Zeitung Heute : Nummernrevue

MICHAEL PILZ

Alexander v.Schlippenbachs Monk-Retrospektive bei den HofkonzertenVon Schlippenbach spielt Monk.Der manierliche, verläßliche Alexander aus Berlin tastet sich durch die Musik des unberechenbaren Thelonious aus New York.Einmal, 1964, fand sich der Jazzpianist Thelonious Monk angemessen wieder auf dem Titel des Magazins "Time": heilig finster der Blick und albern als Kontrapunkt der Gamsbart am Trachtenhut.In seiner Musik scheint er sein zugleich sensibles und drastisches, ernst- und schalkhaftes Wesen hinterlassen zu haben.An zwei Abenden hat Alexander von Schlippenbach Monks Gesamtwerk von 64 Stücken zu bewältigen.Ein Werk in der Tat, das seit Jahrzehnten an den Fronten zwischen E und U für Erbauung und Unterhaltung sorgt.Ein "Werk, das wie ein erratischer Block in der Geschichte steht", wie von Schlippenbach sagt. Er kauert über den Tasten und entwickelt behutsam die naive Tonfolge des "Misterioso".Die Töne pendeln die Leiter hinauf, werden übernommen von den Bläsern.Rudi Mahall hält den Grundton in der Baßklarinette.Trompete, Baß und Schlagzeug führen Monks Idee konsequent zu Ende: bis zur totalen Abstraktion in der Stille.Einzelne Töne setzen wieder ein bis zur Kenntlichkeit des sperrigen Themas.Das hält Monk frei vom populistischen Jazzkitsch.Und paßt doch in den Schmiedehof der Schultheiss-Brauerei, wo sich das Jazzvolk eingefunden hat zum Hofkonzert, zu Bier und Laugenbrezel.Die Freude ist groß, in "Rhythm-A-Ning" durchaus noch das Leitmotiv ausmachen zu können.Sie ist auch nie getrübt, wenn sich Axel Dörner, die Trompete, vom melodischen Zwang befreit und klingt wie ein Düsenjet.Wenn die Klarinette den Swing zerhupt, daß die Spucke fliegt.Diese jungen Musikanten aus Berlin amüsieren sich wie Bolle, während ihr Nestor hinter dem Flügel sitzt und sich zurücknimmt. Einen Tag später auf dem Hof des Podewil zu Wein und Nudelsalat: Monk, Gesamtwerk, zweiter Teil.Da setzen sie diese beeindruckende Nummernrevue fort, spielen "Nutty" oder "In Walked Bud", wie üblich das Thema im Unisono, um nacheinander ihre Soli zu haben.Und ihre Gaudi: Jenen Klamauk, wie er dem Komponisten wohl gefallen hätte, solange seine sonderbaren Metren erhalten blieben: Zunächst simulieren sie minutenlang den Sprung im Vinyl.Dann pritscht der Drummer den Takt mit einen Gummiball.Schließlich liegen sie rücklings auf der Bühne, blasen, trommeln und zupfen.Nur Alexander von Schlippenbach bewahrt Haltung am Klavier, und die Musiker sammeln sich auch noch einmal zu einem sehr notentreuen, feierlichen Finale von "Blue Monk", wo sich diese Geschichte verdichtet: Monk spielte Art Tatum und Fats Waller.Von Schlippenbach spielt Monk, ein wenig Cecil Taylor und sich selbst.MICHAEL PILZ

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