Zeitung Heute : Nuklearer Irrsinn

WALTHER STÜTZLE

Beendet ist die Zeit des Hoffens, vielleicht des Träumens, wenigstens in den Regierungsköpfen zu Islamabad werde Vernunft die Oberhand gewinnen, nachdem sie schon im Regierungsgehirn Indiens eine so herbe Niederlage erlitten hat.Doch die Hoffnung hat getrogen, und vorbei ist die Zeit der wortreichen Spekulationen, ob die Schwellenländer Indien und Pakistan den unsinnigen Schritt ins Reich der Atommächte wagen würden.Beide haben ihn getan und damit zunächst nur bewiesen, daß Unvernunft ansteckender wirkt als das Gegenteil.Demonstriert haben beide auch ihre Bereitschaft, viel Geld für sehr viel Blödsinn auszugeben.

18 Prozent aller Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der indischen Wirtschaft werden für militärische Zwecke aufgewandt; das ist eine Ziffer, die den Eindruck erwecken könnte, Indien sei ein unermeßlich reiches Land, und befinde sich im Technikwettbewerb mit den USA.Pakistans Aufwendungen sind zwar erheblich geringer, doch, gemessen am sinnlosen Zweck, ist der Grad der Verschwendung kaum weniger spektakulär.Kürzlich noch hat Premierminister Sharif öffentlich erklärt, sein Land werde der Welt Verantwortungsbewußtsein demonstrieren und daher keine Atomversuche unternehmen.Einen Grund, dem Wahnsinn Indiens nachzueifern, gebe es schließlich nicht.Wie wahr - und doch gelogen.Nur ganze neun Tage währte die Haltbarkeit seiner Zusage und damit ähnlich kurz wie jene indischer Politiker gegenüber Abgesandten von Präsident Clinton, die versichert hatten, die Welt nicht mit nuklearem Unfug zu überraschen.Fazit: Mindestens so erschreckend wie der Scherbenhaufen, vor dem die Staatengemeinschaft jetzt steht, ist die Unzuverlässigkeit verantwortlicher Staatslenker.Düpiert dürfen sich nicht nur die USA fühlen, sondern auch die Europäische Union.Ihre politischen und diplomatischen Einwirkunsgversuche sind samt und sonders wirkungslos verpufft.

Sich protestierend in den Schmollwinkel zurückzuziehen ist keine Antwort auf die dramatische Veränderung in Asien.Geboten ist vielmehr der Versuch, die gefährliche Ausbreitung von nuklearen Fähigkeiten dort zu stoppen, wo sie sich befinden.Indien und Pakistan haben bisher nicht akzeptiert, daß die sie trennenden Konfliktstoffe, wie Kaschmir, mit nuklearem Ehrgeiz keinen Millimeter näher an eine Lösung herankommen.USA, Rußland und China müssen daher erstens gemeinsam versuchen, beiden Ländern Sicherheitsgarantien zu geben, die ihnen den vertraglich verbrieften Verzicht auf Atomwaffen endlich möglich macht.Bemühungen, Indien und Pakistan den Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag abzukaufen, müssen folglich neu beginnen und hartnäckig betrieben werden.Zweitens sind Anstrengungen vonnöten, andere Schwellenstaaten, wie Israel oder Iran, durch präventive Diplomatie von nuklearen Abenteuern abzuhalten.Drittens müssen die fünf ausgewiesenen Atomwaffenbesitzer - China, England, Frankreich, Rußland und USA - ihre Verpflichtung ernst nehmen, über die Verringerung ihrer Kernwaffenbestände mit dem Ziel der kompletten Vernichtung zu verhandeln.Viertens müssen die Ratifizierung des Atomteststoppvertrages vorangetrieben und Verhandlungen über den kontrollierten Produktionsstopp von spaltbarem Material angeschoben werden.

Der indisch-pakistanische Gang über die Schwelle der Unvernunft erinnert daran, daß die Aussichten auf ein besseres neues Jahrhundert nicht überall so gut sind wie in Europa.

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