Zeitung Heute : NS-Zwangsarbeiter: Dem Feind das Leben retten

Silke Becker

Die Wohnung ist tabu. Jan Vojta hat schon vor Monaten eine Art Betreten-Verboten-Zustand ausgerufen. Niemand darf mehr hinein, der Sohn nicht und die Tochter auch nicht, die ihm oft anbietet, etwas aufzuräumen, aber das will er nicht. Denn seine Wohnung sieht mittlerweile fast wie ein Büro aus, überall Bücher, Zeitschriften, Zeitungsartikel. Oft hat er darin nur die Anfänge gelesen, hatte keine Zeit mehr, legte sie zur Seite, für später, und nun liegen sie da. Viele ehemalige NS-Zwangsarbeiter besuchten ihn zu Hause, um ihr Schicksal zu erzählen. Er ist ein guter Zuhörer und ist ja der Vorsitzende des Zwangsarbeiterverbandes im tschechischen Brno, zu Deutsch Brünn. Aber sein Haus hat keinen Fahrstuhl und die Tür keinen Summer, so musste er all die Stufen aus dem dritten Stock immer wieder hinuntersteigen. Einmal klingelte 52 Mal am Tag das Telefon. Das war ihm zu viel. Er ist ja jetzt 88 Jahre alt.

Inzwischen ist es ruhiger geworden. Denn in diesen Tagen bekommen hier die ersten ehemaligen Zwangsarbeiter ihre Auszahlungen. Das Geld wurde von der Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" an die Partnerorganisation in Prag überwiesen, und die schickt den alten Menschen die Schecks.

Jetzt klingelt das Telefon seltener. Manch einer will sich bedanken oder braucht einen Rat. Vojta sagt dann den Anrufern, sie sollten vorher auf der Post Bescheid sagen, wann sie das Geld holen werden. Denn in den letzten Monaten sind ein paar Postschalter überfallen worden, deshalb haben sie nicht so viel Bargeld da. Vojta trägt seinen Scheck bei sich. 64 800 Kronen hat er bekommen, knapp 3250 Mark. Ein Abschlag, die ersten 75 Prozent der Gesamtsumme. Aber er glaubt kaum, dass er die zweite Auszahlung noch erleben wird. So wie viele andere Menschen. Laut den Statistiken sterben jeden Tag 15 ehemalige Zwangsarbeiter, weltweit sollen es jeden Tag 200 sein.

Für Ende des Monats hat er sich nun vorgenommen, in der Wohnung Ordnung zu schaffen, die Erinnerungen wegzuräumen. 45 Quadratmeter, am Rand von Brünn, der zweitgrößten tschechischen Stadt, zwei Balkone, von denen er über die hügelige Landschaft schauen kann. Er war noch mit seiner Frau eingezogen, Helene, der großen Liebe. Sie starb vor elf Jahren, und Jan Vojta ist darüber nie hinweggekommen. früh, bald nach dem Einzug, in einer Zeit, als es ihm selbst schlecht ging. Er spricht nicht gern darüber. Am 1. September 1945 hatten die beiden geheiratet, im Rathaus, das jetzt hübsch saniert und senfgelb gestrichen ist. Er weiß noch, wie schwierig es war, einen Brautstrauß zu besorgen. Als er mit Hilfe eines Freundes endlich einen hatte, traute er sich nicht, damit durch die Stadt zu laufen, wollte nicht auffallen, und stopfte den Strauß, aus lauter Verlegenheit in einen Koffer. Der Braut wurde ein platt gepresster Strauß übergeben.

Keine Zeit für die Hochzeit

Eigentlich wollte er seine Helene schon während des Krieges heiraten, so, wie viele es versuchten. Heiraten und schnell Kinder bekommen, um der Zwangsarbeit im Deutschen Reich zu entgehen. Damals gab es im Protektorat, wie die besetzten tschechischen Gebiete hießen, einen Geburtenanstieg wie nie zuvor und nie danach. Aber die Schwangerschaften schützten nur die Frauen. Männer mussten trotzdem ins Reich, und in anderen Ländern nahm man gar keine Rücksicht mehr. Aus Russland wurden auch schwangere Frauen nach Deutschland gebracht. Dem jungen Arzt Dr. Vojta blieb keine Zeit mehr zum Heiraten. Er musste innerhalb weniger Tage das Land verlassen. Gut zwei Jahre war er in Deutschland. "Arbeiten für den Feind", wie er es nennt. Und dabei weiß er, dass er es als Arzt im Vergleich zu seinen Leidensgenossen noch verhältnismäßig gut hatte.

