Zeitung Heute : Nun ist Stoiber wie Franz Josef Strauß

ROLF LINKENHEIL

MÜNCHEN .Im Festsaal des Münchner Augustiner-Kellers, in dem die CSU noch vor 14 Tagen ihren überwältigenden Sieg bei der Landtagswahl mit Ministerpräsident Edmund Stoiber an der Spitze als traumhafte "Steilvorlage" für Helmut Kohl gewertet hatten, ist das Podium an diesem Montag mit Trauerklößen besetzt.Es ist der Tag der langen Gesichter.Kein Sieg, kein neuerlicher Triumph ist zu verkünden, sondern ein von den Wählern mitbeeinflußter Rücktritt.Die Christlich Soziale Union hat dreieinhalb Prozent an Stimmen gegenüber der letzten Bundestagswahl verloren und ist mit einem Ergebnis von 47,7 Prozent wieder unter die für ihre Ansprüche maßgeblichen fünfzig Prozent gesunken; zum ersten Mal seit 1953.Jetzt verliert sie ihren Vorsitzenden.

Zehn Jahre nach dem Tod von Franz Josef Strauß, zu dessen erstem Nachfolger er gewählt wurde, gibt Theo Waigel auf.Bis zum nächsten Frühjahr bleibt er ein Parteichef auf Abruf.Dann soll ein vorgezogener Parteitag Edmund Stoiber zu seinem Nachfolger wählen.Ein einziger wird künftig in der CSU wieder die geballte Macht in Händen halten.1999 erreicht Stoiber sein politisches Lebensziel: Er wird so sein wie Strauß.

Als Theo Waigel in Begleitung von CSU-Generalsekretär Bernd Protzner und Michael Glos, dem Vorsitzenden der bayerischen CSU-Abgeordneten im Bundestag, zur Pressekonferenz erscheint, hat sich bereits herumgesprochen, was er eigentlich selbst mitteilen wollte.Manch ein Teilnehmer an der vorhergegangenen Sitzung des CSU-Vorstands habe leider "das Wort oder das Wasser nicht halten können", ärgert sich Waigel.Zunächst versucht der noch amtierende CSU-Vorsitzende, die Niederlage vom Sonntag zu beschönigen.100 000 Stimmen mehr als bei der Landtagswahl vor zwei Wochen habe die Partei unter seiner Führung gewonnen.Schuld daran, daß es gleichwohl statt 52,9 Prozent, mit denen Ministerpräsident Stoiber triumphierte, nur 47,7 Prozent geworden sind, sei die um zehn Prozent höhere Wahlbeteiligung.Daraus konnte die CSU keinen Profit ziehen.

Und dann waren da noch, was Theo Waigel nur "die Umstände" nennt.Er spricht nicht vom Schröder-Effekt, der auch in Bayern viele Wähler veranlaßte, der SPD ihre Stimmen zu geben.Er spricht nicht davon, daß an diesem Sonntag zahlreiche Bayern genau wußten, daß sie nicht nocheinmal Stoiber wählen, sondern Kohl abwählen wollten.Waigel sagt nur: "Unter den Umständen des vergangenen Sonntags lasse ich mir die 48 Prozent nicht als Niederlage in die Schuhe schieben" - und verweist darauf, daß die CSU in Bayern immer noch um 12,6 Prozent besser abgeschnitten hat als die CDU im übrigen Bundesgebiet.Mit bundesweit 6,7 Prozent sei sie nach wie vor die drittstärkste Kraft in Deutschland.Überhaupt: Große Erfolge habe die CSU mit ihm in den letzten zehn Jahren gefeiert.

Theo Waigel hat einen schwarzen Nadelstreifenanzug angelegt.Trüge er zum weißen Hemd noch eine schwarze Krawatte - er hat sich eine in der Farbe Altgold umgebunden -, säße er da wie auf einer Beerdigung.Schließlich spricht er aus, was alle bereits wissen: "Ich werde nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren." Die Weichen für die nächste Bundestagswahl aber müßten rechtzeitig gestellt werden.Die Landesgruppe im Bundestag wird weiterhin Michael Glos führen.Glos soll damit als stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion die CSU mit einer Schärfe profilieren, die sie "zur Speerspitze der Opposition" macht.

Im Jahre 2002 werde er 63 jahre alt sein, sagt Waigel.Jüngere sollen dann versuchen, die Partei wieder aus der Opposition heraus zu führen.Aber bedeutet Edmund Stoiber eine Verjüngung? "Er feiert heute seinen 57.Geburtstag und ist damit zwei Jahre jünger als ich", antwortet Waigel nicht ohne einen Schuß Ironie in der Stimme.Edmund Stoiber habe sich bereiterklärt, "die Verantwortung zu übernehmen".Einen anderen Kandidaten werde es nicht geben.Immerhin: Ausführlich gesprochen haben die beiden zuvor miteinander.Alle Fragen nach seiner weiteren beruflichen Zukunft wehrt Theo Waigel, der nach gut neun Jahren jetzt auch sein Amt als Bundesfinanzminister verloren hat, ab.Richtig unglücklich wirkt er nicht.

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