Zeitung Heute : Nostalgie mit System

Rubel und Pässe sind wertlos hinter der Grenze des Landes, das nicht sein darf und das doch seit 20 Jahren so tut, als ob. In Transnistrien, abgespalten von der Republik Moldau, unterstützt allein von Russland, scheint die Sowjetunion weiter zu existieren. Eine Reise in die Vergangenheit

Andreas Menn[Tiraspol]
Strich in der Landschaft: Transnistrien.
Strich in der Landschaft: Transnistrien.Foto: KNA-Bild

Die Grenze, die keine ist, wird streng bewacht. In einer Baracke hinter Betonsperren und Stacheldraht bestimmt ein Polizist, wer sie passieren darf. Wortlos nimmt er Dokumente der Reisenden entgegen, ein Soldat mit Maschinengewehr wacht auf der Straße. Ausländische Pässe schaut sich der Grenzer genauer an. Dann drückt er Stempel auf Visa, die nur für Stunden gültig sind, und der Kleinbus rattert los, hindurch unter einem Wappen mit Hammer und Sichel, hinein in das Land, das nicht sein darf.

Die Maisfelder, der Fluss, die windschiefen Dörfer, die Fabriken, alles sieht aus wie vor der Grenze – und nach internationalem Recht gehört das alles zur Republik Moldau. Faktisch aber ist der bandwurmschlanke, 200 Kilometer lange Streifen Land entlang des Flusses Dnjestr seit 1990 sein eigener Staat. Er hat einen eigenen Präsidenten, der ähnlich heißt wie eine russische Wodkamarke, Smirnow, eine eigenen Währung, eigene Polizisten mit zu großen Mützen, die wie Sowjetmilizen aussehen, und ein eigenes Motto, es lautet: „Für das Recht, in diesem Land zu leben.“ Aber das wird nicht gewährt.

Nicht von der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau und nicht von der EU, die in dem abtrünnigen Flecken Erde vor allem einen Umschlagplatz für Drogen, Waffen und Sexsklaven sieht.

Gemeinhin nennt man den Flecken Transnistrien, er selbst nennt sich „Pridnestrowische Moldauische Republik“ (PMR), die Republik am Dnjestr also. Und wenn heute in Moldau ein neues Parlament gewählt wird, was auch eine Abstimmung über eine proeuropäische oder prorussische Zukunft des Landes sein soll, und es sieht gut aus für die Russenfreunde, dann kann das den Transnistriern nur recht sein, hängen sie doch vor allem der sowjetischen Zeit nach.

Bisher erkennt Russland die PMR zwar völkerrechtlich nicht an, doch Soldaten hat der große Bruder schon geschickt. Als Friedenstruppe, wie es in Moskau heißt. Als Besatzer, argwöhnen Offizielle in Moldaus Hauptstadt Chisinau. Der Konflikt um das abtrünnige Transnistrien, der sich 1992 zum Krieg steigerte, wurde erst nach dem Einmarsch russischer Truppen offiziell beendet. Doch er schwelt weiter, auch in diesen Tagen, da Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin nach Deutschland reiste, um für mehr Zusammenarbeit mit Europa zu werben.

In der Grenzstadt Bender stehen die Russen mitten in der Stadt, bewachen die Brücke über den Dnjestr. Betonsperren bremsen den Verkehr. Dahinter haben sich zwei Soldaten in Khaki-Kluft postiert. Unter einem Tarnnetz lugt ein Panzer hervor, das Kanonenrohr gen Chisinau gerichtet. Die „moldauische Aggression gegen die pridnestrowische Republik“, warnt das Staatsradio regelmäßig, könne sich jederzeit wiederholen.

Die Fahrt in die Hauptstadt Tiraspol ist eine Reise in die Vergangenheit. Sowjetische Panzer, angeblich am Sturm auf Berlin 1945 beteiligt, recken ihre Geschütze in die Luft. Die Hauptstraße ist nach dem 25. Oktober 1917 benannt, dem Tag der Machtübernahme der Bolschewiken in Russland. Über dem Boulevard prangt ein großes Banner mit der rot-grünen Staatsflagge, geschmückt mit einem Sowjetstern. Vor dem Regierungsgebäude thront versteinert Lenin.

Westler verspotten Transnistrien als „Museum des Kommunismus“. Aber die Nostalgie hat System. Die Russen, Ukrainer und Moldawier, die hier in jeweils gleicher Zahl leben, sollen sich laut der ungeschriebenen Staatsdoktrin russisch, sowjetisch und slawisch fühlen – und bloß nicht moldauisch oder europäisch.

Jedes Jahr am 2. September haben die Patrioten ihren großen Aufmarsch, dann ist Geburtstag. 2010 wurde besonders wild gefeiert: Die Republik wurde 20 Jahre alt. Es gab eine Militärparade, Veteranen des Bürgerkriegs hefteten sich Medaillen an die Brust, Kinder spielten auf geschmückten Panzern.

Traut man den Umfragen, dann wünscht sich die Mehrheit der 450 000 Einwohner eine unabhängige transnistrische Republik. Im Alltag leben die Menschen schon heute in ihrem eigenen Staat. Die Ämter stellen ihnen Pässe der „Pridnestrowischen Moldauischen Republik“ aus, die Banken verteilen PMR-Rubel, die Autos tragen PMR-Kennzeichen. Das alles ist wertlos hinter der Grenze. Aber seit 20 Jahren tun die Menschen so, als ob. Und wenn einer anderer Meinung ist, bekommt er Besuch von der Polizei.

