Norwegen : Armes, reiches Land

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Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Norweger haben es auch nicht leicht. Wenn sie zum Beispiel mal ein bisschen Leben in die Einsamkeit und Dunkelheit bringen wollen, müssen sie umständlich bei „Vinmonopolet“ einkaufen. Das kostet. Die Norweger sind, was Wein und Sprit angeht, genauso pingelig wie die anderen Skandinavier. In Deutschland zahlen wir zum Beispiel fürs Bier pro 0,2-l-Glas 0,019 Euro Biersteuer. Die Norweger zahlen 0,40 Euro. Wenn die Norweger mal wieder erfolgreich vom Holmenkollen gehüpft sind und dann darauf einen heben wollen, mannomann, das kostet.

Also ich für meinen Teil möchte nicht in Norwegen leben, auch wenn man in Norwegen wunderbar wandern kann und dabei keinen Menschen trifft. Oder höchstens 13 pro Quadratkilometer. Mehr leben nämlich laut Statistik nicht im Quadratkilometer. Da ganz Norwegen 385 199 solcher Quadratkilometer hat, leben also, Stand April 2013, 5 063 709 Menschen in Norwegen. Es kommen zwar jährlich etwa 65 000 dazu, aber man kann trotzdem sagen, dass es nicht so arg viele Norweger gibt. Aber die, die es gibt, sind reich, verdammt reich, Millionäre sogar.

Und zwar alle. Jeder einzelne Norweger, jedes Kleinkind, jeder Greis, jeder Beschäftigte und jeder Arbeitslose – davon gibt es auch in Norwegen 86 000 –, ob Männlein oder Weiblein, ist seit Mittwoch Millionär.

Allerdings nur rechnerisch. Wie gesagt, Norweger haben es auch nicht leicht. Norwegen fördert Öl, und das wird jedes Jahr weniger. Und zwar um vier Prozent. Irgendwann sind die Vorkommen aufgebraucht. Und was dann?

Seit 1990 beugen die Norweger der kommenden Verarmung vor und sammeln die Einnahmen aus Öl- und Gasvorkommen im „Statens pensjonsfond“. Das ist der größte staatliche Finanzfonds der Welt und soll die Rentenansprüche künftiger Generationen sichern. Ich bezweifle aber, dass Norbert Blüm seinerzeit die Norweger meinte mit seinem Sicherheitsversprechen. Am Mittwoch kletterte der Fonds auf 5,11 Billionen Kronen, das sind etwa 606 Millionen Euro. Und das ist eben mehr als das Millionenfache der Einwohnerzahl.

Nun wird der heutige Norweger gewiss denken, dass Statistiken ganz schön blöd sind. Weil er hat ja nichts davon. Der heutige Norweger und die heutige Norwegerin hüpfen weiter brav vom Holmenkollen, ärgern sich über die horrenden Bierpreise und sparen auf einen Großeinkauf bei „Vinmonopolet“. Aber immerhin haben es dafür künftige Norweger mal leichter.Helmut Schümann

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