NS-Vergangenheit : Retten, wer zu retten ist
10.07.2004 00:00 UhrDie Leute vom Film haben nur noch nach den Nebensächlichkeiten gefragt. Welche Zigarettenmarke? Hatte er ein Familienfoto auf dem Schreibtisch? Dürfen wir das haben? Über den Rest wussten sie deshalb so genau Bescheid, weil der Pianist es aufgeschrieben hatte.
Helmut Hosenfeld, 83 Jahre alt, die Augen unter dicken grauen Brauen und hinter einer Brille, sitzt am Esstisch, im Esszimmer seines Bungalows in Fulda-Petersberg, rechts von ihm die große Glasfront, durch die er den Garten sehen könnte, und davor die Terrasse mit dem Waschbetonplattenpflaster. Doch er wendet den Blick kaum vom Tisch, weil da die Unterlagen liegen. Er schaut sie durch und liest sie vor, es geht um seinen Vater.
Oberleutnant, dann Hauptmann Wilhelm genannt Wilm Hosenfeld, geboren 1895, Vater von fünf Kindern, SA-Mann, NSDAP-Mitglied, Menschenretter. In Warschau bei der Wehrmacht verantwortlich für Sport und Gasschutz, dann im Wachregiment, Kriegsgefangener am Ende und lange Zeit nach seinem Tod, im Jahr 2002, Figur in einem Kinofilm von Roman Polanski. Der Film heißt „Der Pianist“, es gab drei Oscars dafür. Und nun, noch einmal zwei Jahre später, ist Helmut Hosenfelds Vater ein öffentlicher Mensch. Ein 1200 Seiten dickes Buch ist gerade erschienen, in dem seine Tagebucheinträge und die Briefe nach Hause abgedruckt sind.
Er hat nichts davon aufgeschrieben, von seinen Begegnungen mit dem Pianisten Wladyslaw Szpilman zwischen dem 17.November und 12.Dezember 1944, dass er den Juden, der sich in einem halbzerschossenen Haus versteckte, überraschte und ihn nicht tötete, wie es üblich war, sondern dass er ihn fragte: „Wissen Sie nicht, dass in diesem Augenblick der Stab des Festungskommandos Warschau in dieses Haus einzieht?“ Das steht in einem anderen Buch, dem von Szpilman, es liegt dem Kinofilm zugrunde. Hosenfeld hat nicht geschrieben, dass er ihm ein besseres Versteck zeigte, ganz oben auf dem Hängeboden unterm Dach solle Szpilman sich verbergen, dass er ihm Brot, Kleidung und eine Bettdecke brachte. Es wäre zu gefährlich gewesen, die Briefe gingen alle mit der Wehrmachtspost.
Nur einmal, im Juli 1946 und schon in Kriegsgefangenschaft, lässt er einen Zettel an die Ehefrau nach Hause schmuggeln. Von einem Heimkehrer, versteckt in dessen Schuh. „Liebe Annemie: Schreibe bitte an folgende Personen in Polen. Sie sind mir zu Dank verpflichtet und können mir von Nutzen sein; teile ihnen meine Adresse mit.
1.) Josef Pacanowski…
2.) Achim Prut…
3.) Pfarrer… Cieciora…
4.) Wladislaus Spielmann, Pianist am Warschauer Rundfunk“
Allen das Leben gerettet. Und noch ein paar Menschen mehr. Einen aus dem Gefangenenlager geholt, einen auf dem Weg zu seiner Hinrichtung von einem Laster der SS herunterkommandiert. Das sind die bezeugten Fälle.
Erzählt hat er auch wenig. Pfingsten 1944 war Wilm Hosenfeld zum letzten Mal daheim im Dorf Thalau am Rande der Rhön, die Frau besuchen, vier der fünf Kinder waren auch da.
