NS-Zeit : Wer die Nazis nicht unterstützte, verlor die Stellung

Mit der Bücherverbrennung 1933 fing es an: Wie sich die braune Ideologie in Universität, Charité und Akademie ausbreitete.

von
319384_0_754889c1.jpg
Max Planck machte mit Einstein Hausmusik – bis 1933. Foto: dpa

In der Nacht vom 10. zum 11. Mai 1933 zündeten Studenten der schlagenden Verbindungen und des Nationalsozialistischen Studentenbundes zusammen mit der SA auf öffentlichen Plätzen vor den Universitäten Bücher an. Die Studenten stürmten nicht in planloser Aktion die Bibliotheken, sondern waren zuvor von nationalsozialistischen Dozenten und konservativen Professoren für die Bücherverbrennung begeistert worden.

In Berlin war der Opernplatz (heute Bebelplatz) der Ort des barbarischen Aktes. Dort traten Rufer in braunen Uniformen in Aktion und heizten die Atmosphäre mit Propagandasprüchen an. Rufer: „Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Marx und Kautsky.“ Rufer: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.“ Rufer: „Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe dem Feuer die Schriften des Sigmund Freud.“ Rufer: „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky.“

Der Historiker Christian Graf von Krockow bringt es auf den Punkt: „Scheiterhaufen: Der Begriff klingt schon nach einem Widerruf der Aufklärung, nach Hexenjagd und Ketzerverbrennung. Und genau das war gemeint. Erst brannten die Bücher, dann, 1938, die Gotteshäuser, die Synagogen. Dann die Feuer von Auschwitz.“

Kurz vor der Bücherverbrennung, im April 1933, wurde Alfred Baeumler an die weltberühmte Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität berufen – auf eine Professur für politische Pädagogik. Der überzeugte Nationalsozialist verstand sein Amt missionarisch: „Politik ist das auf die Volksordnung gerichtete Handeln des Führers, an dem jeder Einzelne in Treue gegen den Führer an seiner Stelle aus eigener Verantwortung teilnimmt. Nach der politischen Pädagogik des Nationalsozialismus ist der Lehrer nicht ein bloßer Exekutor von Anordnungen politischer Organe, sondern er ist derjenige, der den politischen Auftrag, den die Schule vom Führer erhalten hat, in eigener Verantwortung durchführt. Hat er den politischen Auftrag verstanden und übernommen, so ist er frei.“

Eine solches Freiheitsverständnis ist mit den Grundgedanken Wilhelm von Humboldts unvereinbar. Wilhelm von Humboldt formulierte 1810 als Prinzip für die zu gründende Berliner Universität: „Die Wissenschaft als etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes zu betrachten, und unablässig sie als solche zu suchen. (… ) Denn nur die Wissenschaft, die aus dem Innern stammt und ins Innere gepflanzt werden kann, bildet auch den Charakter um, und dem Staat ist es ebenso wenig als der Menschheit um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu tun.“ Radikale Wahrheitssuche und fundierte Urteilskraft sollten den Studenten vermittelt werden.

Was änderte sich nach der Bücherverbrennung? In der Medizin hatte die Neuausrichtung auf die nationalsozialistische Weltanschauung unmittelbare Folgen. Die Medizinstudenten wurden zu zeitraubendem SA- und SS-Dienst herangezogen. Sie mussten sich am jedem Mittwoch einer politischen Schulung unterziehen. Die Folge: Wichtige medizinische Kenntnisse wurden in Mitleidenschaft gezogen.

Außerdem nahm die Charité nach 1933 neue Fächer in den Lehrplan auf: Rassenhygiene und die Erbbiologie entsprechend der vom Darwinismus geprägten Weltanschauung der Nationalsozialisten.

Die Eugenik galt schon in der Weimarer Republik als Wissenschaft. In der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft war ein Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik eingerichtet worden. Dieses Institut diente während des Nationalsozialismus als Forschungsstätte jener Ärzte (Mengele), die später für die SS in den Konzentrationslagern Sterilisationen und Versuche an lebenden Menschen vornahmen. Grundlage war das „Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ von 1933.

