Zeitung Heute : Nur nicht nörgeln

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

Sommerurlaub mit den Eltern war eine furchtbare Sache. Andauernd musste man warten. Zuerst ging’s ewig nicht los zum Strand, weil ich angeblich das Aufblasding für die Luftmatratze verbummelt habe („Wir können auch ohne fahren, aber dann pustest du das Ding so auf“). Dann fuhr man ewig, („Der schönste Strand ist eben nicht immer der nächste Strand“), dann suchte man lange nach einem Parkplatz, („Die anderen haben nicht so getrödelt“), dann lag man am Strand und wusste nicht, was man tun sollte („Och, lass uns doch jetzt mal ein bisschen lesen, ja? Bau noch ’neSandburg“), dann fuhr man ewig nicht los, obwohl ich schon einen Riesenhunger hatte („Und wir sagen noch: Iss ordentlich, dann bekommst du nicht so schnell wieder Hunger“) und dann… dann kommt das Schlimmste. Endlich ist man vom langweiligen Strand weg, endlich hat man sich für eines der drei möglichen Restaurants in der Ostseeferienmetropole entschieden, man hat einen Riesenhunger – und man stellt sich erstmal hinten an („Bitte haben Sie Geduld. Sie werden platziert“).

Die Hälfte des Restaurants ist zwar leer, aber der Kollege, dessen „Revier“ das ist, hat gerade Urlaub. Ist ja Ferienzeit. Die übrigen Kollegen finden es gar nicht schön, dass ausgerechnet sie mitten in der Ferienzeit arbeiten müssen; da kommen immer so viele Urlauber und maulen rum, weil sie so lange anstehen müssen. Die Kollegen platzieren sehr langsam, sie sind auch sehr unfreundlich („Ja, was denn, ich kann nich’ hexen“), und was auf der Karte steht, gibt es schon lange nicht mehr („Sie sehen ja, was hier los ist. Da sind die Schnitzel schnell raus. Soljanka is’ noch“). Unmut allerorten, jetzt bin nicht nur ich sauer auf die Erwachsenen, sondern die Erwachsenen sind auch noch sauer auf den ganzen Osten.

So war das damals im Sommerurlaub. Jetzt ist kein Urlaub, Sommer ist schon gar nicht, und damals ist auch lange vorbei. Jetzt ist man selbst Elternteil und organisiert den Ausflug. „Kinder, Eis bedeckt die Gewässer, das gucken wir uns an, und hinterher gehen wir schön was essen.“ Sonntag, der Neue See im Tiergarten, Millionen Menschen mit derselben Idee wanken übers Eis. Man könnte ja auch über die schönen Wege gehen, aber auf denen stolpert man nicht über so viele andere Leute, und Rutschbahnen, auf denen die Kinder lustig hinfallen und sich die Hosen nasskalt machen, gibt es da auch nicht so viele.

Als wir das „Café Am Neuen See“ betreten, ist da schon die eine Hälfte der Millionen vom See, und die Kellnerinnen rennen verschwitzt hin und her – „Nein, hier nicht, da kommt gleich ’ne Gruppe. Kinderstuhl? Du, keine Ahnung. Milchcafé? Klar, kann einen Moment dauern. Oh, ein Lappen, ja, bring’ ich gleich.“ Die andere Hälfte der Millionen vom See kommt, als wir endlich Plätze gefunden haben und nun auf die überforderte Bedienung warten. Es bildet sich eine Schlange hungriger Freizeitmenschen mit quengelnden Kindern, und – obwohl sich die Kellner viel mehr Mühe geben – ist plötzlich alles wie damals im Sommerurlaub. Blöderweise sind weder meine Eltern noch der Osten schuld.

Jetzt, da das Eis auf dem Neuen See schmilzt, findet man im Café am Neuen See bestimmt sofort einen Platz. Ob die Kellner, wenn’s nicht so brummt, auch so freundlich sind, muss man sehen.

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