euro).

Die gebackenen Apfel-Zimtringe waren wieder ganz gut, schöne Äpfel, ein etwas schräg gesprühtes Sahnehäubchen, Vanillesauce und auch noch ein sehr sättigendes und nicht aufdringlich schmeckendes Karamellparfait aus dem Convenience-Himmel (4,50 Euro). Vielleicht hätten wir lieber die „Kavaliertorte“ nehmen sollen. Die wird bestimmt ein Hit im kommenden Sommer.

Restaurant Nolle, Bahnhof Friedrichstraße/Ecke Georgenstraße, S-Bahnbogen 203, Mitte, Tel. 208 26 45, geöffnet täglich ab 11.30 Uhr. Foto: Doris Klaas

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