Auch Karl Bonhoeffer, der Vater des späteren Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, engagierte sich an der Charité für die Verhütung erbkranken Nachwuchses und verfasste zahlreiche Gutachten, die eine Sterilisation empfahlen. 1938 wurde gegen das Votum der medizinischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität das SS-Mitglied Maximilian de Crinis an die Charité berufen. Crinis rechtfertigte die Tötung von Patienten als „Dialektik von Heilen und Vernichten“. Als Direktor der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Charité in Berlin war de Crinis an der Ausbildung von SS-Ärzten beteiligt, die in den Konzentrationslagern eingesetzt wurden.

In der Anatomie der Charité unter der Leitung von Herrmann Strieve wurden Studenten nicht mehr alte Menschen als Leichen für die Präparierkurse zur Verfügung gestellt, sondern gesunde junge Männer, die ein gemeinsames Merkmal hatten: Sie waren enthauptet worden. Anatomie an den Opfern des Nationalsozialismus war damals an der Charité verbreitet. Strieve profitierte bei seinen Forschungen von der Verfügbarkeit ausgesuchter, zuvor hingerichteter Frauenleichen.

Die Medizin galt vor der nationalsozialistischen Wende in der Sicht des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes als „verjudet und hoffnungslos in volksfremdes Denken hineingezogen“. Das hatte Folgen. Ernst Peter Fischer hat in seinem 2009 erschienenen Buch über die Geschichte der Charité Zahlen genannt: „Nach 1933 wurde über 160 Mitgliedern der medizinischen Fakultät die Lehrbefugnis entzogen. (…) Gegen diese Entlassungswellen gab es keinerlei Widerstand. Die arischen Ärzte sträubten sich nicht gegen die Entlassung jüdischer Konkurrenten, da durch den Willkürakt endlich lang ersehnte Stellen frei wurden.“

Auch an der Friedrich-Wilhelms-Universität setzte die Säuberung auf der Grundlage des „Berufsbeamtengesetzes“ von 1933 ein. Wer den „Ariernachweis“ nicht erbringen konnte und sich nicht für die nationalsozialistische Weltanschauung einsetzte, verlor seine Stellung. Hans-Ulrich Wehler nennt in seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ folgende Zahlen: Bis Ende 1934 sind in Deutschland „1684 Hochschullehrer entlassen worden“. Das war damals eine hohe Zahl. Bis zum Kriegsbeginn wurden 3000 Wissenschaftler entlassen. Diese Zahl entsprach 39 Prozent aller Professoren. „Große Universitäten wurden mehr in Mitleidenschaft gezogen als kleine: Berlin und Frankfurt verloren 32 Prozent, Heidelberg 24 Prozent. Göttingen, Freiburg, Hamburg und Köln immer noch 19 Prozent ihres Lehrkörpers.“

Auch für jüdische Studenten gab es bald keinen Platz mehr an den Universitäten. Unter dem Vorwand des „Gesetzes gegen die Überfüllung deutscher Hochschulen“ von 1933 wurden nicht-arische Studenten gar nicht erst zugelassen oder exmatrikuliert.

Den Tiefpunkt der Verstrickung in die nationalsozialistische Politik verdankt die Friedrich-Wilhelms-Universität dem Wirken des Agrarökonomen Konrad Meyer. Im Nebenamt war er Leiter der Planungshauptabteilung im „Reichskommissariat zur Festigung deutschen Volkstums“ beim Reichsführer SS Heinrich Himmler. Als die deutschen Armeen noch voller Siegeszuversicht gen Stalingrad vorrückten, arbeitete Meyer den „Generalplan Ost“ aus, den er am 28. Mai 1942 bei Himmler einreichte.

