Zeitung Heute : Nur der Koch bringt Abwechslung

CHRISTIAN MERGENTHEIM

Cancun, Badeort aus der Retorte / Vielen Touristen reicht das Maya-SouvenirVON CHRISTIAN MERGENTHEIM

Cancun, für viele noch immer Inbegriff des exotischen Sonnenurlaubs.Wem Hawaii oder auch Acapulco zu teuer ist, bucht ein Stück Bettenburg auf der Halbinsel Yucatan.Die Nähe zum alten Mexiko ist dabei oft zweitrangig. Es ist spät nachmittags.Am Swimmingpool dösen die Gäste dem Sonnenuntergang entgegen.Man nippt gelangweilt an Säften, Kaffee oder Longdrinks, blättert in Zeitschriften, liest Romane.Lächelnde Kellner jonglieren Tabletts zwischen Liegestühlen hindurch und servieren unter Sonnenschirmen.Kaum einer der Gäste badet im Meer oder aalt sich am puderweißen Sandstrand.Die Sonne und die Essenstermine, das sind die Taktgeber für eine Ferienzeit im mexikanischen Cancun.Meist zwei Wochen mit Halbpension, im Last-Minute-Geschäft zuweilen bereits ab 1698 Mark zu haben, Fernflug und komfortable Rundumversorgung inklusive.Für ein bißchen Abwechslung sorgt der Hotelkoch: Täglich wechselt die Beflaggung im Foyer und kündigt an, ob der kulinarische Schwerpunkt auf italienischer Pasta, mexikanischen Bohnen oder amerikanischen Steaks liegt. Kein Zweifel, der Urlaub von der Stange hat fast jeden Erdwinkel erobert.Im Kern schmeckt die touristische Konserve überall gleich, so sehr die Verantwortlichen sich auch um ein unvergleichliches Profil bemühen.Unterschiede, oder genauer, Nuancen liefert meist nur das folkloristisch-kulturelle Begleitprogramm: Das Gebuchte wird im Süden Spaniens mit Flamenco und Maurenkunst garniert, in Kenia mit Löwengucken bei der Jeep-Safari, und in Cancun schätzen die Tourismus-Manager die Nähe zu den Maya-Ruinen.Pyramiden und Paläste, mehrere Busstunden vom täglichen Hotel-Einerlei entfernt, sollen für das kulturelle Ambiente der Sonnenanbeterei sorgen, auch für Motive auf Diawand oder Videofilm. Doch die mit hypermodernen Bussen veranstalteten Touren durch den Urwald Yucatans rechnen sich für die Anbieter oft nicht wie gewünscht.Nur eine Minderheit der Badeurlauber bucht an der Rezeption einen archäologischen Schnellkursus durch das geheimnisumwitterte Maya-Reich.Vielen reicht eine polierte Maya-Maske aus dem hoteleigenen Souvenir-Shop.Ein Hotelier weiß: "Die Amerikaner wollen hier doch nur braun werden." Das wird sich kaum ändern.Ändern soll sich jedoch die Gästestruktur. Das Land wirbt mit Millionenaufwand um die Europäer.Diese machen gegenwärtig nur drei Prozent aller ausländischen Besucher aus.Eine Verdoppelung ist angestrebt.Denn die Besucher aus der Alten Welt gelten als kulturinteressiert und - vor allem - finanzkräftig.Aus dem Urlaubsgeschäft das Maximale herauszuholen, ist die unausgesprochene Übereinkunft vieler Länder.So werden auch die vom tropischen Wildwuchs zugewucherten Maya-Ruinen zu potentiellen Schätzen.Die Milliarden Pesos für die Restaurierungsprojekte der Archäologen sorgen nicht mehr für Stirnrunzeln, sondern werden trotz chronisch angeschlagener Staatsfinanzen als Investitionen begriffen, die sich per Touristendollar schnell amortisieren lassen. Doch ob den mit großen Kampagnen Umworbenen, zunächst einmal Spaniern und Deutschen, auch Cancun gefällt? Die 21 Kilometer lange und nur wenige hundert Meter breite Landzunge im nordöstlichen Zipfel der Halbinsel Yukatan hat einen regelrechten Überfall von Investoren und Baukränen hinter sich.Entstanden ist eine Ferienfabrik, die eine touristische Monostruktur ab Vier-Sterne-Niveau aufwärts anbietet.Wassersport, Unterwasser-Sightseeing per U-Boot, folkloristische Abendprogramme und noch vieles mehr.Keiner muß sich langweilen. Die Mär im Prospekt erzählt von einem kleinen Fischerdorf namens Cancun mit 120 Einwohnern, das die Keimzelle für inzwischen mehr als 17 000 Hotelzimmer und entsprechend viele Betten gewesen sein soll.Tatsächlich wurde die Kunstwelt Cancuns im noch künstlicheren Innenleben eines Computers geboren.Das war vor 26 Jahren. Die mexikanische Regierung, seit Jahrzehnten im Kampf gegen die landesweite Armut, hatte die staatliche Entwicklungsgesellschaft FONATUR gegründet.Deren einzige Aufgabe: Dem Tourismus im großen Stil auf die Sprünge helfen, Investoren anlocken, Arbeitsplätze schaffen und - zum Beispiel - gottverlassene Fischerdörfer in mondäne Urlauberzentren verwandeln. Cancun war damals lediglich ein Vorschlag der Inspektoren gewesen.Einer von 17.Das Elektronengehirn wurde gefüttert mit Angaben zur Topographie, zur Sonnenscheindauer, Strandlänge und Sandqualität Dann spuckte es das geeignete Renditeprojekt aus.Der Computer hat sich offensichtlich nicht geirrt.Inzwischen leben auf der mit Schweizer Gründlichkeit erschlossenen Landzunge mehr als 300 000 Menschen davon, jährlich weit über eine Million Touristen erholsame Tage zu bereiten.1981 hatte Cancun gerade einmal 30 000 Einwohner. Obwohl diese rasante Entwicklung erwünscht war, hat Cancun dennoch kaum etwas mit der Version vom Reißbrett gemein.Maximal zweigeschossig sollte der Beton in den tropischen Himmel schießen, 9000 Betten galten als Ziel.Doch die Landzunge ist schmal, der Devisenhunger mächtig.Eine platzsparende Bauweise, das wurde bald deutlich, machte Aufzüge unausweichlich.Sechs Geschosse sind in Cancun keine Seltenheit.Zugegeben: Die Architekten haben den Beton nicht nur in langweilige rechte Winkel gegossen.Die Nähe zu den Ruinen der Maya inspirierte, zumindest hinsichtlich der Formgebung. Doch die Baukräne schwenken hin und her.Cancun vergibt zwar inzwischen weniger Großaufträge an die Beton-Lieferanten.Der Bauboom jedoch scheint grenzenlos, die kurzfristig erzielten Buchungserfolge haben die Goldgräberstimmung angefacht.Die Nachrichten vom Verfall spanischer Bettenburgen habe die Mexikaner im Zeitalter weltumspannender Kommunikation nicht erreicht - oder sie haben sie nicht begriffen.Während Mallorca Hotelklötze abreißt, macht Cancun weiter in Beton.

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