Zeitung Heute : „Nur eine Episode“

Der Tagesspiegel

Wie erklären Sie den Ausgang der Wahl?

Das war eine Denkzettelwahl und zwar für beide - Chirac und Jospin.

Ein ziemlich problematischer Denkzettel. Fehlt den Franzosen das Gespür dafür, was ein solches Ergebnis nach innen und nach außen, besonders nach Europa, aussendet?

Das Ganze war eine Fehleinschätzung. Die Leute haben sich gesagt, Jospin kommt sowieso in die Stichwahl, also brauche ich im ersten Wahlgang nicht für ihn zu stimmen. So sind sie einfach zu Hause geblieben oder haben erst einmal einen Kandidaten aus den kleinen Gruppen gewählt. Leider haben ein Prozent zu viel von den Franzosen so gedacht und gehandelt.

Nur die Le Pen-Anhänger haben komplett für ihren Kandidaten gestimmt.

Diese Leute haben nie daran gedacht, dass Le Pen Präsident werden kann. Und das wird er auch nicht. Le Pen bekam bei den Umfragen Woche für Woche eine höhere Zustimmung, obwohl er kaum Wahlkampf gemacht hat. Niemand hat damit gerechnet, dass er den zweiten Platz erringt.

Hat der wachsende Antisemitismus in Frankreich zu dem Erfolg Le Pens beigetragen?

Nein. Le Pen ist viel anti-arabischer eingestellt als anti-semitisch. Er hat schon jüdische Extremisten benutzt, um Araber verprügeln zu lassen. Die Vorgänge in Nahost sehen sich die Franzosen an. Aber außer französischen jüdischen oder arabischen Menschen fühlen sich die Bürger nicht direkt betroffen.

Was war dann der Grund für den Wahlausgang?

Das Thema von Le Pen ist Kriminalität und Sicherheit. Abend für Abend berichtet das Fernsehen von Verbrechen und von irgendwelchen Zwischenfällen, die vorher nie erwähnt wurden. Noch am Samstagabend brachte das Fernsehen einen langen Bericht über einen alten Mann, der von zwei jungen Männern überfallen wurde. Das war Thema des Tages. Da fühlen sich alle Franzosen direkt betroffen.

Wer wird am 5. Mai französischer Präsident?

Der große Sieger wird Chirac heißen. Le Pen bleibt eine Episode. Es gibt kein rechtsextremes Frankreich. Le Pen benutzt keine Haider-Sprache. Er ist alt geworden und gemäßigter, auch wenn seine politischen Grundüberzeugungen dieselben geblieben sind.

Also doch kein Erdbeben in Frankreich?

Ein Wahl-Erdbeben, ein Erdbeben für die Parteien, aber kein gesellschaftliches Erdbeben.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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