Zeitung Heute : Notfallplan: Das Phantom von New Jersey

Philipp Oehmke

Fünf Tage nach der Katastrophe werden die Angestellten der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter wieder zur Arbeit bestellt. Und zwar überpünktlich, bittet die Stimme der Mitarbeiter-Hotline, denn die Sicherheitsvorkehrungen seien verschärft, Wartezeit beim Betreten der Gebäude bitte einkalkulieren. Jene, die im World Trade Center ihre Büros hatten, sollen auf den Anruf ihres Chefs warten. Die Manager wüssten Bescheid und würden ihnen sagen, wo ihr neuer Arbeitsplatz sei.

Doch die Morgan-Stanley-Leute wussten schon, was sie erwartete: Die bürolosen Mitarbeiter würden nach New Jersey beordert: Auf der anderen Seite des Hudsons hatte die Investmentbank seit Jahren Büroräume gemietet. Die standen jahrelang absichtlich leer für den Fall der Fälle, sagt jetzt ein Wertpapierhändler. Auch verfügte seine Firma über einen Notplan, der bei einem Anschlag auf das World Trade Center in Kraft treten sollte, sagt der anonyme Morgan-Stanley-Mitarbeiter. Er müsse ungenannt bleiben, erklärt der Mann; es sei ihm verboten, öffentlich über seinen Arbeitgeber zu sprechen.

Erste Verwunderung und Gerüchte über den Notfallplan von Morgan Stanley tauchte gleich am Morgen nach der Attacke auf. Um neun Uhr dreißig tritt Philip Purcell vor seine Angestellten. Purcell ist der Vorstandschef und Geschäftsführer von Morgan Stanley Dean Witter, und er spricht per Videokonferenz zu seinen Mitarbeitern, zu allen Mitarbeitern überall auf der Welt, es sind 63 000. Als er spricht, sind noch nicht einmal 24 Stunden vergangen, seit ein United-Airlines-Flugzeug, Flugnummer 175, gegen den Turm 2 des World Trade Centers geprallt ist. In jenem Turm, auf 22 Stockwerken, arbeiteten 2500 von Purcells Mitarbeitern, vor allem Aktienhändler und Analysten. In einem Flachdachanbau, dem World Trade Center 5, damals nebenan und heute vom Turm 2 begraben, saßen weitere 1000.

Wundersamerweise seien fast alle der 3500 Angestellten heil aus den Gebäuden gekommen, sagt Purcell. Und das, obwohl die Büros zwischen Etage 43 und 74 lagen. Wundersamerweise? Der Grund sei, sagt Purcell, dass Morgan Stanley mit der Evakuierung angefangen habe, sobald sie von der Terroristenattacke auf den ersten Turm gehört hatten. Terroristenattacke? Turm 1 war zwar 16 Minuten zuvor getroffen worden, doch die wenigsten ahnten in diesem Moment, dass es ein Anschlag war. Ein Unfall, hieß es, sei passiert. Doch die Leute von Morgan Stanley waren offenbar schlauer, mehr auf der Hut, und als das zweite Flugzeug nur 20 Etagen über den Morgan-Stanley-Büros in den Turm 2 einschlug, hatten Sicherheitsleute dort die Angestellten schon rausgeschafft - zu einem Zeitpunkt, als die Lautsprecher im Gebäude noch verkündeten, alle Angestellten sollten zurück an ihre Arbeitsplätze gehen. Viele taten das; Morgan Stanley hat die Ansage ignoriert. Sechs Tage nach der Attacke vermisst Morgan Stanley nur noch acht der 3500 Angestellten im World Trade Center.

Weniger wichtig an diesem Tag, sagt Purcell, aber immerhin beachtlich, sei es, dass auch die internen Firmensysteme "komplett und absolut" intakt seien: "Die Firma ist in großartiger Verfassung." Das müssten die Mitarbeiter den Klienten sagen. "Ruft sie an, erzählt es ihnen", beschwört Purcell die Broker und Trader. Das schien umso wichtiger, als am nächsten Tag Morgan Stanleys härtester Konkurrent, Merryl Lynch, per Anzeige in der italienischen Wirtschaftszeitung "Il sole 24 ore" verkündete, von diesem Tag an habe der Aktienmarkt einen neuen Marktführer. Merryll Lynch zählte wohl darauf, dass sein Gegenspieler und Hauptmieter im World Trade Center viele Tote zu beklagen haben würde. Das war jedoch nicht nur unfassbar taktlos, sondern beruhte auch auf einer falschen Annahme.

Was Vorstandschef Purcell selber nicht sagt an diesem Morgen, ist, dass Morgan Stanley einen Terroranschlag befürchtet hatte. Zumindest so sehr befürchtet, dass die Bank vorbereitet war, sagt der Morgan-Stanley-Mann, der ungenannt bleiben will. Die Sicherheitsabteilung der Bank hatte einen Notfall vorauskalkuliert, schon Jahre zuvor. Alarmiert von dem ersten Anschlag auf das World Trade Center im Februar 1993 hatte die Investmentbank leere Büroräume in New Jersey gemietet, falls die Büros im World Trade Center - oder im Hauptquartier am Broadway - irgendwann einmal evakuiert werden müssten. Viel wusste man nicht über diese wohl jahrelang leer stehenden Büros, sagt der Wertpapierhändler, niemand wollte die Angestellten beunruhigen. "Wer will schon in einer Firma arbeiten, wo bereits Ersatz bereit gehalten wird, falls dir dein Büro weggesprengt wird?"

Dem Notfallplan ist es auch zu verdanken, dass keine einzige Computerdatei verloren gegangen ist; alles wurde in einem Rechner weit weg von New York gespeichert. Nicht erst seit Montag zur Wiedereröffnung der Börse, sondern im Grunde schon seit dem Tag nach dem Anschlag ist Morgan Stanley "wieder auf der Höhe und funktioniert effizient wie immer". Außerdem, sagt der Wertpapierhändler, waren die Mitarbeiter im World Trade Center vor allem mit Privatkunden beschäftigt; ihre Arbeit läuft fast nur elektronisch. Fallen wichtige Unterlagen an, gehen die sofort nach Kalifornien oder Utah. "Abgesehen von der schrecklichen menschlichen Tragödie, war aus Sicht der Terroristen der Anschlag auf Morgan Stanley ein Schlag ins Wasser", sagt der anonyme Morgan-Stanley-Mann.

An jenem Mittwochmorgen, 24 Stunden nach dem Anschlag, beendet Purcell seine Videoansprache an die Angestellten mit den Worten: "Ihre Firma ist extrem stark und sehr stolz auf Sie." Die Ehre aber, sagt der anonyme Wertpapierhändler, gebühre dem Krisenplan. Er müsse jetzt auch mal die Büros in New Jersey besuchen, sagt er. Jetzt, wo das Geheimnis um sie aufgedeckt ist. "Hätte nicht gedacht, dass es die tatsächlich gibt."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar