Zeitung Heute : Nur einmal irrt Kroatiens Adenauer

MICHAEL ROSENTRITT

ST.DENIS .Miroslav Blazevic hatte sich noch einmal die Krawatte gerichtet, nach diesem hitzigen 90 Minuten.Der Mann, der in Bosnien-Herzegownia geboren wurde und mit doppelter Staatsbürgerschaft (Kroatien, Schweiz) ausgestattet ist, hat ein ganz eigenes Verständnis davon, was sich für öffentliche Auftritte selbst nach Niederlagen gehört.Wenngleich er sogar zweimal (bei drei Antworten) die französische Dolmetscherin korrigierte, die daraufhin brüskiert im Auditorium untertauchte.

Niedergeschlagen? Nein, sagte der Trainer Kroatiens nach dem 1:2 im WM-Halbfinale gegegen Frankreich."Wir sind zwar etwas enttäuscht, daß es nicht ganz gereicht hat, aber ich wage nicht daran zu denken, daß wir mit ein bißchen mehr Glück das Finale hätten erreichen können.Leider aber hat uns in entscheidenen Momenten die nötigen Konzentration gefehlt."

Denn beinahe wäre sie ja wieder aufgegangen, die eigenwillige Taktik der kühnen Kroaten, die schon im Viertelfinale den Deutschen zum Verhängnis geworden war.Aus einer massiven Abwehr heraus recht passiv, ja beinahe einschläfernd agierend, wartete die kroatische Elf erstmal nur ab.Quer- und Rückpässe summierten sich nicht zu einem Raumgewinn, der Ball wurde bestenfalls in den eigenen Reihen gehalten.Aber dann! Geradezu überfallartig wurden die Konter gefahren, die beinahe auch Frankreich ausgehebelt hätten.

Am Mittwoch war es in der 46.Minute soweit.Ein langer und diagonaler Paß von Mannschaftskapitän Zvonimir Boban reichte, und Schlitzohr Davor Suker vollendete den ersten richtigen Angriff des WM-Neulings zum 1:0.Wie sagte doch Blazevic in Anlehnung an sein taktisches Kalkül: "Ich bin wie Adenauer.Ich gehe nur schrittweise vor." Nur daß er dieses Mal den nächsten Schritt nicht geplant haben dürfte.

Abwehrrecke Dario Simic erhob stellvertretend seine Stimme: "So ist eben Fußball.Du gehst in Führung und bist eigentlich auf der guten Seiten, doch nur eine Minute später sieht alles schon wieder ganz anders aus." Die zeitliche Winzigkeit von einer Minute, in fußballerischen Dimension gerechnet, hatte auf dem Pariser Rasen die Theorie längst eingeholt.Eine anfängerhafte Unachtsamkeit in der Abwehr hatte praktisch im Gegenzug die Kroaten um den Torvorteil und anschließend aus dem Konzept gebracht.Nach dem später folgenden 1:2 gar, "hatte meine Mannschaft nicht mehr die nötige Energie", sagte Trainer Blazevic, der dennoch davon sprach, "daß wir uns wie kleine Weltmeister fühlen dürfen".

Staatspräsident Franjo Tudjman hatte seinen kickenden Landsleuten schon vor dem Semifinale zugesichert: "Ihr seid kroatische Ritter." Daraufhin angesprochen, mochte schwärmte selbst der sont eher pessimistisch wirkende Blazevic: "Es ist schon erstaunlich, zu welcher Leistung dieses junge Team fähig ist.Wir längst nicht unseren Höhepunkt erreicht.Wir werden wiederkommen." Zunächst aber wollen die Kroaten aus Frankreich "wenigstens eine Medaille mit nach Hause nehmen", sagte Torschütze Suker, der am Sonnabend ebenfalls in St.Denis im Spiel um den dritten Platz auf das holländische Team treffen wird.Denn schließlich weiß nicht nur Miroslav Blazevic, was sich gehört.

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