Zeitung Heute : Nützliche Systemidioten

Der Autor ist Privatdozent am Fachbereich Politik

VON BERND GUGGENBERGER

Der Kommunikationswissenschaftler Jon Wiener bilanziert Leistung und Entwicklungstrend des Internet ganz nüchtern so: "Das Internet erschließt in beispiellosem Umfang Informationsquellen.Aber es ist keine neue Welt der Freiheit, die sich grundlegend von der unseren unterschiede, denn auch hier gibt es Zensur und Verleumdung, soziale und geschlechtliche Hierarchien, ganz zu schweigen von Werbung und Kommerz.Die Grenzen des wirklichen Lebens sind auch die Grenzen der virtuellen Realität." Die Vorstellung vom Internet als herrschafts- und gesetzesfreiem Raum, demokratisch selbstverwaltet, ohne autoritäre Bevormundung und nötigende kommerzielle Zudringlichkeiten, ist so mitleiderregend naiv - und war es von allem Anfang an! -, daß man sich nur wundern kann, wieso ausgerechnet die Fangemeinde des nüchternen Techno-Logos ihm in diesem Ausmaß und mit allen Anzeichen fiebriger Endzeiterwartung verfallen konnte. Warum wollte keiner jene mit geradezu "naturgesetzlicher" Notwendigkeit heraufziehende kommerzielle Erschließung des Internet wahrhaben? Wie konnte jemand ernsthaft glauben, das aus dem militärisch genutzten Arpanet hervorgegangene Internet könne sich als exklusive Spielwiese subversiver Cyberfreaks und romantischer Szenehacker behaupten? Jedem, der Augen hatte zu sehen, mußte klar sein, daß die kommerziellen Anbieter nur die entsprechende Netzverdichtung abwarten würden, um sich mit überlegener Mouse- und Marktmacht in die Schlacht um Werbeflächen zu werfen. Selten sahen Möchtegernpioniere und statusbewußte Trendies so schnell alt aus.Selten wurden individualistische Einzelgänger so vorbehaltlos zu nützlichen Systemidioten, die kostenfrei und unentgeltlich all das heraufführen halfen, was sie in der reglementierten und normierten Welt der Waren und Produkte störte und abstieß. Wohlgemerkt: Hier wird nicht behauptet, daß wir uns geradewegs in die kollektive Zwangsgewalt des Großen Bruders begäben.Solcherart Alarmismus ist - noch - fehl am Platz.Was aber spricht für die Gewißheit, daß ausgerechnet mit den weltweit ausgreifenden Netztechnologien die Hochzeiten der aktiven Teilhabedemokratie und der subversiven Abwehrmacht des einzelnen wider alle Arten der Fremdverfügung und der manipulativen Überwältigung angebrochen sein sollen?

Der Autor ist Privatdozent am Fachbereich Politik der FU

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