Helmut Hosenfeld sagt, dass der Vater damals in einer weißen Uniform kam, dem Sommerdrillich, und dass er „in sehr gedrückter Stimmung war“. Sie sind alle zusammen spazieren gegangen, es war ein warmer sonniger Tag, die Mädchen trugen kurze Kleider, Helmut hat Fotos gemacht. „Nein, von Warschau, da hat er gar nichts erzählt.“
Wilm Hosenfeld notierte vor allem Gedanken. Im September 1938, angesichts der von Hitler ausgehenden Kriegsgefahr: „Jetzt kommt einem doch auch mal zu Bewusstsein, welch große Gefahr die Staatsform der reinen Diktatur hat. Was steht im Wege, wenn Hitler unzugänglich bleibt und das deutsche Volk in den Krieg stürzt?“ Nach der „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938: „Judenpogrome in ganz Deutschland. Es sind fürchterliche Zustände im Reich, ohne Recht und Ordnung, dabei nach außen Heuchelei und Lüge.“ Das sind die ersten Spuren der Abkehr. Oder im Dezember 1940, zwei junge Polen sind gerade erschossen worden, die einen Wehrmachtssoldaten „tätlich angegriffen“ hatten, weil er „ein polnisches Mädchen geschlechtlich brauchte“. – „Denken darf man nicht.“ Und im Dezember 1943, als ihm ein junger Mann zugeteilt wurde, ein Kommunist, der ihm von den Quälereien durch die SS berichtete: „Nun kann ich mir auch denken, wie die unglücklichen Juden und Polen gemartert worden sind.“
Helmut Hosenfeld sitzt am Esstisch in Fulda und liest vor. Er kennt das Tagebuch auswendig, das vor ihm liegt, ein kleines Heft mit schwarzem Umschlag, dicht beschrieben, er hat es vor ein paar Jahren transkribiert, kariertes Papier, etliche Seiten daraus diktierte er seiner Sprechstundenhilfe. Helmut Hosenfeld ist Kinderarzt.
Da erzählt einer von seinem Vater. Einer, der versteht, was er da vorliest, weil er selber im Krieg war. Im Winter ’41 vor Moskau, Winter ’42 vor Stalingrad, 1945 dann in Thüringen, als Truppenarzt beim Volkssturm, dem letzten Aufgebot. Er liest Stellen vor, die erklären sollen, warum sein Vater tat, was er tat, weil er Katholik war vor allem, weil er einen Glauben hatte, der den an Hitler und den Nationalsozialismus überstieg.
Helmut Hosenfeld hält Papier in den Händen, die Hände zittern, die Daumen, die er auf die Blätter drückt, können nicht stillhalten. Ja, sagt er, er macht sich den Vorwurf, dass er so spät erst damit begonnen hatte, sich mit dem Vater zu beschäftigen, die Zeiten, wissen Sie, aber vor allem musste er sich um die Geschwister kümmern, er ist der Älteste.
Er brauchte Hilfe. Der Dichter Wolf Biermann machte in den 80er Jahren die Bekanntschaft von Szpilmans Sohn, die beiden betrieben die Übersetzung der Pianisten-Erinnerungen ins Deutsche, und einmal, Ende der 90er Jahre, als Biermann den Verteidigungsminister Volker Rühe traf, sagte er dem, die Bundeswehr solle sich doch einmal mit jenem Offizier Wilm Hosenfeld beschäftigen, eine Kaserne nach ihm benennen oder so.
Rühe gab die Sache an das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam weiter, jetzt gibt es das Buch. Der Herausgeber schreibt darin: Es „erstaunt immer wieder aufs Neue, welches Ausmaß unkonformen Verhaltens sich Hosenfeld über derart lange Zeit in Warschau erlauben konnte, ohne damit zu seinem Nachteil aufzufallen. Es lässt jedenfalls den individuellen Verhaltens- bzw. Handlungsspielraum erkennen, der auch unter den Bedingungen der Diktatur in der Wehrmacht damals noch existierte.“ Der Herausgeber staunt. Er ist Historiker, auf Zeugnisse wie die von Hosenfeld stößt die Forschung nicht oft.
Am 23. August, während des Aufstands der Polen in Warschau, schreibt Wilm Hosenfeld den Satz nach Hause, der dem Buch den Titel gibt: „Ich versuche jeden zu retten, der zu retten ist.“
Der Offizier aus dem schmutzigen Krieg in der weißen Uniform, der nach Hause schrieb, dass man nicht denken dürfe, und es trotzdem tat, konnte nicht gerettet werden. Sie haben es versucht, Szpilman und die anderen und die Familie. Hosenfeld starb krank und wahrscheinlich verwirrt 1952 im Lager bei Stalingrad. Sein Sohn, der schon schlecht hört, aber der nun vom Tisch aufsteht und gelenkig wie ein Junger durch das Haus hüpft, hat spät damit begonnen, das Leben seines Vaters zu ergründen. Dass es nicht zu spät war, macht ihn froh, sagt er.








