Zeitung Heute : Nur die Liebe macht frei

CHRISTINA TILMANN

Zwei afrikanische Filme zum Thema FrauenemanzipationCHRISTINA TILMANNAfrika, ferne Welt: Was lockt am "dunklen Kontinent"? Das malerisch Fremdartige? Oder die Erkenntnis, daß es dort so fremd letztlich doch nicht zugeht? Zwei afrikanische Filme, jetzt in Berlin zu sehen, geben beides und doch ganz unterschiedlich: Folklore und Kulturkritik aus Frauensicht. "Mossane", Safi Fayes Romeo-und-Julia-Geschichte aus Senegal, erinnert an Murnaus "Tabu": Die tödlich endende Leidensgeschichte einer jungen Frau, die liebt, wo sie nicht darf, und nicht heiraten will, wo sie soll.Angesiedelt in der malerisch-bunten Folklorewelt ritualisierter Dorffeste mit Blüten, Tänzen und Trommelklängen.Dazu Naturaufnahmen zwischen Meer und Savanne, die an Prospekte erinnern.Mossane, das ist Afrika als Naturschauspiel, samt urtümlichen Familienstrukturen, Beschwörungsformeln, Regen- und Liebeszauber.Moderne Zivilisation gibt es kaum, das Kofferradio, das Studenten aus der Stadt mitbringen, wirkt deplaciert in einer Welt, in der noch geheilt wird, indem man Körner auf einer Flechtschale schüttelt, und in der die Konflikte zusammengefaßt werden in der jahrhundertealten Weise vom Tod des Mädchens Mossane. Die Glaubwürdigkeit des Films steht und fällt mit der Darstellerin: "Mossane", in der Sprache der Serer "Schönheit", muß so überwältigend aussehen, daß die gesamte männliche Dorfjugend ihr verfällt, samt ihrem Bruder, dazu noch drei Studenten und ein fern in Frankreich mit Wohlstand winkender Heiratskandidat.Westliche Schönheitsmaßstäbe, ausgerichtet am Ideal der zartgliedrigen Nymphe, versagen.Magou Secks als 14jährige Mossane ist eher robust als ätherisch, aber mitreißend ist sie schon: natürlich, körperbewußt und von unverwüstlicher Heiterkeit.Eine Natürlichkeit, die in um so krasserem Kontrast steht zu den rigiden Traditionen, die das Leben bestimmen. Das Gegenteil in Tunesien: Moufida Tlatli präsentiert in ihrem Spielfilmerstling "Palast des Schweigens" eine überzivilisierte Welt, die an Viscontis Schilderung des 19.Jahrhunderts erinnert.Überall dicke Teppiche, wallende Gewänder, reich geschmückte Tafeln und orientalische Musik.Das Thema aber ist das gleiche: Auch hier geht es um die Emanzipation einer jungen Frau, der ihre Liebe wichtiger ist als der traditionell vorgesehene Lebensplan.Alia, uneheliche Tochter einer Dienerin im Palast des Prinzen von Tunesien, flieht aus der (auch sexuellen) Abhängigkeit in die Freiheit: Fortan tritt sie als Sängerin in Bars auf.In den neueren afrikanischen Filmen scheint weibliche Schönheit nur Bedrohung, nur lästiger Makel, der unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zieht.Die Dienerinnen, die im Palast wie Sklavinnen der Willkür der Herrscher ausgeliefert sind, finden nur untereinander zu jener Natürlichkeit, dem Lachen und Scherzen, die auch den Umgang der Frauen miteinander in "Mossane" bestimmen.Ob die Stadt der Frauen das Ziel der Zukunft ist? Das Schweigen des Palastes im streckenweise etwas langen, durch Rückblenden gegliederten Film bricht nur die Musik, Lautenspiel und Gesang, den Männer wie Frauen gleichermaßen pflegen.Alias Entdeckung der eigenen Stimme, ihr sehnlicher Wunsch, Laute, das Instrument der Oberschicht, zu lernen, geht parallel mit ihrem erwachenden Freiheitsdrang.Der interne Konflikt spiegelt sich im externen: 1956 kämpft Tunesien gegen die französische Besetzung um seine Unabhängigkeit, die zum Sturz des Prinzen und zum Untergang seiner Kultur führt. "Mossane": bis 19.November Filmbühne am Steinplatz, dann im Klick.- "Palast des Schweigens": ab 20.November Steinplatz und Hackesche Höfe.

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