Zeitung Heute : Nun wird es eng für Helmut Kohl

GERD APPENZELLER

Der Triumph des Gerhard Schröder - was wird die CDU unternehmen?VON GERD APPENZELLERDie niedersächsische SPD hat bei den gestrigen Landtagswahlen ihr bestes Ergebnis seit 1947 erzielt.Das hat sie dem Mann an ihrer Spitze zu verdanken.Im Sog eines zur Kür des Kanzlerkandidaten umgedeuteten Entscheids über die Zusammensetzung des Landtags haben die Sozialdemokraten mehr Wähler denn je an sich binden können.Das ist ein persönlicher Triumph für Gerhard Schröder.Der SPD-Vorstand und der nächste Parteitag kommen an seiner Nominierung nicht vorbei.Wer sich in seinem Bundesland so eindrucksvoll als zugkräftiger Wahlkämpfer bewiesen hat, kann auch bei den Bundestagswahlen vom 27.September eine Sensation schaffen und zum ersten Male in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte als Herausforderer einen amtierenden Bundeskanzler aus dem Amt verdrängen.Kein Zweifel: Neben dem innerparteilichen Signal für die SPD - Schröder ist der Kandidat - gibt es eben auch eine Signalwirkung auf die CDU - kann Helmut Kohl gegen diesen Herausforderer die Wahl gewinnen? Die kommenden Monate werden in der Tat, aber anders als Helmut Kohl es gemeint hat, Dauerwahlkampf sein.Wenn der niedersächsische Ministerpräsident nicht in frühere Unbeherrschtheiten verfällt und sich damit Blößen gibt, könnte es für die seit 15 Jahren regierende Koalition der letzte Sommer in der Sonne der Macht werden.Der Wunsch nach Veränderung und Erneuerung, wenn auch oft nur diffus als Überdruß an der Person des Kanzlers artikuliert, ist überall spürbar.Daß die Ära Kohl jetzt zu Ende geht, glaubt nicht nur Gerhard Schröder.In allen Meinungsumfragen erzielte Gerhard Schröder höhere Sympathiewerte als Oskar Lafontaine, und er schnitt auch im direkten Vergleich zum Bundeskanzler ganz erheblich besser ab.Im Spiegelbild der Demoskopie ist der niedersächsische Ministerpräsident der auf Bundesebene unverbrauchte und dynamische Kandidat, während Helmut Kohl ein Hauch von Verdrossenheit und Unduldsamkeit, ja, auch von Erfolglosigkeit anhaftet.Seine historisch richtigen Entscheidungen in der Deutschlandpolitik zwischen dem 9.November 1989 und dem Sommer 1990 sind längst vergessen.Wie eine dunkle Wolke schwebt über dieser Regierung das Odium, bei der Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit nicht nur erfolg-, sondern auch völlig konzeptionslos zu sein.Mag ja sein, daß das Scheitern vieler Reformen der Blockadehaltung der SPD im Bundesrat anzulasten ist - im öffentlichen Bewußtsein hat die Regierung versagt.Der CDU / CSU wäre Oskar Lafontaine als Herausforderer des "ewigen Kanzlers" angenehmer gewesen.Den SPD-Vorsitzenden hätte man im Wahlkampf vorführen können als Gegner der Einheit, als Linken und als jemand, der schon einmal gegen Kohl unterlag.Da ist Schröder ein anderer Gegner, und vermutlich wird bereits in dieser Woche in der Union die Debatte darüber losbrechen, ob man nicht doch noch einen Kandidatenwechsel erwägen müsse und ob es denn richtig sei, wenn Helmut Kohl nochmals antritt, kurz: Ob gegen den Newcomer Schröder nicht ein unverbrauchter Kanzlerkandidat stehen sollte.Hat die SPD diese Landtagswahl in unzulässiger Weise mißbraucht, um eine eigentlich innerparteilich zu fällende Entscheidung - Schröder oder Lafontaine als Kanzlerkandidat? - quasi plebiszitär herbeizuführen? Außerhalb Niedersachsens könnte man sich dieser Betrachtungsweise anschließen.Wie weit sie hingegen für die Wählerinnen und Wähler selbst gestern eine Rolle gespielt hat, ist unklar.Kaum jemand dürfte sich für oder gegen einen Wahlkreiskandidaten entschieden haben, um damit Schröder zum sozialdemokratischen Spitzenmann für den 27.September zu küren oder genau das zu verhindern.Bei den Zweitstimmen, den Parteistimmen, muß die Suche nach einem solchen Zusammenhang ohnedies negativ ausfallen.Entweder es gibt eine Präferenz für die SPD oder nicht - die Vorstellung, daß Wähler ihre eigentlichen politischen Neigungen verdrängen, um für die SPD und damit für Schröder zu stimmen, ist zu exotisch.Ganz sicher aber ist es der SPD gelungen, ihr Wählerpotential zu erweitern.Die Analyse der Wanderungsbewegungen wird zeigen, wo Gerhard Schröder und die von ihm verkörperte Politik am 27.September 1998 die größten Abwerbungschancen haben werden.

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