Zeitung Heute : Nord-Süd-Treffen in Don Pedros Königspalast

THOMAS VESER

"Wuchtiger Fels, Ruhm Spaniens und Krone seiner Städte", nannte Miguel de Cervantes einmal Toledo, Neukastiliens älteste Stadt.Zum Auftakt der mittelalterlichen "Reconquista" als erste maurische Stadt von den Christen erobert, konnte das historische Zentrum unterhalb der mächtigen Festung Alcázar trotz der Zerstörungen während des Bürgerkriegs sein orientalisch anmutendes Gassengewirr bewahren.Dorthin hatte Al Hakim II., Kalif von Córdoba, schon im 10.Jahrhundert einen Teil seiner legendären Bibliothek verlagert.Kastiliens toleranter König Alfons X., den die Zeitgenossen respektvoll den Weisen nannten, förderte im 13.Jahrhundert die Übersetzung arabischer Literatur und sorgte so dafür, daß die Werke der europäischen Gelehrtenwelt zugänglich gemacht wurden.

Als Übersetzer empfahlen sich Mozaraber, wie Spaniens christliche Bewohner während der Maurenherrschaft genannt wurden, und jüdische Toledaner, denn beide Bevölkerungsgruppen beherrschten Arabisch.In welchen Häusern sie fast zwei Jahrhunderte die Werke arabischer Gelehrter zunächst in die romanische Landessprache Kastilisch und dann auf lateinisch übertrugen, hat man nie genau herausgefunden.

Ihre Übersetzertätigkeit, die viele Gelehrte aus dem Norden Europas anzog, begründete im Mittelalter den Aufstieg Toledos zu einem tonangebenden Kulturzentrum.Indem sie die Aristoteles-Kommentare des Philosophen und Arztes Ibn Ruschd (Averroes) übertrugen, fand Europa wieder zu den damals schon vergessenen Philosophen des antiken Griechenland zurück.Als wenige Jahre nach Ende der Reconquista (1492) Juden und verbliebene Mauren vertrieben wurden, verlor die Stadt ihre Vermittlerrolle zwischen der europäischen und arabischen Geisteswelt.

Mit der Gründung der "Escuela de traductores" wollte Spanien 1994 an diese alte Tradition anknüpfen.Dabei galt es zunächst, ein Mißverständis aus der Welt zu schaffen: Im eigentlichen Sinne des Wortes war die b1tolemittelalterliche Escuela keine Schule, in der Übersetzungstechniken gelehrt wurden, es gab noch nicht einmal ein festes Gebäude, da jeder Übersetzer bei sich zuhause arbeitete.Die moderne "Escuela de traductores", an deren Spitze der leidenschaftliche Orientalist Miguel Hernando de Larramendi steht, gehört als Bildungsstätte zur Universität Castilla-La Mancha.

Finanziell wie personell bescheiden ausgestattet, bietet das im einstigen Königspalast von Don Pedro am Platz der Heiligen Isabella beheimatete Institut Kurse für Übersetzer in Form von Werkstätten an.Weitere Seminare, Kolloquien und Einzelvorträge über die kulturellen Beziehungen zwischen Europa und der arabischen Welt richten sich an einen größeren Personenkreis.So energisch sich der 34jährige Baske für die geistige Annäherung der Länder südlich und nördlich des Mittelmeers einsetzt, so realistisch schätzt er die Rolle seiner Übersetzerschule ein: "Mehr als einen bescheidenen Beitrag zur Nord-Süd-Integration können wir gegenwärtig kaum leisten".So bemühe sich das Institut darum, europäische Übersetzer mit Schriftstellern aus der arabischen Hemisphäre zusammenzubringen und hoffe, daß immer mehr Verlage in Europa deren Werke übersetzen ließen.Denn die meisten Europäer, so der Direktor, hätten heute kaum eine Vorstellung über Vielfalt und Reichhaltigkeit des literarischen Schaffens südlich des Mittelmeers.

Fest definierte Ausbildungsprogramme gibt es nicht, vielmehr lädt die Schule einige Male pro Jahr Schrifstellerinnen und Schriftsteller aus der arabischen Welt zu mehrtägigen Intensivkursen ein.Ziel der Autor-Übersetzer-Treffen ist, so de Larramendi, das literarische Niveau der Übersetzungen zu heben.Nach und nach will die Escuela "eine neue Generation von Übersetzern herbilden"; die Hoffnung, daß künftig mehr Übersetzer aus Deutschland - dort arbeiten nach Angaben des Instituts mehrere Dutzend Arabisch-Übersetzer - teilnehmen, hat der Direktor noch nicht aufgegeben.

In den übrigen Veranstaltungen befaßt man sich mit Aspekten der Rezeptionsästhetik, den Werken emigrierter Autoren aus der arabischen Welt oder der Frage, nach welchen Gesichtspunkten die Medien auf beiden Seiten des Mare Internum über Vorgänge in den jeweiligen Hemisphären berichten.Um ein europäisches Übergewicht zu vermeiden, wird darauf geachtet, daß mindestens die Hälfte der Referenten aus arabischen Ländern stammt.

Einen verläßlichen Verbündeten hat das Institut in der Europäischen Kulturstiftung gefunden.Mit Lotteriegeldern finanziert, hat sich die gemeinnützige Einrichtung mit Sitz in Amsterdam dem kulturellen Nord-Süd-Dialog verschrieben."Mémoires de la Méditerranée" heißt ihr Publikationsprogramm, das dabei helfen soll, mehr europäische Übersetzer für die Zielsprache Arabisch zu gewinnen und mit finanziellen Beiträgen aus dem Stiftungstopf die Zahl übersetzter Werke in Europa anwachsen zu lassen.

Escuela de traductores, Plaza de Santa Isabel, 5 E-45080 Toledo, t 0034 / 925 / 22 90 12.

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