In den vergangenen Jahren, während der zähen Debatten um die Entschädigungen, brachen die alten Erinnerungen besonders heftig über ihn herein. Geschichten, von denen er dachte, er hätte sie erfolgreich verdrängt. Wie das Leben 1939 unsicher wurde, Theater und Hochschulen geschlossen wurden. Die Brünner Deutschen, die Sudetendeutschen, führten sich plötzlich als die besseren Menschen auf. Er weiß noch, wie er, gerade 26 Jahre alt, in seiner Promotionsprüfung mutig sagte, nach dem Unwetter würden für das tschechische Volk wieder bessere Zeiten kommen. Die Worte gelangten irgendwie in die falschen Ohren, und er musste die Stadt verlassen; versetzt, in die Psychiatrie eines Bezirkskrankenhauses. Jan Vojta erzählt davon, als wäre es gestern gewesen, und die Augen des alten Mannes werden feucht. Im Frühjahr 1942 das Attentat auf den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich. Danach wurde aus Rache das böhmische Dorf Lidice ausgelöscht, und Hunderte Studenten wurden standrechtlich erschossen. Der junge Doktor Vojta rettete elf von ihnen, indem er sie als Patienten in der Psychiatrie aufnahm, das erzählt er nebenbei.

Dann kam der Brief. Ende Juni 1943. Er habe "unverzüglich abzureisen", stand da. Auf der Rückseite sind noch die Zugverbindungen vermerkt, die er damals aufgeschrieben hatte, über Prag, Magdeburg, Stendhal nach Gardelegen in Sachsen-Anhalt. Über 200 tschechische Ärzte wurden nach Deutschland verpflichtet, erzählt Vojta. Von 1940 an wurden im Deutschen Reich, das seine Männer in den Krieg geschickt hatte, dringend Arbeitskräfte gesucht, erst brauchte man Facharbeiter, später auch Akademiker: Ärzte, Ingenieure, Wissenschaftler. Menschen, über die es bis heute kaum Studien gibt, sagt der Historiker Ulrich Herbert, der Standardwerke zum Thema Zwangsarbeit geschrieben hat. Jan Vojta erzählt, dass sie damals schon wussten, was sie in Deutschland erwartete, dass sie hauptsächlich Worte lernen würden wie "los, los, los" oder "mach, mach, mach" oder "du tschechischer Hund".

Kontaktverbot

Einmal ist Jan Vojta noch nach Gardelegen zurückgekommen. 1997, also 54 Jahre später. Er traf eine der alten Krankenschwestern, die viel jünger ist als er und in einem Pflegeheim lebt. Und er besuchte das Krankenhaus, vor dem im Frühjahr 1943 blaue Blumen blühten. Heute ist die Fläche zubetoniert. Man empfand ihn wohl als Last, den tschechischen Doktor von damals. Der junge Chefarzt reichte ihn schnell an einen Assistenten weiter. Er hatte so etwas früher immer anders geregelt, nahm sich gerne Zeit für Kollegen. Wie es sich gehört. Aber was soll er schimpfen, er ist ja bloß ein alter Mann.

Dr. Vojta weiß noch, wie der Personalchef ihm 1943 an seinem ersten Arbeitstag in Gardelegen sagen musste, dass private Kontakte zu deutschen Frauen nicht erlaubt seien, dass er ab sieben Uhr abends das Krankenhaus nicht verlassen dürfe. Dem Personalchef war das wohl selbst etwas peinlich. Der junge Tscheche, noch mutig, sagte, dass er dann eben nicht die Ausländer in den Baracken behandeln würde, weil er dafür ja das Haus verlassen müsste.

Er arbeitete in der Klinik rund um die Uhr, lebte in einem Zimmer unter dem Dach, mit Kakerlaken, vor denen er sich ekelte und an die er sich schließlich doch gewöhnte. Im Krankenhaus fehlte es an Medikamenten und Personal. Vojta weiß noch, wie er beim ersten Fliegeralarm unter einer umgedrehten Lore zusammengekauert abwartete, weil niemand ihm gesagt hatte, wo es in den Luftschutzkeller ging. Auch mit den Kollegen hatte er es nicht gerade leicht. Da gab es zum Beispiel einen gewissen Dr. Daue, einen "furchtbaren Obernazi", der ihn schikanierte und bespitzeln ließ.

