Zeitung Heute : Nordisch zerklüftet

ECKART SCHWINGER

Deutsch-skandinavischer Nachwuchs in der Kleinen PhilharmonieECKART SCHWINGERGleich zu Beginn des Jahres brachten die unternehmungsfreudigen Jugendorchester wieder frischen Wind in unsere Konzertsäle.Nach dem Jeunesses Musicales Weltorchester zog die Deutsch-Skandinavische Jugendphilharmonie, deren Konzerte stets musikalischen Entdeckungsreisen gleichen, wieder das Publikum an.Sie präsentierte mit dem Cellokonzert von Joonas Kokkonen in der rappelvollen Kleinen Philharmonie eine bemerkenswerte Erstaufführung.Außerdem setzte sie sich für das Poème Symphonique 1988 ihres Dirigenten Andreas Peer Kähler ein. Das ist ein wirkungssicher fabriziertes, leicht zerklüftetes Werk mit raunendem, nachgerade nordisch eingefärbtem Beginn und Schluß, mit gehörigen Steigerungen und Soli.Einen wirklich originellen, nachhaltigen Eindruck machte es nicht.Aber es gab dem riesig besetzten Orchester im Abschlußkonzert der 21.Deutsch-Skandinavischen Orchesterwoche gleich Gelegenheit, sein respektgebietendes Klangpotential voll auszuspielen.Auch Kähler trat sogleich mit intelligentem musikalischen Gestaltungsvermögen in Aktion und bescherte anschließend mit "seinem" bestens einstudierten Orchester Schuberts "Unvollendete" in einer schlanken und geschmackvoll schattierten Form. Höhepunkt des Abends war dann aber ein Konzert für Violoncello und Orchester (1969) des finnischen Komponisten Joonas Kokkonen.Ebenso wie Aulis Sallinen gilt Kokkonen (1921 bis 1996) als würdiger Nachfahre von Sibelius.Dennoch ist Kokkonen kein Sibelius-Epigone, aber ganz sicherlich auch kein Avantgardist.Es ist eine weit ausgreifende, naturhaft rauhe, mitunter kauzige Musik mit einem so kniffligen wie bizarren Solopart und einem besonders beeindruckenden, hintergründig ernsten und dabei sehr leuchtkräftigen langsamen Satz.Aus dem Schlußsatz dringt sogar urige Spielfreudigkeit hervor.Und nicht nur diesen musizierte Ludwig Quandt, Philharmonischer Solocellist und einstiges Mitglied sowie Cello-Dozent dieses Jugendorchesters, mit vibrierend feiner Intensität.Zum Schluß war dann der finnische Nationalkomponist selbst zu hören mit der Sinfonischen Dichtung "Lemminkäinen zieht heimwärts".Und zwar in einer spiellaunigen Aufführung, die das Publikum, das ohnehin in Superstimmung war, vollends aus dem Häuschen geraten ließ. 

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