Zeitung Heute : "Nur in Berlin" – und bloß nicht in der Provinz

Geboren aus der Krise Preußens, neu errichtet nach der Wiedervereinigung: Eine kurze Geschichte der Humboldt-Universität

Heinz-Elmar Tenorth

„Der Staat muß durch geistige Kräfte ersetzen, was er an physischen verloren hat.“ Dies war nach den Niederlagen von 1806 die bildungspolitische Maxime des preußischen Königs. Wilhelm von Humboldt beabsichtigte, die Einrichtung von „höheren wissenschaftlichen Anstalten“, zur Förderung der „moralischen Cultur der Nation“ und um „die Wissenschaft im tiefsten und weitesten Sinne des Wortes zu bearbeiten“. Um sein Modell einer Universität durchzusetzen, verbündete sich Humboldt 1809/10 als Leiter der Sektion für Unterricht und Cultus im preußischen Innenministerium (ein Kultusministerium gibt es erst 1817) mit anderen Reformern, vor allem dem Theologen Schleiermacher. Im Oktober 1810 wird der Lehrbetrieb mit 58 Lehrenden, davon 25 Ordentliche Professoren, und 256 Studierenden eröffnet.

Diese neue Universität repräsentiert eine Mischung moderner und traditioneller Elemente: Modern ist vor allem der Primat der Forschung in der wissenschaftlichen Arbeit, eher konventionell die Fakultätsstruktur; modern wiederum die Abwehr von Kontrollphantasien gegenüber den Studenten und der Mut, eine Universität nicht in der Provinz und fern aller Verführungen, sondern in der Großstadt einzurichten. „Nur in Berlin“ hält Humboldt die Gründung für aussichtsreich, inmitten der wissenschaftlichen Einrichtungen, von der Akademie bis zur Charité, umgeben von reichhaltigen Sammlungen für Kunst und Naturwissenschaft. Forschung, so seine These, könne nur hier gedeihen.

Neu ist auch der Anspruch, die Studierenden durch die Teilhabe an Wissenschaft und Forschung zu „bilden“. „Denn nur die Wissenschaft, die aus dem Innern stammt und ins Innere gepflanzt werden kann, bildet auch den Charakter aus, und dem Staat ist es ebenso wenig als der Menschheit um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu tun“, schreibt Humboldt. Von Anfang an wird aber die „Doppelaufgabe“ der Universität betont, neben der Bildung das Ziel, die Studierenden „zum Eintritt in die verschiedenen Zweige des höheren Staats- und Kirchendienstes tüchtig zu machen“, nicht Zweckfreiheit ist die Intention, „Einsamkeit und Freiheit“ bedeutet die Hingabe an die eigene wissenschaftliche Arbeit und die Autonomie gegenüber dem Staat.

Einen leichten Start hat die „Universität zu Berlin“, seit 1827 Friedrich-Wilhelms- und seit 1949 Humboldt-Universität zu Berlin, indes nicht. Der König schenkt zwar das Prinz-Heinrich-Palais unter den Linden, aber Humboldt muss erst die Mieter vertreiben, der Befreiungskrieg bremst die Aktivitäten, manche Berufungswünsche, etwa des Mathematikers Carl Friedrich Gauß aus Göttingen, lassen sich nicht einlösen. Erst allmählich wächst die studentische Nachfrage, als auch die prominenten Professoren lehren und ihren Wissenschaften eine neue und folgenreiche Begründung geben, darunter Schleiermacher in der Theologie, Hegel in der Philosophie, Boeck für die Philologie, Ranke und Droysen für die Historie, Virchow in der Medizin, Helmholtz für die Naturwissenschaften. 1818/19 sind es schon 1161 Studierende.

Die Berliner Universität ist bald – mit München – die größte im deutschen Sprachgebiet. Die Zahl der Professoren wächst von 112 im Jahre 1830 auf 491 für 1910, bei dann mehr als 8200 Studierenden (und 53 500 in Deutschland insgesamt). Für den breiten und produktiven Ausbau der Forschung stehen neben den Ordinarien (94 im Jahr 1910) vor allem die zahlreichen Privatdozenten, Honorar- und außerordentlichen Professoren und die große Zahl der wissenschaftlichen Institute und Seminare.

Bei der Jahrhundertfeier 1910 ist die Universität weltweit geachtet, wissenschaftlich führend, im politischen System des Kaiserreichs als „Leibregiment der Hohenzollern“ in ihrer staatstragenden Rolle anerkannt, selbstbewusst und stark. Die ersten Nobelpreise werden an Berliner Wissenschaftler verliehen, nicht nur an Naturwissenschaftler, sondern 1902 auch an den Historiker Theodor Mommsen – für Literatur.

1910 ist für die Universität ein stolzes Jubiläumsjahr auf dem Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen Erfolge. Zugleich zeichnen sich aber auch künftige Problemlagen ab, die weit über Berlin hinausweisen. Der Rektor der Universität, der Theologe Harnack, wünscht sich vom Kaiser die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und etabliert damit die außeruniversitäre Forschungskonkurrenz. Der Weltkrieg isoliert die deutsche Wissenschaft, die Professoren finden danach auch in Berlin nur mühsam ein Verhältnis zur Weimarer Republik. 1933 verliert die Universität mehr als 30 Prozent ihres wissenschaftlichen Personals, in zahlreichen Disziplinen, bei Professoren und Studenten ist die Nähe zum Nationalsozialismus unverkennbar, Widerstand jedenfalls rar.

Nach 1945 gerät der Neuaufbau bald unter das Regiment von Besatzungsmacht und SED, die Gründung der Freien Universität Berlin zeigt den massiven Druck. Die Humboldt-Universität steht unter dem Primat von sozialistischer Erziehung und ideologischer Kontrolle – und kann nur mühsam ihr wissenschaftliches Ethos behaupten. Nach 1990/91 muss mit Unterstützung von außen die Universität im Geiste Humboldts neu eingerichtet werden. Mehr als 32 000 Studierende und 400 Professoren messen sich heute an dieser Tradition.

Im Rückblick auf ihre Geschichte erfährt die Universität jetzt auch, dass zwischen den großen Programmsätzen und der Realität nicht selten ein Bruch bestand. Humboldts Prinzipien – die Einheit von Forschung und Lehre, die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, Forschung als funktionaler Imperativ, die universitas litterarum – werden als „Idee der deutschen Universität“ seit dem 20. Jahrhundert vor allem im Abwehrkampf gegen den Staat immer neu beschworen. Aber sie beschreiben nur selten auch die Realität der universitären Arbeit, besonders nicht in der Lehre.

Im internationalen Kontext achtet und kennt man dieses Universitätsmodell, die USA, China oder Japan lassen sich davon inspirieren. Dabei übernehmen sie die Organisations-, Lehr- und Forschungsstruktur nicht etwa unverändert, sondern in produktiver Anpassung an die eigene Situation. „Das moderne Original“, so die Selbstbeschreibung der HU zur 200-Jahrfeier, liefert aus eigener Tradition primär die Kriterien zur Gestaltung der modernen Universität und zeigt den Anspruch, dem man nicht ausweichen kann. Gestalten muss man die Universität immer neu – und dabei so mutig bleiben wie ihr Gründer, Wilhelm von Humboldt.

Der Autor ist Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der HU. Am 1. April erscheint im Akademie-Verlag die „Geschichte der Universität zu Berlin 1810-2010: Biographie einer Institution, Praxis ihrer Disziplinen“, die Tenorth gemeinsam mit Rüdiger vom Bruch herausgibt.

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