Aber es gab auch die anderen, die guten Kollegen. Fritz Gralmann, ein Deutscher, mit dem er lange befreundet blieb. Ein Arzt, der nicht an die Front musste, da er an Knochenmarksentzündung litt. Auch ein französischer Arzt war dort, ebenfalls ein Zwangsarbeiter, von dem Vojta Französisch lernte. Die drei mochten sich, schimpften gemeinsam über die Nazis, und einer hörte immer mal BBC-London. Wenn damals auf den Stationen Witze gerissen wurden, erzählt Vojta, hieß es immer: "Sieh dich vor, dich schicken wir ins KZ." Nein, ihm kann keiner erzählen, dass die Deutschen nicht wussten, was in den Lagern geschah. Besonders gefährlich fand Jan Vojta die jungen Krankenschwestern, sie waren ihm nicht geheuer, mit ihrem grenzenlosen Glauben an die Nazis. Bei denen musste man sich vorsehen, und er hält seine Handflächen vor das Gesicht, formt einen Tunnel. Aber er war ein beliebter Arzt. Es gab nur wenige Männer, sagt er, es war nicht schwer, beliebt zu werden.

Wenn er über sein Leben ein Motto schreiben sollte, dann wohl dieses: dass er nie Wut in sich tragen wollte. Zwei Mal in seinem Leben war er in Paris. Er ist dort jedes Mal zu einem Denkmal an der Seine gegangen, auf dem steht: "Entschuldigen, aber nicht vergessen". Auch auf die Kommunisten hat er keine Wut. Er schimpft über sie, das ja, aber hassen, nein, nie hasste er etwas.

Nun sitzt Dr. Vojta im Wohnzimmer seiner Tochter auf einer weichen bordeauxroten Couch. Die Tochter holt ihn in letzter Zeit oft zu sich, will nicht mehr, dass er noch Auto fährt. Aber wenn sie am Lenkrad sitzt, streiten sie oft ein wenig, wie es eben ist, wenn Vater und Tochter im Auto sitzen. Er hört nicht mehr so gut, und die Beine wollen auch nicht mehr so recht. Das kommt von einer Borreliose, die ihn lähmte, nun schlägt ein Herzschrittmacher den Takt. Wenn er geht, zieht er die Beine nach, es sieht ein wenig aus, als würde er stolpern. Aber er will sich nichts anmerken lassen, nimmt große Schritte. Man kann ihn sich gut vorstellen, wie er als Arzt im weißen Kittel über die Stationen ging. In Deutschland sagten sie ihm damals, er müsse deutscher Abstammung sein, weil er so groß und blond und blauäugig ist. Er schüttelt heute noch den Kopf darüber. Das wollte er nie sein. Er, der stolze Tscheche.

Seit 1990 ist er Vorsitzender des Zwangsarbeiterverbandes in Brünn. Viele Tschechen hätten gerne gesehen, wenn er an den Verhandlungen mit den Deutschen und dem Zukunftsfonds beteiligt gewesen wäre. Aber das wollte er nicht, wollte nie etwas Besonderes sein, fand es in seinem Alter unverantwortlich, diese Aufgabe zu übernehmen. Bis vor ein paar Jahren, sagt er, interessierte sich keiner für sie, aber jetzt reden die Politiker plötzlich davon, was sie alles für die Zwangsarbeiter tun werden. Es ist Wahlkampf in Tschechien, darum glaubt ihnen Vojta kein Wort. Warum sollte man sich für sie einsetzen, sie sterben ja aus und werden täglich weniger.

