Norwegen – danach : Was bewahrt werden muss

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Der Mann ist jung, blond und hat blaue Augen. Er liebt klassische Musik und Literatur. Er bezeichnet sich als Christen. Und er will Europa vor Marxismus, Islamisierung, Multikulturalismus und Überfremdung retten.

Das ist eine Selbstbeschreibung, die vermutlich auf zehntausende junger Europäer, vor allem Männer, zutrifft, die sich in rechtsextremen Parteien und Gruppen organisieren oder mit ihnen sympathisieren. Aber Anders Behring Breivik ging weiter. Er jagte in der Innenstadt von Oslo ein Auto mit 500 Kilo Explosivstoff in die Luft und tötete dort und bei einem Mordlauf auf einer Ferieninsel fast 70 Menschen. Es waren fast alles Jugendliche, die Breivik erschoss, Jugendliche, die zum Opfer wurden, weil sie der Einladung in ein Camp der norwegischen Sozialdemokraten folgten, und die Breivik als Ziel auswählte, weil diese Partei für den Täter die Verkörperung einer Politik war, die Norwegen vermeintlich den Marxisten und Islamisten ausliefert.

Ähnliche Parteien gibt es nicht nur in Norwegen, sondern auch in Schweden, Finnland und Dänemark, in Holland, in Belgien, in Frankreich, und es gibt vergleichbare politische Strömungen auch in Deutschland. Fremdenfeindlichkeit und Angst vor Überfremdung hat in Europa Konjunktur, auf einem Erdteil, den, trotz des lange Jahrhunderte einigenden Bandes des Christentums, kulturelle Vielfalt prägte und dessen Sendboten über Jahrhunderte hinweg die Welt nach ihrem Bilde veränderten, von Nord- über Südamerika bis nach Afrika und Asien. Und nun, da die Globalisierung in jenes Europa zurückkehrt, das selbst die Welt gestaltete, werden viele Menschen damit nicht fertig und fühlen sich in ihren Identitäten verraten. Sie machen dafür eine Politik verantwortlich, die ihnen den Schutz vor dem Fremden und die Bewahrung des Althergebrachten zu verweigern scheint. Sie möchten, dass sich ihre Nationen vor dem Wandel verschließen, dass sie das vermeintlich Üble abweisen und, wenn es nicht anders geht, eben vernichten, all das Multikulturelle, das Marxistische, Islamische, alles, was fremd ist.

Sie übersehen, dass Europa immer dann eng wurde, wenn es so reagierte. Dass es Hitlers Deutschland, Francos Spanien, Mussolinis Italien, Stalins Russland waren, die sich im Überlegenheitswahn von Rassen oder Klassen abgrenzten und das andere Denken und das andere Sein ausrotteten. Und dass Europa immer dann groß und von Weltgeltung gewesen ist, wenn es Grenzen überwand und die Offenheit der Gesellschaft lebte. Wann immer Europa Menschen aufteilte in zu erhaltende und zu vernichtende Gruppen, wurde es zum Kontinent der Unmenschlichkeit. Und wann immer es auf die Freiheit und die Demokratie setzte, wurde es zum Vorbild und zum Maßstab.

Deshalb kann die Antwort auf den Terror niemals Abkoppelung und Isolation sein, sondern weiter nur kosmopolitisches Denken oder Mitfühlen, compassion, wie Willy Brandt das einmal genannt hatte, dessen Wertesystem durch die Jahre des Exils in Norwegen geprägt worden war. Was die Anders Behring Breiviks dieser Welt wollen, ist das Gegenteil, ist der Rückzug in eine vermeintlich heile Welt, die es in dieser Romantisierung nie gegeben hat und die es im entgrenzten 21. Jahrhundert auch nicht geben kann. Einem Jahrhundert, dessen Katastrophen und Krisen tagtäglich daran erinnern, dass fast alles, was nationale Regierungen überlegen und tun, schnell zur Weltinnenpolitik wird.

Jens Stoltenberg, der Ministerpräsident des durch die Terroranschläge so geprüften skandinavischen Landes, nennt als Antwort auf die Mordtaten beschwörend: Noch mehr Demokratie, noch mehr Offenheit, aber niemals Naivität. Das Letzte vor allem ist auch Mahnung über Norwegens Grenzen hinweg an jene, die das Gastrecht höhnisch zu missbrauchen trachten. Naiv war vielleicht aber auch das Vertrauen darauf, alle würden die Regeln von Demokratie und Offenheit respektieren. Die Gefahr für beides kommt eben nicht immer von außen. Manchmal ist der Feind der Freiheit blond, hat blaue Augen, liebt klassische Musik und Literatur und nennt sich einen Christen.

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