Danach sollte dem Großgermanischen Reich eine Einflusssphäre verschafft werden, die von der Wolga bis zum Ural reichte. Von der slawischen Bevölkerung westlich des Urals sollten „45 Millionen nach Osten evakuiert werden, wobei eine Verlustquote von 30 Millionen Menschen von vornherein einkalkuliert wurde“. So charakterisiert Hans-Ulrich Wehler die Ziele in seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“. Das Gebiet bis zur Wolga war für die Ansiedlung deutschstämmiger „Wehrbauern“, vorwiegend aus Südtirol, vorgesehen. Die „Untermenschen“ slawischen Ursprungs hatten Hilfsdienste und primitive Arbeiten zu leisten.

Die im Jahr 1700 von dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz gegründete Gelehrtensocietät gewann im Lauf der Jahrhunderte als Preußische Akademie der Wissenschaften weltweites Ansehen. Für die Nationalsozialisten konnte selbst die Akademie nicht von Säuberungen verschont bleiben. Symptomatisch ist dafür der Fall Einstein.

Der Konflikt um den Nobelpreisträger erregte kurz nach der Machtübernahme Hitlers international Aufsehen. Einstein war als Pazifist schon während des Ersten Weltkriegs in Kreisen der national denkenden Wissenschaftler verrufen, als er sich weigerte, den „Aufruf an die Kulturwelt“ von 93 Professoren aus dem Jahr 1914 zu unterzeichnen. In diesem Aufruf war die Okkupation des neutralen Belgien durch deutsche Truppen gerechtfertigt worden. Die Folge: Die allgemeine Relativitätstheorie wurde von der extremen Rechten schon zu Zeiten der Weimarer Republik zum Inbegriff „bolschewistischer“ oder „jüdischer Physik“ erklärt.

Als Einstein auf einer Auslandsreise im Frühjahr 1933 von der Unterdrückung des freien Geistes und den Akten brutaler Gewalt gegen die Juden erfuhr, protestierte er öffentlich. Mit dieser Erklärung trat Einstein aus der Akademie aus. Die Preußische Akademie warf ihm in einer Presseerklärung Beteiligung an der „Greuelhetze“ in Amerika und Frankreich vor. Das „agitatorische Auftreten Einsteins“ wiege umso schwerer, als die Akademie sich seit alten Zeiten aufs Engste „mit dem preußischen Staat verbunden fühlt“ und „in politischen Fragen den nationalen Gedanken stets betont hatte“. Max Planck, der gemeinsam mit Einstein Hausmusik gepflegt hatte, erklärte vor der Akademie, dass „Einstein selber durch sein politisches Verhalten sein Verbleiben in der Akademie unmöglich gemacht hat“.

Als Fritz Haber, auch ein jüdisches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, aus der Akademie austreten sollte, versuchte das Max Planck als „Sekretar“ der Akademie durch Intervention bei Hitler zu verhindern. Selbst die Tatsache, dass Haber die entscheidende Erfindung für die Entwicklung des Gaskampfstoffes im Ersten Weltkrieg gemacht hatte, konnte Hitler nicht umstimmen.

Schrittweise vollzog sich die Nazifizierung der Akademie: Ausländische jüdische Mitglieder wurden aus dem Akademieverzeichnis gestrichen. Die Akademie war in der Wahl ihrer Mitglieder nicht mehr frei, sondern musste diese durch das von dem Altnazi Bernhard Rust geleitete Ministerium bestätigen lassen. Aus Protest gegen diese Politisierung traten im Jahr 1938 Max Planck und die anderen „Sekretare“ der Preußischen Akademie von ihren Ämtern zurück.

Kleine Pointe zum Schluss: Der Hauptfeind Einsteins und Begründer der „deutschen Physik“, Johannes Stark, konnte zwar noch Präsident der Berliner Physikalisch-Technischen-Reichsanstalt werden. In der Akademie jedoch waren die Physiker mutig genug, Starks Aufnahme zu verhindern, weil seine wissenschaftlichen Argumente unhaltbar seien und seine Aufnahme dem internationalen Ansehen der Akademie schaden könnte.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben