Zeitung Heute : Nomadin der Großstadt

Jahrgang 1980, ein zartes, verstecktes Gesicht. Julia Hummer ist gleich mit zwei Filmen auf der Berlinale, zum Beispiel heute in „Gespenster“

Christiane Peitz

Treffpunkt Arkaden am Potsdamer Platz. Am Ausgang vor H&M steht Julia Hummer. Es ist viel los an diesem Nachmittag, die Leute kaufen ein, die 24-jährige Schauspielerin ist leicht zu übersehen. Im Film, Christian Petzolds „Gespenster“, der heute im Wettbewerb der Berlinale läuft, klaut sie Klamotten bei H&M: eine Streunerin zwischen Tiergarten und Potsdamer Platz, Nomadin der Großstadt mit stumm-beredtem, traurigem Blick.

So ähnlich sieht sie auch jetzt aus: löchrige Jeans, dicke Jacke, gelber Kapuzenpulli, Schirmmütze aus grobem Strick. Die ist tatsächlich von H&M. Ein zartes, verstecktes Gesicht. Es ist kalt. Julia Hummer möchte trotzdem draußen bleiben. Man kann schön verschwinden zwischen den hastenden Leuten. Ein Glühwein wäre jetzt gut. Am Stehtisch vor den Glastüren der Arkaden wärmt sich Julia Hummer die Finger an der dampfenden Tasse.

Stimmt nicht, sagt sie. Sie spielt gar nicht immer nur splendid isolation, guckt gar nicht immer nur traurig in die Kamera. Neulich zum Beispiel, die Kleinstadtgöre in Felix Randaus Film „Northern Star“, die sei zornig und trotzig, nicht traurig. Klar, das minimalistische Spiel, die verhaltene Intensität liegt ihr, auch Nina in „Gespenster“ ist wieder so eine. „Aber ich denke nicht darüber nach, wie ich auf der Leinwand aussehen werde.“ Lieber erfindet sie Lebensgeschichten. Nina in „Gespenster“? Ist eine, die ihre Vergangenheit wie einen Traum, ein Trauma erinnert. „Aber sie aktiviert ihre Erinnerung nicht, schreibt trotzdem Tagebuch und ist am liebsten für sich.“ Es steckt ein Rest von Kind in der Stimme der Schauspielerin.

Julia Hummer, Jahrgang 1980, ist Autodidaktin. Auf der Straße in Hamburg für ein Titelfoto des „Jetzt“-Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ entdeckt, wurde sie 1998 von Sebastian Schipper für „Absolute Giganten“ erstmals fürs Kino engagiert. Christian Petzold kennt sie seit ihrer Rolle als Terroristentochter in „Die innere Sicherheit“. Sie mag seine Regiemethoden, das ihr mittlerweile vertraute Team. Man versteht sich, wie in einer Band. „Christian sagt nie: Wie wär’s, wenn du mal so und so gehst? Aber er ist ein fantastischer Geschichtenerzähler, und über die Geschichten inszeniert er die Figuren. Diesmal hat er Grimms Märchen erzählt, das Märchen vom Totenhemdchen, deutsche Mythologie, so Sachen.“

Manche Schauspieler, sagt Julia Hummer, müssen ihre Figuren ausdiskutieren. Sie nicht. Eine Verwandlung ist es immer, manchmal sieht man’s halt deutlicher. Zum Beispiel im Berlin-Episodenfilm „Stadt als Beute“, der auch auf der Berlinale läuft, nicht im Wettbewerb, sondern in der Nebenreihe Forum. Da spielt Julia Hummer eine Nutte mit rosa Fummel und blonder Perücke, eine schrille Figur. „Das habe ich noch nie gemacht, mich total verkleidet. Mit großem Busen und zehn Zentimeter hohen High Heels stolziere ich durch den Puff. Das genaue Gegenteil von ,Gespenster’.“ Inga Busch spielt in „Stadt als Beute“ auch mit, die findet Julia Hummer klasse, ebenso wie Sophie Rois, Juliette Lewis, Woody Allen und… Sie unterbricht sich: Sie zählt nicht gern Favoriten auf. Weil man dabei garantiert wen vergisst. Ihre Ernsthaftigkeit hat etwas Kokettes. Und wenn sie lacht, schwingt eine Spur Melancholie mit.

Manche nennen sie authentisch. Wie hält sie es mit dem wirklichen Leben und ihren Leinwand-Alter-Egos? „Als ich mich in ,Absolute Giganten’ auf der Leinwand sah, dachte ich: Das bin ja ich. Dasselbe dachte ich bei meinem zweiten Film, der TV-Produktion ,Im Stahlnetz’. Spätestens nach der dritten Rolle merkte ich: So viele verschiedene Menschen, das kann gar nicht alles nur ich sein.“ Früher hat sie gelegentlich geflunkert, wenn man sie nach ihrer Biografie fragte. Fest steht, dass sie mit 14 Jahren alleine von der Schweiz nach Hamburg zog und eine Weile durchs Leben streunte. Dass Sebastian Schipper sie tatsächlich in der Kneipe wegen des „Jetzt“-Fotos ansprach. Dass sie in Berlin-Prenzlauer Berg wohnt und im letzten Herbst angefangen hat, Design zu studieren. Sie mag das Handwerkliche, das Arbeiten mit Papier, Holz, Gips.

Sie gibt sich nicht gern preis. Aber sie hat auch Angst, missverstanden zu werden. Julia Hummer, die Vexierspielerin. Der Gang über den roten Teppich, den sie heute vorm Berlinale-Palast antreten wird? Gehört nun mal dazu, sagt sie. Sie hat schließlich Übung, vom Deutschen Filmpreis und der Goldenen Kamera. Früher fand sie das ätzend.

Apropos Missverständnis. Keineswegs will sie den Film wegen ihrer Musik an den Nagel hängen, wie kürzlich in der Zeitung stand. Sie tritt zwar auf und sucht mit ihrer noch namenlosen Band eine Plattenfirma, bei der sie ihr erstes Album veröffentlichen kann. Aber sie wird trotzdem Schauspielerin bleiben.

Julia Hummer, die Singer-Songwriterin. Altmodisch, mit eigenen, englischen Texten und Akustikgitarre auf dem Schoß. Ihre in London erschienene Single klingt nach Folk und kein bisschen nach Funk, wie ebenfalls fälschlich zu lesen war. Das hat sie irritiert, die Aussicht, dass zu ihrem ersten Konzert im Club Zentralberlin lauter Funk-Fans kommen. Es kamen dann aber doch andere.

Ihr teuerstes Hobby: Vinylplatten sammeln. Sie holt gerade Popgeschichte nach, hört The Smiths, The Cure, Sonic Youth, mag Noise, die Sachen von Pharrell Williams, auch mal Snoop Doggy Dog. Adam Green findet sie witzig. Der Unterschied zwischen Schauspielen und Gitarrespielen ist für sie das intime Moment. „Es gibt keine Maske, kein Kostüm. Wenn du Musik machst, gibt es keinen Grund, jemand anders zu sein.“ Vielleicht werden es deshalb immer mehr: Zu den singenden Schauspielerinnen Katja Riemann und Jasmin Tabatabai gesellen sich inzwischen Meret Becker, Sophie Rois, Jana Pallaske und Hummer – demnächst hat sogar Jürgen Vogel seinen ersten Auftritt.

Warum singt sie auf Englisch? Nein, nicht wegen der Maske. Ihre Poesie kommt ihr eben in der Sprache des Pop in den Sinn. Dabei sind DAF-Texte wie „Am liebsten lieb ich dich unter Wasser“ in ihren Augen der Wahnsinn. Und auch „Der Mond ist aufgegangen“, sagt sie, sei Wahnsinn.

Julia Hummer, die coole Romantikerin. Der Glühwein ist nun doch kalt geworden.

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