„Wenn ich eine moldauische Flagge ans Fenster hängen würde“, sagt der junge Boris Sarow*, „dann würden sich ältere Nachbarn sofort über mich beschweren.“ Sarow besucht eine von acht moldauischen Schulen in Transnistrien. Als die Lehrer dort wieder in lateinischen Lettern unterrichten wollten, besetzte das Militär kurzerhand das Schulgebäude. Solidarität mit Moldau ist verpönt, vor allem bei den Alten. Schließlich subventioniert Russland ihre Renten und die Gazprom ihr Gas. Und Moskau konnte einer moldauischen Republik am Dnjestr noch nie etwas abgewinnen.

Würde Russland den Hahn abdrehen, dann ginge es Transnistrien an die Existenz. Das Gebiet gehört zu den ärmsten Europas. In den Straßen klaffen Löcher, die Plattenbauten zerbröseln. 200 Euro beträgt ein guter Monatslohn, 80 Euro die Rente. Das sind nur 20 Euro über dem offiziellen Existenzminimum. Manche verdienten sich früher Geld dazu, schmuggelten Hühnerfleisch über die grüne Grenze. Doch die bewacht seit fünf Jahren eine EU-Mission.

„Gute Jobs zu finden ist nicht leicht“, sagt Christina, Schülerin aus Bender, die in Moldaus Hauptstadt Chisinau studieren möchte. Hochschulzeugnisse aus Transnistrien werden im Ausland erst anerkannt, wenn Moldau sie beglaubigt. Die nötigen Formulare aus Tiraspol und aus Chisinau zu bekommen dauert oft neun Monate und länger. „Die meisten meiner Freunde“, sagt Christina, „haben das Land schon verlassen.“

Wer bleibt, kann bei „Moldova Steel Works“ in Rybniza arbeiten, einem ehemaligen sozialistischen Stahl-Kombinat, heute Transnistriens wichtigster Exporteur. Oder in einem der vielen kleinen Betriebe, die sich mit einem Zollstempel aus Chisinau Zugang zum Weltmarkt verschafft haben. In der Schuhfabrik Floare etwa, Kommunistische Straße Nummer 181 in Bender, schweißen Männer in blauer Arbeitskluft Schuhe für den deutschen Markt zusammen. „Wir fertigen auf europäischem Niveau“, sagt Firmendirektor Boris Kichuk und zeigt auf ein dutzend gerahmte TÜV-Zertifikate.

Größter Arbeitgeber in Transnistrien aber ist Sheriff, ein Konzern, von dem man sagt, dass ihm das halbe Land gehöre – inklusive Parlament und Verwaltung. Er ist ein Konglomerat aus Supermärkten, Tankstellen, Textilunternehmen, der Likörfabrik Kvint und dem einzigen privaten Fernsehsender TSW. Bei westlichen Beobachtern steht der Konzern im Verdacht, mit illegaler Zigarettenproduktion und anderen dunklen Geschäften ein Vermögen zu scheffeln. Präsident Igor Smirnows Sohn Vladimir, Chef der Zollverwaltung, soll seine Hand über die Geschäfte halten. Beweise gibt es keine.

Seinen Reichtum stellt das Firmenimperium auf einem großen Gelände am Stadtrand von Tiraspol zur Schau. Neben verfallenen Plattenbauten, hinter meterhohen Metallzäunen, stehen drei neue Fußballstadien. Hier trainiert FC Sheriff, der konzerneigene Fußballverein. Mithilfe eingekaufter Talente aus Burkina Faso und Nigeria gewinnt der Club seit 2001 jede moldauische Meisterschaft.

In einem Viertel unweit des Stadions haben sich die Großverdiener des Landes pompöse Villen bauen lassen, auch die Sheriff-Führung soll hier wohnen. Es wird fleißig gebaut. Arbeiter fegen die Straße, dass kein Staubkorn übrig bleibt. Die verfallenen Mietskasernen nebenan schirmt eine haushohe Stoffblende ab. So leben die wenigen. Die vielen leben anders.

Im Dorf Tschobrutschi zum Beispiel. Alte Lada-Shiguli aus den 70ern zockeln über die brüchigen Straßen. Vor dem Rathaus sitzt ein übergroßer Stalin und stiert streng herab auf den Platz. Eine kleine Parkanlage, 1958 als eine der schönsten der Sowjetunion ausgezeichnet, versinkt in Moos und Gras. Einzig vor dem Ehrenmal des „Großen Vaterländischen Krieges“ stehen frische Blumen.

Auf ihren Hof hat Natalja Darjewa zum Mittagessen geladen. Im großen Topf auf dem alten Herd brodelt Rote-Bete- Suppe. „In der Sowjetunion konnten wir uns mehr leisten“, sagt sie. „Fleisch gibt es heute nur noch zu Festtagen.“ Natalja Darjewa ist 55 Jahre alt und seit mehr als 30 Jahren Kleinbäuerin. Was sie kocht, hat sie in ihrem halben Hektar Garten selbst angebaut. Kohl, Kartoffeln, Karotten. Was übrig ist, verkauft sie auf dem Markt. Sechs Hühner, zehn Enten, zwei Ziegen hat sie außerdem. Im Keller hat sie Dutzende Gläser mit Speck, Kraut und Möhren eingelagert. Das muss reichen, um über die Runden zu kommen.

Pawel, ihr Mann, verdient bei Sheriff als Lastenträger 1800 PMR-Rubel, etwa 170 Euro. „Wir sind zufrieden“, sagt Natalja. Von den jungen Leuten im Dorf sagt das kaum einer. Wer kann, beschafft sich gefälschte Papiere und wandert aus – nach Russland.

*alle Namen geändert

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