Vergangenes Jahr hat der Verband von der Stadt ein kleines Büro bekommen, das er nutzen darf, um die Anträge für die Entschädigung zu bearbeiten. Bei vielen alten Menschen war das Hauptproblem der Nachweis, dass sie wirklich zur Zwangsarbeit in Deutschland waren. Aber die Verbandsmitglieder hören sich die Schicksale genau an, und wenn jemand ein glaubwürdiges Foto hat, reicht es ihnen. Vojta ärgert sich über diejenigen, die jetzt versuchen mitzuschwimmen, auch etwas abbekommen wollen, manchmal Menschen, die damals freiwillig nach Deutschland gegangen waren. Das sind für ihn Verräter. Aber die anderen, sagt er, die verdienen es wahrlich, endlich ein bisschen Geld zu bekommen. Alte, kranke Menschen, die genauso wie er Medikamente und Arztrechnungen zahlen müssen. Den meisten, meint er, geht es ja viel schlechter als ihm, obwohl er doch mit seinen 88 Jahren immer noch hin und wieder arbeiten geht, Bereitschaftsdienste macht, weil die kleine Rente von der Miete aufgefressen wird.

Fluchtversuch

Einmal hatte er versucht, der Zwangsarbeit zu entkommen. Ende 1944, als das Haus seiner Eltern zerbombt wurde, da durfte er kurz nach Hause. Und da wollte er eigentlich nicht mehr zurückkehren nach Gardelegen. Aber als ihm gedroht wurde, dass dann seine Eltern verhaftet würden, saß er schnell im Zug. Winter 1944 / 45. Ein Waggon ohne Fenster. Wildfremde Menschen wärmten sich gegenseitig. In Gardelegen hatte er es von nun an schwer. Man warf ihm vor, dass er desertieren wollte, andererseits brauchte man seine Arbeitskraft. Schließlich wurde er nach Köthen versetzt.

Jan Vojta starrt oft ins Leere, wenn er von den Kranken, den Epidemien erzählt. Ende 1944 litten viele an Diphterie, die Ärzte mussten Luftröhrenschnitte setzen, Jan Vojta rettete dem Feind das Leben. "Es ist, als öffnen Sie Champagner", erklärt er, "so eine Fontäne spritzt." Er erinnert sich noch, wie in Gardelegen die Männer eines Fliegerhorsts versuchten, sich mit Reinigungsmitteln zu betrinken. Sie starben alle. Später in Köthen gab es jeden Tag zwei Mal Fliegeralarm, weil die Bomber Richtung Berlin alle über Köthen flogen. Dorthin brachten die Amerikaner kurz vor Ende des Krieges Häftlinge aus Buchenwald. Die Bilder haben ihn sein Leben lang nicht losgelassen. Skelette mit weißer durchscheinender Haut.

Nach dem Krieg führte das junge Ehepaar jahrzehntelang ein Leben "wie Studenten", sagt Jan Vojta. Nie konnten sie große Schritte machen, hätten gerne ein Haus gebaut, aber dafür reichte das Geld nicht. Obwohl seine Frau auch Ärztin war, eine "hervorragende Mikrobiologin". In den sechziger Jahren die ersten Urlaube in Bulgarien und Jugoslawien, immer im Zelt. 1963 konnte er endlich Chefarzt werden, in der Kinderchirurgie. Irgendjemand versuchte, ihn anzuschwärzen, behauptete, er habe sich während des Krieges freiwillig nach Deutschland gemeldet. Aber er besitzt ja all die Papiere, die belegen, dass er Zwangsarbeiter war, und er bekam die Stelle.

Die Tochter sagt, der Vater war ein berühmter Chirurg, viele wollten bei ihm lernen. Heute berechnet sich seine Rente nach dem letzten Verdienst. Knapp 500 Mark bekommt er jeden Monat, fast die Hälfte geht für die Miete drauf. Aber was soll er klagen, er hat ja keine großen Ansprüche mehr. Eine neue Gleitsichtbrille wäre fällig, die jetzige schimmert merkwürdig rosa, wenn man von der Seite darauf blickt. Eigentlich würde er auch gerne noch reisen, vielleicht mal nach Amerika. Aber das ist wohl in seinem Alter unverantwortlich. So freut er sich auf die klassischen Konzerte, die er bald wieder besuchen wird, weil er jetzt wieder mehr Zeit hat. Verdi mag er. Und dass jetzt die Linden zu blühen beginnen, freut ihn. Das ist wie ein Bad im Honig.

Das Geld der Stiftung wird er den Enkeln geben, demjenigen, der noch studiert, und etwas für seinen kleinen Urenkel, der ist sechs Jahre. Ausgeben dürfen sie es aber nicht, da hat der Opa schon den Zeigefinger gehoben. Sie sollen es sparen.

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