Zeitung Heute : Nur die Liebe läßt uns beben

SILVIA HALLENSLEBEN

Wenn das Begehren auf Reise geht: Alan Rudolphs meisterlicher Film "Liebesflüstern"VON SILVIA HALLENSLEBENViele Filme erzählen von der Liebe zwischen den Menschen, zumindest tun sie so.Denn nur wenige nehmen die Gefühle ihrer Helden und Heldinnen ernst.Allzu oft bleiben die agierenden Triebkräfte unvermittelte Behauptung: Appetitanregende Körper und Gesichter und die Gepflogenheiten der Erzählkonvention müssen als Signal genügen: Ah, hier ist mal wieder das Begehren unterweges. Der amerikanische Regisseur Alan Rudolph ist viel zu intelligent und eigensinnig, um sich mit solchem Etikettenschwindel abzugeben.Seit über zwanzig Jahren ist Rudolph im Geschäft.Wie sein Lehrer Robert Altmann (der diesen Film produziert hat) bewegte er sich dabei weniger außerhalb als - mal mehr, mal weniger erfolgreich - am Rande des Marktes.Ob "Equinox" oder "Mrs.Parker and the Vicious Circle", ein Rudolph ist erstmal ein Rudolph und erst dann ein Thriller oder ein Biopic.Wenn der Autor uns nun also eine romantische Komödie präsentiert, dann ist zu vermuten, daß anderes erzählt wird als die übliche Symmetrie der Verwicklungen, auch wenn es erst einmal genau so aussieht. Zwei Paare, einander so unterschiedlich, wie sie nur im Film zusammentreffen können, Jeffrey und Marianne Byron (Johnny Lee Miller und Lara Flynn Boyle), jung, reich und schön, gerade frisch vermählt und doch miteinander schon völlig am Ende.Und Lucky und Phyllis Mann (Nick Nolte und Julie Christie), beide in den Fünfzigern, er Klempner, ein "handy man", sie ehemalige Schauspielerin, einander zugetan, aber durch die Vergangenheit entfremdet.Die Byrons bedienen ihr Designer-Appartment mit der Fernsteuerung.Phyllis schaut sich auf ihrer Couch die alten B-Pictures an, in denen sie mitgespielt hat, Lucky hilft sich dabei mit dem Griff nach der nächsten Bierdose über die Hilflosigkeit. Auch sexuell sind die beiden Paare ineinander gespiegelt.Phyllis hat, aus Gründen, die in der Vergangenheit liegen, dem Sex abgeschworen, dafür hat ihr Gatte, der "Lucky-Fix-Man", das Recht, seine Lust den Kundinnen anzudienen.Und während Marianne gekonnt den Träger des Hemdchens von der Schulter rutschen läßt, um ihren Gatten in Stimmung zu bringen, will der sich nur die Sorgen vom Leibe reden. Husbands and Wives.Schön über kreuz läßt Rudolph seine Paare übereinanderfallen.Vor einigen Monaten hatten die Brüder Taviani Goethes "Wahlverwandtschaften" neu verfilmt, brav historisierend, voll erlesenster Langeweile."Afterglow" nun ist, vielleicht ohne es zu wissen, die zeitgenössisch aktuelle Version des Romans.Geheime Bande und Sehnsüchte, Kinderwunsch, Rachegelüste und Seitensprung: Selbst das so gefährlich zwischen Symbolik und Lächerlichkeit treibende Motiv des in der "falschbesetzten" Liebesnacht gezeugten Bastardes findet hier eine glaubwürdige Wiederbelebung als Familientrauma, das zu Tränen rührt.So, wie der Soundtrack von nächtlichem Bargeklimpere bis zu Bécaud-Schmelzern die emotionalen Register zieht, ohne zu schnulzen, so gelingt hier auch sonst eine wunderbare Gratwanderung zwischen Scharfblick, Humor und Romantik, ja Kitsch. "Afterlow" strahlt, wie sein Titel, eine melancholische Gelassenheit aus: "Sometimes you lose things, sometimes you find them".Dabei ist "Afterglow" ein nach allen Seiten offener, aber kein ironischer, selbstreflexiver Film.Sicher, Julie Christie zitiert Gloria Swanson, ohne sie zu kopieren.Wie Lara Flynn Boyle Nolte - erstmal erfolglos - anmacht, das zeigt all das über die Inszenierung von Geschlechterverhältnissen im Kino, was sonst ungesagt bleibt.Und am Ende werden wir beglückt mit einer der raren gelungenen Sexszenen: im Zeitraffer.Aus dem englischen "Afterglow" (Originaltitel) ein "Liebesflüstern" zu machen, darauf muß man erstmal kommen.Sonst läßt sich über die Qualität der deutschen Synchronfassung hier nichts vermelden, da die Presse mit dem Original verwöhnt wurde.Ein Glück natürlich, weil uns so Lara Flynn Boyles schulmädchenhaftes Gesäusel wie auch die frankisierenden Exzesse des Montréaler Yuppietums unversehrt erhalten blieben.War doch Rudolphs letzter Film "Mrs.Parker and the Vicious Circle" an der unsäglichen deutschen Synchronstimme für Jennifer Jason Leigh jämmerlich erstickt. Steinplatz, fsk, Odysee, Olympia (OV)

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