Zeitung Heute : Nordirland zwischen Hoffen und Bangen

ALBRECHT MEIER

Stunde null: Historischer Wandel in einer Region der Welt, die seit 30 Jahren vom Bürgerkrieg gezeichnet istVON ALBRECHT MEIERAls am Karfreitag der Morgen in Belfast dämmerte und die Frist für den Abschluß der Friedensgespräche in Nordirland längst verstrichen war, ein Kompromiß in dem jahrzehnte-, ja eigentlich jahrhundertealten Konflikt aber schon in greifbarer Nähe lag, in diesen Morgenstunden, in denen der US-Vermittler George Mitchell einen erneuten Entwurf für die künftige Verfassung der Unruheprovinz vorlegte und mit der ganzen Welt hoffte, das Feilschen möge endlich ein Ende haben, da zog auch eine neue Zeitrechnung für Nordirland herauf.Noch ist es ein Zustand zwischen Hoffen und Bangen, und doch hat sich ein grundsätzlicher, wahrscheinlich sogar historischer Wandel vollzogen in einer Region der Welt, die seit 30 Jahren vom Bürgerkrieg gezeichnet ist. Die Vertreter der acht Parteien, die an den Verhandlungen im Stormont Castle von Belfast teilnahmen, haben um ein Abkommen gerungen, das der pro-irischen Seite ein verstärktes Mitspracherecht in den Angelegenheiten Nordirlands einräumt.Der britische Regierungschef Tony Blair und sein irischer Amtskollege Bertie Ahern, die die auf eine starre Verbindung mit Großbritannien beharrenden Unionisten und die pro-irische Gegenseite mit sanfter Gewalt auf den Konsenskurs zwangen, dürfen sich einen Eintrag ins Geschichtsbuch erhoffen: Erstmals seit 1920, als die irische Insel von den Briten gegen den Willen Dublins in zwei politische Einheiten geteilt wurde, könnte ein gangbarer Weg für ein halbwegs gleichberechtigtes Zusammenleben von Protestanten und Katholiken in Nordirland gefunden sein.Die Konfliktparteien mochten dennoch aus der Unterzeichnung keine große Show machen.John Taylor, der protestantische Chefunterhändler, hat bis zur letzten Minute jene Formulierungen aus dem Dokument des US-Vermittlers Michell zu tilgen versucht, die die nordirische Bevölkerungsmehrheit auf den gefürchteten "Weg nach Dublin" schicken könnte.Kaum jemand in Nordirland wäre überrascht, wenn der Streit über die Auslegung des Mitchell-Papiers in den nächsten Wochen unvermindert weiterginge.Damit nicht genug: Es gehört nicht viel Vorstellungskraft zu der Voraussage, daß jene terroristischen Splittergruppen auf beiden Seiten, die sich an den demokratischen Verhandlungsprozeß nicht gebunden fühlen, ihre Sabotagekampagne in den kommenden Wochen eher noch verschärfen werden. Allen Unkenrufen zum Trotz unterscheidet sich das Michell-Abkommen aber ganz wesentlich von sämtlichen Vereinbarungen, die zur Befriedung Nordirlands während des Bürgerkrieges abgeschlossen wurden.Das Friedensabkommen, an dessen Zustandekommen erstmals auch die Vertreter Sinn Feins, des politischen Arms der Terrororganisation IRA, sowie zweier Gruppierungen aus dem protestantischen Untergrund beteiligt waren, scheint die Quadratur des Kreises bewältigt zu haben: Die Provinz erhält erstmals seit 1972 wieder eine Art Parlament mit echter Exekutivgewalt, in dem die katholische Bevölkerungsgruppe stärkeres Gehör finden, die protestantische Mehrheit aber weiterhin die lauteste Stimme haben wird.Dafür müssen die Unionisten die Kröte eines sogenannten "Nord-Süd-Rates" schlucken, der Dublin ein Mitspracherecht im Bereich der Landwirtschaft, des Verkehrs und des Handels einräumt. Dieser Balanceakt, der seinen Charme aus einer schier endlosen Reihe von Gewalten und Gegengewalten, Optionen und Varianten gewinnt, wird selbst manchen Insider verwirren.Bislang existiert er nur auf dem Papier, und nach dem Verhandlungserfolg des US-Vermittlers Mitchell sind es die Iren im Norden und Süden der Insel selbst, denen die größte Bewährungsprobe noch bevorsteht.Voraussichtlich im Mai soll das Abkommen in beiden Teilen der Insel einem Referendum unterzogen werden.Allerdings besteht die größte Gefahr für das Abkommen nicht in einer möglichen Ablehnung durch die Bevölkerung.In den vergangenen 30 Jahren waren es die Volksvertreter in Nordirland, die sich stets weniger kompromißbereit gezeigt haben als die breite Bevölkerung.Die schwierige Aufgabe für die Vertreter der acht Parteien, die sich im Stormont Castle von Belfast am Karfreitag von der Last der Vergangenheit getrennt haben, wird nun darin bestehen, den Kompromiß in den nächsten Wochen als einen Sieg zu verkaufen.

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