Zeitung Heute : Nur die Hunde waren Zeugen

Malte Lehming

Wahrscheinlich hat das Ganze wirklich nur wenige Sekunden gedauert. Wahrscheinlich war es tatsächlich ein kurzer, harmloser Ohnmachtsanfall, verursacht durch das Stück einer trockenen Brezel, an dem sich der amerikanische Präsident verschluckt hatte. Aber wer weiß schon genau, wie lange George W. Bush am Sonntagabend im Privattrakt des Weißen Hauses alleine und ohne Bewusstsein auf einem dicken Teppich vor laufendem Fernseher lag? Die First Lady telefonierte zu der Zeit in einem anderen Raum. Die einzigen Zeugen des Ereignisses sind zwei Hunde. Exakt rekonstruieren lässt sich der Ablauf folglich nicht.

Die Hunde also, Barney und Spott. Ausgerechnet deren Reaktion muss nun als Indiz für die Stimmigkeit der gesamten Unfall-Theorie herhalten. Warum der Präsident überzeugt davon sei, bloß einige Sekunden lang ohnmächtig gewesen zu sein, wurde der Pressesprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, von besorgten Reportern gefragt. Die Antwort wird vielleicht nicht in die Geschichte eingehen, aber bestimmt diverse Polit-Satiriker auf den Plan rufen. Der Präsident, antwortete Fleischer ernst, gründet seine Überzeugung auf die nachträgliche Feststellung, dass sich seine beiden Hunde während des Sturzes von der Couch offenbar nicht bewegt, sondern ihn lediglich etwas erstaunt angesehen hätten, als er wieder zu Bewusstsein kam.

Sicher ist, dass der 55-Jährige tagelang über Unwohlsein geklagt hatte. Er fühlte sich angeschlagen und matt. Eine Erkältung schien im Anmarsch zu sein. Kein Wunder: Seit dem 11. September war der nicht gerade als Arbeitstier bekannte Bush im Dauereinsatz. Bis auf eine kurze Auszeit über Weihnachten, die er auf seiner Ranch in Crawford verbracht hatte, musste Bush ein für ihn ungewohntes Pensum bewältigen. Hinzu kommt die Jahreszeit. Der Winter, die Kälte: Wer jetzt nicht krank wird, ist auch nicht ganz gesund, sagt der Volksmund.

Deshalb wollte sich Bush am Sonntag schonen. Die kommenden Tage, das wusste er, würden erneut anstrengend. Auf dem Programm stand eine Zweitagesreise in die Bundesstaaten Illinois, Missouri und Louisiana, mit Übernachtung in New Orleans. Denn neben dem Terror und der Rezession drängen die Erfordernisse des Wahljahres auf seine Agenda. Am 5. November entscheidet Amerika über die Neuzusammensetzung des Kongresses. Bislang hat die Partei, die den Präsidenten stellt, bei den Parlamentswahlen meistens verloren. Bush will verhindern, dass sich die Regel in diesem Jahr wieder bestätigt. Entlang des Mississippi sollte er am Montag und Dienstag Betriebe besuchen und Reden halten. Mit einer Erkältung wäre das schwierig geworden.

Prophylaktisch gewissermaßen legte sich Bush am Sonntagnachmittag auf eine Couch und schaltete den Fernseher an. Es lief ein vorentscheidendes Football-Spiel der National League - die Miami Dolphins gegen die Baltimore Ravens. Anfang Februar ist Superbowl, das Endspiel um die Meisterschaft. Generell gilt Bush als außerordentlich fit. Sowohl am Sonnabend als auch am Sonntag hatte er trotz Schwächegefühle sein Fitness-Programm absolviert. Erst im August war er komplett durchgecheckt worden. Die Ärzte bescheinigten ihm eine hervorragende Gesundheit.

Gegen 17 Uhr 35 geschah es dann. Bush aß eine Brezel, verschluckte sich offenbar, er wurde ohnmächtig. Als er wieder zu sich kam, war er verletzt und lag auf dem Boden. Er hatte Abschürfungen an der linken Wange unterhalb des Auges und sich die Unterlippe aufgeschlagen. Wahrscheinlich ist er beim Sturz von der Couch mit dem Kopf gegen einen Tisch geprallt. Als Erstes rief er seinen Leibarzt Richard Tubb an. Der kam sofort und prüfte Blutdruck, Puls, Blutzucker und vieles mehr. Alles in Ordnung. Medikamente wurden nicht verschrieben. Es gebe keinerlei Grund zur Besorgnis, sagte der Arzt.

Er fühle sich bestens, sagte auch Bush am Montagmorgen, bevor er wie geplant seine Zweitagesreise antrat. Der Unfall sei passiert, weil er nicht auf seine Mutter gehört habe. Erst kauen, dann schlucken - diesen Rat habe er missachtet. Wahrscheinlich war es so. Eine harmlose Sekunden-Ohnmacht, was sonst?

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